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Mexikanischer Markt für Unternehmensanleihen gibt nur zu mäßiger Begeisterung Anlass


16.05.19 11:00
Baring Asset Management

Boston (www.anleihencheck.de) - Omotunde Lawal, Leiterin der Abteilung EM Corporate Debt bei Barings, ist hinsichtlich der privaten Wirtschaft Mexikos zurückhaltend optimistisch.

Nach insgesamt 33 Gesprächen, die sie und ihr Team vor Ort mit Emittenten von Unternehmensanleihen, mit Wirtschaftsexperten und Rating-Agenturen geführt hätten, sei deutlich geworden, dass die meisten Unternehmen noch abwarten würden. Entscheidend sei, was der neue mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador (AMLO) bezüglich der Sanierung des staatlichen Öl-Konzerns Pemex plane und welche Richtung er damit für den gesamten Unternehmenssektor des Landes vorgeben werde.

Im Folgenden schildere Omotunde Lawal ihre Eindrücke von den Gesprächen und welche Erkenntnisse sie für Anlagen in Anleihen mexikanischer Unternehmen gewonnen habe.

Nach einer Woche mit insgesamt 33 Treffen in Mexiko wurde eindeutig klar, dass der neue mexikanische Präsident Andrés Manuel López Obrador (AMLO) tatsächlich den Ton angebe. Bei so viel Macht in den Händen einer Person sei es den meisten Unternehmen schwer gefallen, konkret und zukunftsorientiert zu planen. Alle würden zunächst abwarten, was AMLO tun werde. Dies beziehe sich insbesondere auf die Pläne hinsichtlich Pemex, die dem gesamten Unternehmenssektor des Landes die Richtung vorgeben würden.

Hier seien einige Erkenntnisse:

Im Laufe der Woche habe man immer wieder gehört, dass wichtige Mitglieder des Wirtschaftsteams von AMLO - denen die bedeutenden Auswirkungen ihrer Politik für das Land durchaus bewusst seien - in Teilen der Regierung noch immer von veralteten Ideologien ausgebremst würden. Unklar sei allerdings, wer genau die Entscheidungsträger seien, insbesondere da sich AMLO offenbar hauptsächlich durch seinen inneren Führungskreis, unter anderem seine Ehefrau, seinen Sohn und seinen Außenminister, beraten lasse. Da eine derartige Regierungsweise langfristig nicht haltbar sein könne, werde dies im kommenden Jahr möglicherweise für einige einschneidende Umbesetzungen im Kabinett von AMLO sorgen.

Das Vertrauen der Verbraucher sei ungebrochen. AMLO stehe nach wie vor in hohem Ansehen bei den Wählern, die höhere Sozialausgaben von ihm erwarten würden. Bei guter Auftragslage hätten sich die Umsätze des Einzelhandels im Januar und Februar erholt, wobei die verkaufsseitigen Wirtschaftsexperten des Landes ein Konsumwachstum von 1,5% bis 2% für das Jahr 2019 prognostiziert hätten. Die Löhne dürften daher weiter steigen und zur Stabilität des privaten Sektors beitragen.

Das Geschäftsklima befinde sich allerdings auf einem niedrigen Niveau. Für den Unternehmenssektor gebe es nach wie vor viele unbekannte Faktoren. Offenbar habe die Regierung noch mit einigen Anlaufschwierigkeiten, beispielsweise bei der zeitnahen Besetzung offener Stellen, zu kämpfen. Während ihres Aufenthalts im Land habe Omotunde Lawal immer wieder von Verzögerungen bei Genehmigungen für diverse Projekte und der nach wie vor ungeklärten, effektiven Finanzierung der Sozialprogramme durch die Regierung gehört. Zudem würden angekündigte Streiks drohen, da gewerkschaftlich organisierte Arbeiter höhere Löhne fordern würden.

