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Rentenmärkte profitieren von EZB


15.03.19 09:00
Hamburg Commercial Bank

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Renditen von Treasuries und Bundesanleihen sind in den vergangenen Tagen zurückgegangen, so Sintje Boie, Senior Analystin der Hamburg Commercial Bank im aktuellen "Wochenbarometer".

Auslöser dafür sei die EZB-Zinssitzung am vergangenen Donnerstag (07.03.) gewesen. Auf dieser habe die Notenbank nicht nur neue gezielte Langfristtender (TLTRO III) beschlossen, sondern auch die forward guidance nach hinten verschoben. Damit sei die avisierte geldpolitische Normalisierung schon wieder gestoppt, bevor sie eigentlich angefangen habe. Nach dem geänderten Zinsausblick solle es nun mindestens bis zum Jahresende 2019 keine Zinsanhebung in der Eurozone geben. Die Reinvestition von Fälligkeiten ihres Anleihebestandes erfolge noch lange nach der ersten Zinsanhebung und die Refinanzierungsgeschäfte über die EZB würden bis auf weiteres als Mengentender mit Vollzuteilung durchgeführt.

Die dritte Runde der Langfristtender solle von September 2019 bis März 2021 begeben werden, es seien also insgesamt sieben quartalsweise Refinanzierungsgeschäfte, die den Banken angeboten würden. Jeder Tender habe eine Laufzeit von zwei Jahren. Über die Langfristtender hätten die Banken die Möglichkeit, Liquidität in Höhe bis zu 30% ihres Kreditbestandes zum Stichtag 28. Februar 2019 auszuleihen. Der zugehörige Zinssatz bemesse sich nach dem Hauptrefinanzierungssatz, wobei die genauen Konditionen erst noch bekannt gegeben würden. Die plötzlich doch sehr vorsichtige Haltung der EZB, nachdem sie zunächst die zunehmenden Konjunkturrisiken für die Eurozone gar nicht so recht habe wahrnehmen wollen, habe die Märkte überrascht und die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen von über 0,10% bis auf 0,05% sinken lassen. Zuletzt hätten sich die Renditen der Staatsanleihen wieder etwas erholen können.

Der Brexit (Stichtag 29.03.) rücke immer näher und sorgt für Verunsicherung. In dieser Woche hätten einige wichtige Abstimmungen dazu im britischen Unterhaus angestanden. So sei am Dienstag (12.03.) zum zweiten Mal über das von Theresa May mit der EU ausgehandelte Brexit-Abkommen abgestimmt worden. Erneut sei es mit großer Mehrheit abgelehnt worden. Gestern (13.03.) hätten die Abgeordneten über die Möglichkeit eines ungeordneten Brexit entschieden und dieses Szenario sowohl für den 29.03. als auch grundsätzlich (rechtlich nicht bindend) abgelehnt, wenn auch nicht mit überwältigender Mehrheit. Heute werde damit über eine Verschiebung der Austrittsfrist über den 29.03. hinaus abgestimmt. Möglich wäre eine Verschiebung um einige Monate oder aber um einen längeren Zeitraum. Es sei davon auszugehen, dass das Unterhaus der Verlängerung der Austrittsfrist zustimme. Damit wäre erst einmal ein ungeordneter Brexit vom Tisch, doch längerfristig könnte dieser wieder als Drohkulisse auftauchen, denn es sei derzeit völlig unklar, in welche Richtung der Brexit-Prozess nun laufen solle, nachdem das Brexit-Abkommen abgelehnt worden sei.

Auch in der nächsten Woche dürfte sich auf dem Treffen der EU-Staats- und Regierungschefs am 20./21.03. alles um den Brexit drehen. Denn wenn das Vereinigte Königreich eine Verlängerung der Austrittsfrist beantrage, dann müssten sich die einzelnen EU-Länder einstimmig dafür aussprechen. Die Bereitschaft dazu habe die EU grundsätzlich signalisiert, doch eine Neuausrichtung der britischen Brexit-Politik müsse wohl erfolgen. Ein einfaches "Weiter so" reiche nicht aus.

Daneben dürfte die FED-Zinssitzung am 20. März mit Spannung erwartet werden. Dabei dürften die Marktteilnehmer genau darauf hören, wie "geduldig" sich die FED in Bezug auf
weitere Zinsanhebungen zeige. Die große Frage sei, ob es Signale gebe, dass höhere Zinsen möglich seien, wenn sich die Konjunktur als robust erweise oder ob die FED diese Erwartung allmählich komplett herausnehme. Die Hamburg Commercial Bank gehe nach wie vor noch von einer letzten Zinsanhebung in diesem Jahr aus. Sollte sich die Fed noch vorsichtiger präsentieren, könnten die Renditen der Treasuries weiter nachgeben.

Darüber hinaus würden kommende Woche die vorläufigen Einkaufsmanagerindices für März aus der Eurozone veröffentlicht. Sie seien ein Hingucker, um die weiteren Konjunkturperspektiven für die Eurozone zu bewerten. Die Konjunkturindikatoren der letzten Monate hätten insgesamt enttäuscht. Das Verarbeitende Gewerbe befinde sich derzeit auf Schrumpfungskurs; hier dürfte es interessant werden, ob es sich wieder aus dieser Schwächephase herausarbeiten könne.

Ein Lichtblick seien diese Woche die Industrieproduktion für die Eurozone gewesen. Diese sei um 1,4% gegenüber dem Vormonat gestiegen, was auf die guten Zahlen aus Frankreich, Italien und Spanien zurückzuführen gewesen sei. In Deutschland sei die Industrieproduktion erneut um 0,8% gegenüber dem Vormonat gesunken. Auch die deutschen Auftragseingänge in der Industrie seien im Januar mit 2,6% gegenüber dem Vormonat eingebrochen, allerdings sei der Wert für Dezember deutlich nach oben revidiert worden. Insgesamt bleibe für die Renditen angesichts der bestehenden Risiken wenig Spielraum nach oben. (15.03.2019/alc/a/a)