Türkei: Währungskrise löst massiven Inflationsschub aus


17.01.22 11:30
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Der Absturz der Türkischen Lira (TRY) hat im Dezember zu einem massiven Anstieg der Inflationsrate geführt, so die Analysten der DekaBank.

Die Verbraucherpreise hätten um 36,1% über dem Vorjahresniveau gelegen. Mit 13,6% habe die Monatsveränderungsrate auf einem auch für türkische Verhältnisse ungewöhnlich hohen Niveau gelegen. Auf die Währungskrisen der vergangenen Jahre habe die Zentralbank jeweils mit einer deutlichen Zinsanhebung reagiert und so eine Stabilisierung herbeigeführt. Dies erscheine dieses Mal keine ernsthafte Option, denn Präsident Erdogan habe wiederholt klargestellt, er werde sich von den Kapitalmärkten nicht in eine Hochzinspolitik drängen lassen, die für die Wirtschaft schädlich sei. Stattdessen habe die Zentralbank die Zinsen trotz Währungsschwäche und Hochinflation immer weiter gesenkt, zuletzt im Dezember um 100 Basispunkte auf 14%.

Erdogan und seine Berater hätten einen anderen Weg gewählt, um die Lira zu stabilisieren. Am 20. Dezember habe sie verkündet, Sparern Lira-Termineinlagen anzubieten, deren Rendite bei Fälligkeit die Abwertung der Lira gegenüber dem US-Dollar ausgleiche. Dadurch sollte die Flucht aus der Lira gestoppt werden. Allerdings sei das Interesse an dem neuen Instrument bislang eher gering geblieben: Nur etwa sieben Mrd. US-Dollar seien getauscht worden. Nachdem die Ankündigung zunächst eine starke Erholung des Lira-Kurses ausgelöst habe, habe sie mittlerweile ihre Gewinne wieder zu großen Teilen verloren und notiere auf dem Niveau von Anfang Dezember.

Auch wiederholte Devisenmarktinterventionen der Türkischen Zentralbank im Umfang von insgesamt 7,3 Mrd. US-Dollar hätten kaum Wirkung gehabt, weil Marktteilnehmer wissen würden, dass der Spielraum für weitere Eingriffe angesichts niedriger Reserven gering sei. Die Hoffnung der Regierung, dass der niedrige Wechselkurs zumindest der Leistungsbilanz einen positiven Schub gebe, habe mit den November-Zahlen einen deutlichen Dämpfer erhalten: Aus einem Überschuss im Oktober von 3,1 Mrd. US-Dollar sei im November ein Defizit von 2,7 Mrd. US-Dollar geworden.

Präsident Erdogan habe in wirtschaftspolitischen Fragen das letzte Wort. Die jüngsten Zinssenkungen würden zeigen, dass er auch in der Geldpolitik weiterhin starken Einfluss ausübe. Der Mangel an Vertrauen in die Zentralbank auf Seiten von Investoren und Konsumenten trage zu hohen Inflationserwartungen bei und sorge für anhaltenden Druck auf die Lira. Auf der anderen Seite habe die expansive Geldpolitik dazu beigetragen, dass die Türkei auch im Corona-Krisenjahr positives Wirtschaftswachstum habe ausweisen können.

Die Konjunkturausschläge dürften auch in den kommenden Jahren hoch sein. Außenpolitisch dürfte Erdogan immer wieder Konfrontationen suchen, um seine Anhänger zu mobilisieren. Das Verhältnis zu den westlichen Partnern dürfte angespannt bleiben, solange Erdogan im Amt sei. Die nächste Präsidentschaftswahl finde spätestens im Juni 2023 statt. Ob es zu einem Wechsel an der Spitze des Landes komme, sei trotz niedriger Umfragewerte für Erdogan ungewiss. Ein Wechsel würde umfassende Reformperspektiven eröffnen.

Drei Währungskrisen innerhalb von drei Jahren hätten das Vertrauen von Ratingagenturen und internationalen Investoren in die türkische Wirtschaftspolitik stark erschüttert. Zuletzt habe Fitch im Dezember den Ratingausblick auf negativ gesenkt. Die Risikoaufschläge türkischer Staatsanleihen würden die Sorge der Investoren zeigen, doch das Spreadniveau signalisiere keine Erwartung einer bevorstehenden Staatsschuldenkrise. Die größten fundamentalen Schwächen seien die hohe Fremdwährungsverschuldung des Unternehmenssektors und die niedrigen Währungsreserven. Angesichts der sehr hohen Auslandsverschuldung sei es essentiell, dass der Zugang zum internationalen Finanzierungsmarkt für türkische Banken und Unternehmen bestehen bleibe. Dies sei während vergangener Krisenphasen der Fall gewesen. (Ausgabe vom 14.01.2022) (17.01.2022/alc/a/a)