Positiv sei zu vermerken, dass sich die Beziehungen zwischen AMLO und dem privaten Sektor zu verbessern scheinen, was günstige Auswirkungen auf das Geschäftsklima und das Vertrauen der Unternehmen haben dürfte, so die Experten von Baring Asset Management. Bei unseren Gesprächen hörten wir immer wieder, dass AMLOs anfängliche Angriffe auf die Banken, den Bergbausektor, die Industrie und die Medien Teil seiner Verhandlungstaktik waren - vergleichbar mit einigen von Präsident Trump eingesetzten Taktiken, so Omotunde Lawal von Barings weiter. Es heiße, AMLO habe sogar wichtige Wirtschaftsführer gebeten, ihm bei der Umsetzung seiner Sozialprogramme zu helfen:

Die Banken seien aufgefordert worden, ihre Präsenz in den unteren/informellen Schichten der Wirtschaft zu verstärken, um die Steuerbasis zu verbessern und die Korruption (durch eine reduzierte Bargeldnutzung innerhalb der Wirtschaft) zu bekämpfen. Die meisten Banken würden im Vergleich zu 2018 zurückhaltende Prognosen für 2019 geben und ein Kreditwachstum im mittleren bis oberen einstelligen Bereich erwarten. Bei einer erwarteten Inflation von 3,5% bis 4% werde sich das voraussichtliche Kreditwachstum jedoch noch in einem akzeptablen Rahmen bewegen. Abgesehen von Bancomext, würden sich die Banken in erster Linie auf den privaten Sektor konzentrieren - insbesondere auf persönliche Kredite, Hypotheken und Autokredite, da 2019 wenig Bedarf für die Finanzierung von Firmenkunden bestehen dürfte. Daher sei kurzfristig von AMLO wohl keine Senkung der Bankgebühren und keine Zinsdeckelung seitens der Zentralbank zu erwarten.

Im Rahmen der Sozialprogramme von AMLO seien die Bergbau-Unternehmen aufgefordert worden, in den örtlichen Kommunen mehr soziale Verantwortung zu übernehmen. Die Unternehmensführer würden erwarten, trotz des anfänglich großen Wirbels in dieser Frage, offenbar keine regulatorischen Änderungen für den Sektor.

Die industriellen Mischkonzerne seien aufgefordert worden, in Sachen Pemex und im Kampf gegen Erdöl-Diebstahl Unterstützung zu leisten. Insgesamt seien die Erwartungen der inländischen Unternehmen in diesem Bereich gedämpft, was jedoch teilweise durch Geschäfte außerhalb von Mexiko ausgeglichen werden könne, obwohl einige Unternehmen in der Eurozone mit Gegenwind zu kämpfen hätten.

Der Verbrauchersektor scheine zu den wirtschaftlichen Lichtblicken zu zählen, wobei die meisten Emittenten ein Volumenwachstum im unteren einstelligen Bereich sowie einige Preiserhöhungen aufgrund der erwähnten Inflationsrate erwarten würden. Für die zweite Hälfte des Jahres 2019 würden Anbieter preisgünstiger Verbrauchsgüter erwarten, von den Auswirkungen der Sozialprogramme und den gestiegenen Reallöhnen profitieren zu können.

Führungskräfte im TMT-Sektor würden eine positive Veränderung der regulatorischen Haltung erkennen, die ihnen Rückenwind geben könnte. Die Regierung unterstütze diesen Sektor und sei bestrebt, die Durchdringungsraten mit verstärkten Investitionen in die Netzwerke erhöhen.

Insgesamt scheine es AMLO zu gelingen, die Geschäftswelt zur Unterstützung seiner Pläne auf seine Seite zu ziehen. Die Unternehmen würden eine entscheidende Rolle bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze und der dadurch bedingten Erweiterung der Steuerbasis spielen.

Weitere Erkenntnisse:

Zahlreiche Parteien ließen uns wissen, dass ihrer Ansicht nach die bevorstehende Ratifizierung des Handelsabkommens zwischen den Vereinigten Staaten, Mexiko und Kanada (USMCA) höchstwahrscheinlich zu einer Volatilität auf dem FX-Markt führen wird, so Omotunde Lawal von Barings weiter. Dem kürzlichen inoffiziellen Besuch von Jared Kushner in Mexiko werde große Bedeutung beigemessen. Allgemein gehe man einvernehmlich von einem Kurs des Mexikanischen Pesos zwischen 19 und 21,3 (Pesos/US-Dollar) zum Ende des Jahre 2019 aus.

