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EZB-Entscheid: Zinserhöhung? Verschoben


14.03.19 12:45
DWS

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Wenn Mario Draghi im Herbst sein Amt als Präsident der Europäischen Zentralbank an einen Nachfolger übergibt, wird er der erste Präsident der Euro-Notenbank sein, der in acht Jahren kein einziges Mal den Leitzins erhöht hat - so viel steht nun fest, so Ulrike Kastens, Volkswirtin der DWS.

Denn frühestens 2020, so habe die EZB nach ihrer jüngsten Sitzung mitgeteilt, könne angesichts der mauen Wachstums- und Inflationsaussichten nun an eine Zinserhöhung gedacht werden.

Anleger, die 2019 auf wieder höhere Zinserträge gehofft hätten, würden sich damit abermals enttäuscht sehen. Bei Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit habe sich bei Bekanntwerden der neuen EZB-Einschätzung die Marktrendite vorrübergehend auf 0,06 Prozent halbiert und bei neunjährigen Laufzeiten sei sie sogar wieder ins Minus gerutscht.

Die Überraschung über den neuen Pessimismus der Notenbanker sei groß gewesen. Schließlich habe die EZB den sukzessiven Rückbau ihrer ultraleichten Geldpolitik für dieses Jahr angekündigt. Für die Sommermonate sei sogar eine erste Anhebung des Leitzinses nach drei Jahren Nullzins in Aussicht gestellt worden. Nun müssten Investoren, Sparer und Banken mit der Erkenntnis leben, dass die Zinswende im Extremfall noch auf Jahre verschoben sein könnte.

Die Argumente der Notenbanker hätten es in sich: Sie würden befürchten, dass das Wirtschaftswachstum im Euroraum zu schwächeln beginne und die Inflation weniger denn je Anstalten zeige, von ihrem ungewöhnlich niedrigem Niveau wieder auf ihr gewohntes Level zurückzukehren. Eine solche Gemengelage spreche eher für ein weiteres Lockerlassen der Zügel und nicht für baldige Leitzinserhöhungen.

Aus Anlegersicht würden damit Investments in neue Staatsanleihen der Euroländer wohl noch für eine geraume Zeit unattraktiv bleiben. Allenfalls Unternehmensanleihen scheinen im festverzinslichen Anlagesegment noch eine einigermaßen auskömmliche Rendite zu versprechen. Investoren müssten dafür aber ein deutlich höheres Risiko in Kauf nehmen.

Wer EZB-Aussagen im Detail studiere, der finde tatsächlich frappanten Pessimismus. So erwarte die Notenbank für die Eurozone in diesem Jahr nur noch ein volkswirtschaftliches Wachstum von 1,1 Prozent. Bislang seien die Währungshüter von 1,6 Prozent Expansion ausgegangen. Im nächsten Jahr sollten es 1,6 Prozent und 2021 nur 1,5 Prozent sein. Diese magere Prognosereihe versehe die Notenbank auch noch mit dem Hinweis, dass die Vorhersagen erneut wackeln könnten, falls sich etwa der internationale Handelskonflikt der USA mit China und der EU ausweiten sollte.

Auch bei der Inflation im Euroraum, der wichtigsten Orientierungsgröße der Frankfurter Geldpolitiker, sei noch lange keine Normalisierung in Sicht. 2019 solle die Teuerung laut EZB-Schätzung 1,2 Prozent betragen, 2020 dann 1,5 Prozent und 2021 1,6 Prozent - trotz der extrem leichten Geldpolitik der vergangenen Jahre. Mit dieser Einschätzung dürfte die EZB ihr Inflationsziel, das standardmäßig bei knapp unter 2 Prozent liege, bis auf weiteres aufgegeben haben.

Zusätzliche Sorge verbreite an den Märkten, dass EZB-Präsident Draghi die Geschwindigkeit des Ausstiegs aus der ultraleichten Geldpolitik nun wieder gedrosselt habe. Zwar fahre die EZB mit ihrem Plan fort, keine neuen Anleihebestände mehr am Markt aufzukaufen. Dafür sollten Banken nun aber im Zuge parallel laufender Refinanzierungsprogramme der EZB bis 2023 wieder mehr günstige Kredite bekommen. Dass nun zwei weitere Tranchen des so genannten TLTRO-Programms der Notenbank nötig geworden seien, habe die Märkte besonders kalt erwischt. Das spreche dafür, dass die konjunkturellen Probleme der Eurozone sich in den Augen der EZB als hartnäckiger erweisen würden als gedacht.

"Diese Sitzung hat uns alle überrascht. Die EZB zeigt sich deutlich besorgter über Europas Wirtschaft als von allen erwartet. Wie ernst die Anleger die Sorgen der Anleger nehmen, zeigt sich an den Marktreaktionen, die trotz des akkommodierenden Tons negativ waren", fasse Ulrike Kastens zusammen. (Ausgabe vom 13.03.2019) (14.03.2019/alc/a/a)