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Hawkishe FED: Tapering könnte bereits Mitte 2022 abgeschlossen werden


23.09.21 16:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Rentenmärkte reagierten auf die FED-Verlautbarungen bei der gestrigen Presskonferenz (22.09.) zunächst gar nicht und heute mit einem leichten Anstieg den zehnjährigen T-Notes und der Bunds, so Dr. Cyrus de la Rubia, Chefvolkswirt bei der Hamburg Commercial Bank.

Die FED-Sitzung sei durchaus "hawkish" ausgefallen: So werde man - wenn nichts dazwischen komme - bereits bei der nächsten Sitzung Anfang November einen Plan zur Reduktion der Anleiheankäufe vorlegen und Nettoankäufe bis zur Jahresmitte auf Null reduzieren. Gemäß FED-Präsident Jerome Powell seien die massiven Anleiheankäufe, die derzeit 120 Mrd. US-Dollar pro Monat betragen würden, ein Krisenmittel gewesen und könnten jetzt abgebaut werden. Dabei scheine sich Powell auch nicht allzu sehr an den schwachen Arbeitsmarktdaten vom August zu stören. Die Voraussetzung für den Beginn des Tapering, nämlich ein signifikanter Fortschritt beim Beschäftigungsaufbau, sei "nahezu" erreicht.

Ein Hintertürchen habe sich der FED-Chef aber noch offen gelassen. Es genüge zwar, wenn der nächste Arbeitsmarktbericht ein solides Ergebnis liefere, um plangemäß vorzugehen, aber im Umkehrschluss heiße das, wenn die Beschäftigung beispielsweise nur um 100.000 Personen zunehme, könnte das Tapering doch noch verschoben werden. Die letzten wöchentlichen Arbeitsmarktzahlen würden nicht auf eine besondere Schwäche hindeuten. Die Pandemie bleibe sicherlich ein Risikofaktor, derzeit würden jedoch die Infektionsraten von einem hohen Niveau aus wieder zurückgehen.

Mit der Perspektive, dass bereits Mitte nächsten Jahres keine Netto-Anleiheankäufe mehr stattfinden würden, rücke die Spekulation über eine Zinserhöhung noch in 2022 in den Fokus. Die FED trage zu dieser Spekulation kräftig bei, denn mittlerweile seien nur noch neun der achtzehn FED-Mitglieder (von denen nur ein Teil stimmberechtigt sei) der Ansicht, dass man im kommenden Jahr keine Zinserhöhungen durchführen solle. Sechs Mitglieder würden einen Schritt, drei FED-Offizielle zwei Schritte für angemessen halten. Powell selbst habe eine Zinserhöhung in 2022 nicht ausgeschlossen, sondern nur gesagt, dass dies sicherlich nicht vor dem Ende des Tapering stattfinden werde.

Neben der Geldpolitik seien auch weitere Themen angesprochen worden, unter anderem die Frage, ob Powell mit einer Verlängerung seines Mandats rechne. Dazu könne er nichts sagen, sei die kurze Antwort gewesen, die zu der Vermutung Anlass geben könne, dass der Verbleib von Powell offensichtlich keine ausgemachte Sache sei. Ein kurzfristig wichtigeres Thema sei die Schuldengrenze, die immer noch nicht angehoben worden sei, weswegen es theoretisch sein könne, dass die USA ihrem Schuldendienst bereits im Oktober nicht mehr werde nachkommen könnten.

Powell habe ähnlich wie die Finanzministerin Janet Yellen davor gewarnt, dass die USA in diesem Fall großen Schaden nehmen würden. Man solle nicht darauf vertrauen, dass die FED gegebenfalls die Märkte und die Wirtschaft schützen könne. In der Tat wäre das sicherlich eine vollkommen verfehlte Hoffnung, denn die Entscheidung über den Schuldendienst sei eine Entscheidung des Kongresses und nicht der FED, die in dieser Hinsicht lediglich operativ tätig werde.

Bemerkenswert gewesen seien auch die Anmerkungen zu den Plänen für einen digitalen US-Dollar, also einer digitalen Zentralbankwährung. Powell habe ein Paper der FED dazu angekündigt, auf dessen Grundlage ein breiter Dialog mit verschiedenen Gruppen und Entscheidungsträgern zu führen sei. Der Hinweis darauf, dass die FED gerade dabei sei, ein Instant-Payment Zahlungssystem aufzubauen, könne so verstanden werden, dass es in den Zentralbanketagen nicht nur Freunde eines digitalen US-Dollar gebe. Denn die Schaffung eines digitalen US-Dollar geht nach unserem Verständnis einher mit der Schaffung eines eigenen Zahlungssystems, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank. Möglicherweise könne man beide Systeme aber auch miteinander kombinieren.

An den Finanzmärkten sei neben der FED-Sitzung der von der Ratingagentur S&P erwartete Konkurs des chinesischen Immobilienentwicklers Evergrande das wichtigste Diskussionsthema, das am Montag (20.09.) die Aktienmärkte weltweit auf Talfahrt geschickt habe. Hier seien viele Marktteilnehmer gespannt, ob die heute fällige Zinszahlung auf einen US-Dollar Bond in Höhe von über 80 Millionen US-Dollar gezahlt werde. Wenn das nicht geschehe, dann gebe es noch eine 30-tägige so genannten Grace Period, in der das Unternehmen das Geld noch beschaffen könne. Deutsche Banken sollten ein Exposure von jeweils bis zu zweistellige Millionenbeträge haben, was für den Fall eines Konkurses von Evergrande kein Erdbeben auslösen sollte. (23.09.2021/alc/a/a)