Anleihen: Dramatisches erstes Quartal mit anhaltendem Risiko für Rücksetzer


01.04.22 17:05
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Hoffnungen auf eine Deeskalation im Krieg Russlands und der Ukraine sind im Wochenverlauf wieder gesunken, die Sorgen vor einem Öl-Embargo von russischem Öl und seine Folgen jedoch gestiegen, so die Deutsche Börse AG.

Damit sei die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer im Anleihegeschäft gesunken.

Zu Wochenbeginn hätten Nachrichten über einen möglichen Waffenstillstand der Kriegsparteien das Risikosentiment positiv beeinflusst und Anleihen in Deutschland, Europa und auch in den USA auf Talfahrt geschickt. Am Donnerstag sei ein risikoaverser Quartalsausgang gefolgt: Die Kurse hätten sich erholt. Die Renditen hier zu Lande seien so stark zurückgegangen wie seit vier Wochen nicht. Die Rendite zehnjährige Bundesanleihen stehe am Freitag Vormittag bei 0,54 Prozent. Zwischenzeitlich sei sie auf 0,64 Prozent angestiegen, so hoch wie zuletzt 2018. Der Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) falle auf 158,10 Zähler.

"Am letzten Handelstag vor dem Wochenende stehen die Zeichen bei Staatsanleihen weiter auf Verkauf", berichte Gregor Daniel. der für die Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank Anleihen auf dem Frankfurter Parkett handele. Die Inflation im Euroraum von 7,5 Prozent habe die Konsens-Erwartungen von 6,7 Prozent übertroffen, sei aber dennoch keine Überraschung: "Bereits veröffentlichte nationale Daten wie etwa aus Deutschland waren schon höher als prognostiziert."

"Das erste Quartal war dramatisch für die Finanzmärkte: Russlands Einmarsch in der Ukraine, die Beschleunigung der Inflation, der Beginn eines weiteren Zinserhöhungszyklus der US-Notenbank sowie eine Umkehrung der zwei- und zehnjährigen Renditekurve", würden Henry Allen und Jim Reid von der Deutschen Bank zusammenfassen.

Von steigenden Energiepreisen getrieben würden die Inflationsraten weiter steigen. "Längst sind alle Inflationsprognosen überholt", fasse Martin Hartmann von der Commerzbank zusammen. Es drohe eine Energiepreiskrise, der Ukraine-Krieg erhöhe den Preisdruck stark.

Zur Wochenmitte hätten sich denn auch die Rezessionssignale gemehrt: Die Zinsstrukturkurve der US-Treasuries sei sehr flach geworden. Die Verzinsung zweijähriger US-Anleihen habe kurzzeitig die der zehnjährigen überstiegen. Diese inverse Zinskurve sei zwar nur von kurzer Dauer gewesen. Händler würden jedoch daraufhin weisen, dass die Renditen für Papiere mit fünf Jahren Laufzeit schon länger höher sei als die für Titel, die für zehn Jahre ausgegeben worden seien.

Üblicherweise würden Staatsanleihen mit längerer Laufzeit wegen der Zinsänderungsrisiken höhere Zinsen abwerfen als kürzer laufende. Kehre sich das Verhältnis um, würden viele Ökonomen das als Warnung vor einer anstehenden Rezession deuten. "Seit den späten 1960er Jahren hat eine inverse Zinsstrukturkurve bisher jede Rezession innerhalb von zwei Jahren vorhergesagt", warne Hartmann. Bis zu acht Zinsschritte der US-Notenbank seien nun in den US-Futures eingepreist.

"Nur, wenn es extrem viele schwache Konjunkturdaten gäbe, könnte die FED von ihrem Straffungskurs abweichen", prognostiziere auch Tim Oechsner von der Steubing AG. Aktuell würde für die nächste Zinserhöhung im Mai ein größerer Zinsschritt von 50 Basispunkten gepreist.

Was vor dem Inflationshintergrund folgerichtig erscheine, sei konjunkturell jedoch mit Skepsis zu betrachten, warne Robert Halver von der Baader Bank: "Eine Volkswirtschaft wie die US-amerikanische, die wie keine andere kreditfinanziert und ohnehin überschuldet ist, kann nicht strikte Preisstabilität befolgen." Daher spreche viel dafür, dass spätestens bei Erreichen des sogenannten "neutralen" Notenbankzinses - den die FED bei 2,4 Prozent schätze und der das Wachstum weder anrege noch bremse - Schluss mit Zinsrestriktionen sei.