In der Geschäftswelt werde allgemein die Ansicht vertreten, dass die Banxico ihre Zinssätze (derzeit 8,25%) vorläufig wohl nicht senken werde, da sie sich für eine potenzielle Volatilität Ende 2019 noch wappnen wolle. Der durch die Benzinpreiserhöhungen des Jahres 2017 bedingte Höhepunkt der Inflation von 2018 sei mittlerweile überschritten. In den letzten Monaten habe die Kerninflation stabil bei 3,6% gelegen. Eine Senkung der Zinssätze um 25 bis 75 Basispunkte stehe für Ende 2019 zu erwarten.

Einigkeit scheine darüber zu bestehen, dass AMLO die erforderlichen Maßnahmen für die Beibehaltung der fiskalischen Disziplin ergreifen und versuchen werde, das anvisierte Ziel eines Primärüberschusses von 1% zu erreichen. Doch bereits ein Überschuss von weniger als 0,5% ließe sich als ordentliches Ergebnis dieser Regierung verbuchen, wenn gute Gründe hierfür vorlägen (sowohl Moody's als auch S&P hätten ebenfalls darauf hingewiesen). Der Wunsch nach fiskalischer Disziplin sei auch in den während Lawals Reise angekündigten Stellenkürzungen als Reaktion auf niedrigere Einnahmen zum Ausdruck gekommen. Hinsichtlich der Verwendung des Stabilisierungsfonds und angesichts der Zwischenwahlen im Jahr 2021 würden die Experten von Baring Asset Management erwarten, dass sich AMLO in den ersten drei Jahren seiner Regierung vermutlich auf "hochprofilierte" Projekte konzentrieren werde, auf die er dann bei seiner Wahlkampagne für 2021 zurückgreifen könne. Um das zu erreichen, werde er voraussichtlich zu seinem Versprechen stehen, Pemex aus der Krise zu führen, und die Fiskalreform daher eher früher als später in Angriff nehmen.

Für Pemex werde eine klare Strategie benötigt. Es sei jedoch unwahrscheinlich, dass vor der Veröffentlichung des neuen Geschäftsplans im April/Mai eine Lösung möglich sein werde. Die Probleme des Unternehmens lägen ebenso wie die optimale Lösung (nämlich eine Senkung der steuerlichen Belastung für Pemex) klar auf der Hand. Es stelle sich jedoch die Frage, wie diese Lösung ohne Risiko für den Staat realisiert werden solle. Die Rating-Agenturen scheinen eine flexiblere Haltung hinsichtlich einer leichten Erhöhung der Schuldenquote zur Rettung von Pemex zu vertreten, so die Experten von Baring Asset Management. Das gelte allerdings nur, wenn ein nachhaltiger und langfristig tragbarer Geschäftsplan vorgelegt werde. Es sei unwahrscheinlich, dass eine Herabstufung von Pemex ohne eine gleichzeitige Auswirkung auf den Staat erfolgen könnte. Jede Rating-Entscheidung werde nach Ansicht der Experten von Baring Asset Management im Tandem erfolgen.

Worauf laufe all dies hinaus? Die Experten von Baring Asset Management würden glauben, dass die meisten mexikanischen Unternehmen 2019 vermutlich auf der Stelle treten würden. Die Prognosen der Unternehmen, mit denen wir während unserer Reise gesprochen haben, waren relativ zurückhaltend, allerdings auch mit einer gewissen Erwartung verbunden, dass die Geldmittel aus den Sozialprogrammen in der zweiten Jahreshälfte bei einigen Sektoren zu einem leichten Aufschwung führen könnten, so Omotunde Lawal von Barings weiter. Positiv sei zu vermerken, dass sich die Unternehmen nicht stärker verschulden würden und ihre Fundamentaldaten daher insgesamt stabil bleiben dürften.

Bei ihren Strategien für EM-Unternehmensschuldtitel würden die Experten von Baring Asset Management Gewinne durch ihre selektive Vorgehensweise bei Positionen erzielen, die in den vergangenen Monaten eine überdurchschnittliche Performance gezeigt hätten, und würden nach Gelegenheiten für den Erwerb vielversprechender Positionen während der Schwächephasen des Marktes suchen. Dies gelte insbesondere dann, wenn die Experten infolge der USMCA-Ratifizierung oder des Geschäftsplans von Pemex eine steigende Volatilität feststellen würden oder wenn die US-amerikanische Wirtschaft Anzeichen von Schwäche zeige. (16.05.2019/alc/a/a)