Ob Steuerpolitik die Wirtschaft ankurbeln kann, ist anzuzweifeln


09.10.19 11:45
AB

München (www.anleihencheck.de) - Angesichts des wenig erfreulichen Ausblicks für die Weltwirtschaft wollen die Zentralbanken der Industrieländer die Geldpolitik weiter lockern. Doch es werden wohl die Regierungen sein, die nun am Zug sind, sagt Darren Williams, Chefvolkswirt beim Asset Manager AllianceBernstein (AB).

"Viele sehen die Fiskalpolitik als Antwort. Im Moment sind wir jedoch skeptisch, ob die fiskalische Reaktion aggressiv oder breit genug sein wird, um den Konjunkturzyklus zum Besseren zu verändern."

In der Tat sehe es immer düsterer aus - und der Asset Manager habe seine Erwartungen an das Wirtschaftswachstum und die Inflation weitestgehend heruntergeschraubt. "Nirgends ist die Not so groß wie in Europa, das Wachstum anzukurbeln und die Inflation anzuheizen", so der Experte. Im September sei der kombinierte Einkaufsmanagerindex PMI auf dem tiefsten Stand seit Juni 2013 gewesen und entspreche einem annualisierten BIP-Wachstum von 0,5 Prozent - deutlich unter den jüngsten Erwartungen der Europäischen Zentralbank.

Zwar sei der Einkaufsmanagerindex für Dienstleistungen immer noch stärker als der für das Verarbeitende Gewerbe, doch auch dieser sei gefallen. "Das könnte ein erstes Zeichen dafür sein, dass die durch den Handelsstreit bedingte Wirtschaftsschwäche allmählich auch die Binnenwirtschaft infiziert", warne Williams. "Wir gehen davon aus, dass die rezessiven Bedingungen im Verarbeitenden Gewerbe allmählich in ein schwächeres Beschäftigungs- und Investitionswachstum übergehen und dass die Politik zur Stimulierung von Wachstum und Inflation wirkungslos sein wird", so der Chefvolkswirt.

Auch die US-Wirtschaft, die zuvor noch erfreuliche Signale gesendet habe, sehe immer prekärer aus. Vor allem in handelsorientierten Wirtschaftssektoren würden sich die Zeichen einer Verlangsamung mehren. Die globale Konjunkturflaute begrenze die Exporte der USA und verschärfe die finanziellen Bedingungen im Inland, indem sie den US-Dollar nach oben drücke und die Volatilität der Finanzmärkte erhöhe.

"Mehr Sicherheit in der Handelspolitik wäre hilfreich", sage Williams. "Doch unserer Meinung nach wurde bereits genug Schaden angerichtet, sodass eine Verlangsamung der Wirtschaftsaktivität unvermeidlich ist." Dass es zu einer Rezession komme, glaube der AB-Chefvolkswirt allerdings nicht. "Wir rechnen mit einer gewissen Abschwächung des Arbeitsmarktes und damit des allgemeinen Wirtschaftswachstums. Um die Expansion zu verlängern, dürfte die FED weitere Zinssenkungen vornehmen - und diese dürften die Konjunktur stützen. Ein Auslöser für eine Beschleunigung des Wachstums ist jedoch nicht in Sicht."

Für China sei Williams dagegen zuversichtlich. "China besitzt bei der geldpolitischen Lockerung noch genug Spielraum", sei der Experte überzeugt. Dazu würden Senkungen des Mindestreservesatzes und des Kredit-Leitzinses gehören, aber auch fiskalische Maßnahmen wie die Emission weiterer Staatsanleihen und Infrastrukturprojekte.

"Sollte sich Chinas Wirtschaft in diesem Jahr stabilisieren - und davon gehen wir aus -, dürfte der Renminbi zu einem globalen Währungsstabilisator werden", sage der Chefvolkswirt. Große Sorgen bereite jedoch der Handelsstreit, besonders falls dieser weiter eskalieren sollte. "Wenn die USA Zölle von 30 Prozent auf die 550 Milliarden US-Dollar an chinesischen Einfuhren erheben sollten, würden sich auch die Risiken für China und die Weltwirtschaft zuspitzen - und der US-Dollar-Yuan-Kurs könnte auf 7,5 steigen", so Williams. "Wir sind aber weiterhin überzeugt, dass China die notwendigen Lockerungsmaßnahmen ergreifen wird, um eine abrupte Verlangsamung des Wachstums zu verhindern." (09.10.2019/alc/a/a)