Anleihenmarkt Aufatmen nach Ja zum Schuldenschnitt


09.03.12 10:17
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Zwischen Hoffen und Bangen: So lässt sich die Stimmung der vergangenen Tage beschreiben, so die Deutsche Börse AG.

"Die ganze Woche zitterten die Marktteilnehmer der Deadline Donnerstag 21:00 Uhr entgegen", berichte Arthur Brunner von ICF Kursmakler. Bis dahin hätten sich private Gläubiger für oder gegen das griechische Umschuldungsangebot entscheiden müssen.

Schon am Nachmittag habe sich angedeutet, dass es mit der Zustimmung klappen werde, am Abend sei dann die erlösende Nachricht gekommen: Die freiwillige Zustimmungsquote liege bei 85,8 Prozent, unter Anwendung der Collective Action Clause, einer Zwangsklausel, steige die Quote auf 95,7 Prozent. "Die restlichen 4,3 Prozent sind Anleihen, die britischem, nicht griechischem Recht unterliegen", erkläre Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft.

Aufgrund der Zwangsklausel falle die Begeisterung am Markt allerdings etwas dünn aus, zudem bleibe wegen der Kreditausfallversicherungen, die nun ausgelöst werden sollten, noch ein Rest Unsicherheit. Sorgen um Griechenland hätten zuvor abermals zu einer Flucht in Bundesanleihen geführt, der richtungweisende Euro-Bund-Future sei diese Woche auf einen neuen Rekordstand von 140,52 Prozent geklettert. Heute notiere er bei 138,38 Prozent, die Rendite für zehnjährige Bundesanleihen liege bei 1,80 Prozent.

Der Handel mit griechischen Anleihen (ISIN GR0110021236 / WKN A0T6US, ISIN GR0124018525 / WKN 830275, ISIN GR0114020457 / WKN A0LN5U) sei bereits seit Anfang der Woche ausgesetzt. Gregor Daniel rechne damit, dass der Austausch alter Papiere in neue am kommenden Montag stattfinde und der Handel am Dienstag starte. "Außerbörslich wird bereits gehandelt." Anleger hätten 24 unterschiedliche Anleihen mit verschiedenen Laufzeiten und Nennwerten erhalten. "Da die neuen griechischen Anleihen im grauen Markt vorab zurzeit bei etwa 20 Prozent gehandelt werden, können die Anleger den Wert ihrer alten Anleihen bei 21 Prozent berechnen", erkläre Brunner.

Wegen des Zitterns um Griechenland sei die EZB-Ratssitzung am gestrigen Donnerstag fast unter gegangen. Laut Helaba sei aber deutlich geworden, dass die Währungshüter derzeit nicht über weitere geldpolitische Stimulierungsmaßnahmen in Europa nachdenken würden. "Vielmehr sprechen der unerwartete Anstieg der europäischen Teuerungsrate auf zuletzt 2,7 Prozent und die nach oben revidierten Inflationsprojektionen der Zentralbank gegen weitere Lockerungen", würden die Analysten meinen. Hinweise auf eine wieder restriktivere Politik hätten im Umfeld der europäischen Schuldenkrise und der hohen Risiken ebenfalls gefehlt. "So ist zu erwarten, dass die EZB in den kommenden Monaten wohl in ihrer abwartenden Haltung verharrt. Leitzinserhöhungen wird es auf lange Sicht nicht geben."

Unterdessen brumme im Bereich Unternehmensanleihen das Geschäft mit Neuemissionen weiter, die Konditionen für Anleger würden allerdings unattraktiver: Etwa habe HeidelbergCement für eine neue, bis 2016 laufende Anleihe (ISIN XS0755521142 / WKN A1G119) nur 4 Prozent bieten müssen. "Die Altemissionen waren in den letzten Wochen sehr gefragt. Dadurch konnte sich das Unternehmen im aktuellen Marktumfeld günstiger refinanzieren", erkläre Stopp.