"So war es bereits beim letzten Zinserhöhungszeitraum zwischen 2015 und 2019", blicke Halver zurück. Schon damals habe dieses Leitzinsniveau zu restriktiv gewirkt, sodass Zinssenkungen gefolgt seien. "Tatsächlich erwarten die Finanzmärkte, dass die FED spätestens 2024 zurückrudern wird und preisen dann sogar Zinssenkungen um 0,5 Prozent ein."

Auch die EZB müsse nun handeln: "Die EZB ist ja nicht erst jetzt unter Druck, sondern lag mit ihren Inflationserwartungen seit langem völlig schief", blicke Simone Wallmeyer von der ICF Bank zurück. Nun würden viele Signale auf eine Rezession hinweisen. "Und wenn Rezession auf Inflation trifft, so wie es im Moment zu werden droht, sprechen wir von Stagflation."

Noch sänken hier zu Lande noch die Arbeitslosenzahlen, erkläre Wallmeyer. "Aber in einer Stagflation drohen schrumpfende Nachfrage, rückläufige Produktion und steigende Arbeitslosigkeit." Dieses Szenario sei ein Drahtseilakt für Notenbanken. "Und sie tun sich seit langem schon schwer, flexibel auf die Situation zu reagieren - allen voran die EZB." Sie wolle Banken in Italien und Griechenland stützen und hoch verschuldete Staaten mit frischem Geld versorgen. "Dass die Preise stetig steigen, möchte sie gerne übersehen. In einer Stagflation sind die Staaten gefragt, aber auch auf dieser Ebene konnten wir bislang keinen Support erkennen."

Für Anleger*innen bleibe die Lage schwierig: "Auch auf dem aktuellen Niveau können die Renditen für Bundesanleihen die Inflationsraten nicht auffangen", beurteile Wallmeyer die Lage. Das dürfte auf längere Sicht so bleiben. Oechsner ergänze, dass der Anleihenmarkt angeschlagen sei und das Risiko für Rücksetzer nach wie vor bestehe.

Von den Staatspapieren seien nach Angaben Oechsners kurzlaufende US-Treasuries gesucht. Darunter ein Papier, das zu 2,625 Prozent verzinst werde und bis 2025 laufe und eins mit 1,375 Prozent Kupon bis 2023.

In Europa seien bei seinen Kunden überraschenderweise Papiere Polens gesucht. Käufer fänden sich für Papiere mit 2,750 Prozent Kupon (ISIN PL0000107611 / WKN A1UG23) bis 2028. Kürzere Laufzeiten bis 2026 (ISIN PL0000108866 / WKN A1Z6RJ) und 2024 (ISIN PL0000111191 / WKN A2RS89), deren Papiere mit je 2,5 Prozent Kupon ausgestattet seien, würden ebenfalls zu den gefragten Werten gehören.

Daniel verzeichne einen regen Handel bei Neuemissionen. Allerdings seien die Stückelungen meist hoch. Bei moderaten Umsätzen vor dem Wochenende stoße ein langlaufender Bond (ISIN XS1064049767 / WKN A11QFG) der Württembergischen Leben auf Kaufinteresse: Das Papier mit 5,25 Prozent Verzinsung werde 2044 fällig. Sie könne durch den Schuldner vorzeitig zum 15.04.2024 zu 100 Prozent zurückgezahlt werden.

Oechsner kommentiere, dass der Primärmarkt wieder funktioniere, wenngleich bei niedrigen Umsätzen. Nach den Verwerfungen von Anfang März sei der Markt zeitweise wieder im alten Fahrwasser. "Banken und Unternehmen drängen wieder an den Bondmarkt." So sehe Oechsner viel Geschäft bei Unternehmens- und Bankenanleihen. Die Deutsche Bank habe eine Tier-1 Nachrang-Anleihe mit einem festen Kupon von 4 Prozent bis Juni 2027 emittiert. Die Anleihe werde im März 2032 fällig. Hohe Nachfrage mache Oechsner auch bei Papieren der VW Financial Services aus. Sie seien mit 0,125 Prozent Kupon ausgestattet und würden bis 2027 laufen.

Wallmeyer berichte von hoher Nachfrage nach Daimler Truck-Anleihen bei ihrem Debüt am Euro-Anleihenmarkt mit einem 18-monatigen Floater sowie drei- und fünfjährigen Festzinstiteln. Außerdem habe das Unternehmen in den USA eine weitere Emission von drei Tranchen mit einem zweijährigen Floater und drei- bzw. fünfjährigen Festzinstiteln angekündigt. (01.04.2022/alc/a/a)





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DE0009652644 965264 177,61 140,80
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