EZB passt Zinsausblick an - FED unter Zugzwang


11.06.19 11:45
Union Investment

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) hielt am Donnerstag ihre mit Spannung erwartete Juni-Sitzung ab, so die Experten von Union Investment.

Die maßgeblichen Zinssätze (Hauptrefinanzierungssatz 0,0 Prozent; Spitzenrefinanzierungssatz 0,25 Prozent; Einlagensatz minus 0,4 Prozent) seien dabei unverändert geblieben. Auf die sich im Euroraum zu beobachtende Eintrübung der Wirtschaftsentwicklung habe die EZB aber mit Maßnahmen reagiert, wenngleich in geringerem Ausmaß als von einigen Marktakteuren erwartet. Neben eher generösen Refinanzierungskosten für die ab dem Herbst anstehenden langfristigen Tendergeschäfte (TLTROs) sei der Zinsausblick (Forward Guidance) der Lage entsprechend angepasst worden. Dabei werde die EZB die Leitzinsen für das gesamte erste Halbjahr 2020 unverändert belassen. Eine Erhöhung für die kommenden zwölf Monate sei somit ausgeschlossen.

Das Thema negativer Einlagensatz und dessen Belastungen auf die Banken sei auch diskutiert worden. Präsident Draghi habe auf Analysen der EZB zur Wirkung negativer Zinsen hingewiesen. Dieser zufolge seien derzeit keine Beeinträchtigung des Wirkungsmechanismus zu erkennen, sodass eine Einführung von Staffelzinsen zur Milderung negativer Auswirkungen auf das Bankengeschäft derzeit weniger wahrscheinlich sei. Das Thema bleibe laut Draghi aber weiterhin unter Beobachtung.

Darüber hinaus werde die geldpolitische Ausrichtung der EZB von ihrer makroökonomischen Einschätzung untermauert. Dies sei in den so genannten EZB-Projektionen zu Wachstum und Inflation, die für 2020 und 2021 geringfügig reduziert worden seien, zum Ausdruck gekommen.

Insgesamt würden die Experten von Union Investment die Konferenz als weitgehend neutral werten und weitere Lockerungsschritte in der zweiten Jahreshälfte für wahrscheinlich halten.

Diskussionsbedarf im Rahmen einer Konferenz habe in der letzten Woche auch die US-Notenbank FED gehabt. Die vom US-Präsidenten ausgelöste Verschärfung des Handelskonflikts zwischen den USA und China sowie dessen negative Auswirkungen auf den Welthandel habe die amerikanischen Notenbanker auf den Plan gerufen. Ihr Vorsitzender Powell habe am Dienstag versichert, die Implikationen genau zu beobachten und angemessen handeln zu wollen, um die Fortsetzung des US-Wirtschaftsaufschwungs zu ermöglichen. Die direkte Ankündigung einer Zinssenkung sei jedoch sowohl von Powell selbst als auch von Vizepräsident Clarida vermieden worden. Die Markterwartungen in Bezug auf die FED seien mittlerweile hoch. So würden derzeit vier Leitzinsreduzierungen im Gesamtumfang von einem Prozentpunkt bis Ende 2020 eingepreist. Werde es US-Präsident Trump, auch angesichts des bevorstehenden Wahlkampfes nun gelingen, die US-Notenbank zinsseitig weichzuklopfen?

Der am deutschen Rentenmarkt für Bundesanleihen auf derivativer Seite repräsentative Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) erklimme derzeit ein Hoch nach dem anderen. Gleichzeitig falle im Umkehrschluss die Rendite entsprechend tiefer in den negativen Bereich. Schlechte volkswirtschaftliche Daten und die Aussicht auf geldpolitische Lockerungen würden die Anleger unvermindert nach sicheren Anleihen greifen lassen. Mit minus 0,24 Prozent hätten die richtungsweisenden zehnjährigen Bundesanleihen ein historisches Renditetief erreicht. Die deutsche Zinsstrukturkurve habe sich in der letzten Woche verflacht. Im kurzen Bereich bis vier Jahre sei die Verzinsung ein wenig angestiegen, sei in den längeren Bereichen hingegen rückläufig gewesen.

Ein deutlicher Renditeverfall sei auch in Frankreich sowie den Peripheriemärkten zu beobachten gewesen. Selbst in Italien sei es nach dem jüngsten Renditeanstieg zu einer Reaktion gekommen. Die Aussicht auf Unterstützung durch die EZB und ein langes Hinziehen des Defizitverfahrens der EU, bei gleichzeitig angedeuteter Gesprächsbereitschaft der Italiener, hätten den Spread zwischen italienischen und deutschen Staatsanleihen von 297 auf zuletzt 265 Basispunkte wieder zusammenlaufen lassen.

Am US-Anleihemarkt hätten sich hingegen - vor den US-Arbeitsmarktdaten am Freitagmittag - die US-Treasuries nach leichten Schwankungen unverändert bei 2,12 Prozent gezeigt. (Ausgabe vom 07.06.2019) (11.06.2019/alc/a/a)