Insgesamt sei die Anleihe gut aufgenommen worden - trotz des niedrigen Kupons, melde Rainer Petz von Close Brothers Seydler. "Zwischenzeitlich rutschte sie unter den Reoffer-Preis, mittlerweile wird sie wieder über 100 gehandelt." Im Oktober habe HeidelbergCement allerdings noch eine Anleihe (ISIN XS0686703736 / WKN A1GV10) mit einem Zins von 9,5 Prozent begeben, die auch nur zwei Jahre länger laufe.

Zudem gebe es eine neue Anleihe (ISIN XS0756457833 / WKN A1ML0A) von MAN, die erste nach drei Jahren. Das Unternehmen zahle lediglich 2,125 Prozent, die Rückzahlung erfolge 2017. Wie Stopp berichte, habe auch der finnisch-schwedische Papier- und Verpackungshersteller Stora Enso die positive Stimmung nutzen können, um 500 Millionen Euro frisches Kapital einzusammeln. Der Kupon liege bei 5,5 Prozent, die Anleihe (ISIN XS0754290459 / WKN A1G1XB) laufe bis 2019. "Das Unternehmen ist mit der Note Ba2 ausgestattet", berichte der Händler. "Auch Ramsch lässt sich noch platzieren."

Nicht mehr viel wissen wollten Anleger hingegen von Anleihen (ISIN DE000A1H3JZ8 / WKN A1H3JZ) von Praktiker. Der Grund: Anleihegläubiger sollten sich an der Sanierung der angeschlagenen Baumarktkette beteiligen und auf den Löwenanteil der Zinsen verzichten. Statt 5,975 sollten sie nur noch 1 Prozent Zinsen auf die bis 2016 laufende Anleihe erhalten. "Der Kurs rutschte innerhalb gut einer Woche von 57 auf 33 Prozent", berichte Petz.

Gleichzeitig würden Anleihen (ISIN XS0641270045 / WKN A1H3W6, ISIN XS0478864225 / WKN A1CR73) von Solarworld unter Druck bleiben. "Gestern rutschte Solarworld unter 50 Prozent, ohne neue Nachrichten", melde ein Händler der Hellwig Wertpapierhandelsgesellschaft mit Blick auf die bis 2016 beziehungsweise 2017 laufenden Anleihen. Vergangenen Sommer seien diese noch zu rund 100 Prozent über den Tisch gegangen.

Gesucht gewesen seien Daniel zufolge hingegen die bis 2014 laufende Anleihe (ISIN DE000AB100C2 / WKN AB100C) von Air Berlin sowie Papiere von GFW Capital und EDP Finance. Auch Fremdwährungsanleihen seien gefragt geblieben. "Wir sehen verstärkt Aktivitäten in Australischen Dollar und Türkischen Lira."

Laut Brunner hätten sich Anleger angesichts der Unsicherheiten um Griechenland hauptsächlich auf kurz laufende Unternehmensanleihen wie die der TUI konzentriert, die Ende des Jahres fällig sei. "Am heutigen Freitag ist wieder mehr Risiko gefragt", ergänze der Händler. Ein typisches Beispiel sei die Nachranganleihe (ISIN XS0171797219 / WKN 273032) der IKB, die deutlich zugelegt habe.

Am kommenden Montag starte übrigens die Zeichnung für eine Anleihe (ISIN DE000A1MASJ4 / WKN A1MASJ) von SINGULUS über die Börse Frankfurt, die im Entry Standard gehandelt werden solle. Diese werde zu 7,75 Prozent verzinst und laufe bis 2017, die Stückelung liege bei 1.000 Euro. Listing Partner und Spezialist sei Close Brothers Seydler. SINGULUS baue unter anderem Produktionsanlagen für Datenträger wie CD und DVD, seit einigen Jahren auch Anlagen für die Solarbranche. Die SINGULUS-Aktie sei Mitglied im TecDAX. (09.03.2012/alc/a/a)