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Zinsen: Konjunkturdelle und "Flucht in Sicherheit" verhindern die Zinswende


11.01.19 10:45
Berenberg

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Bei den Marktzinsen hat sich 2018 die Schere zwischen den USA und Europa weiter geöffnet, so der Experte von Berenberg Dr. Jörn Quitzau.

In den USA seien die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen von 2,4% am Jahresbeginn auf zwischenzeitlich über 3,2% gestiegen. Zum Jahresende habe der Zins bei rund 2,7% und damit immer noch deutlich höher als zwölf Monate zuvor gelegen. In Europa hingegen habe die Zinswende weiter auf sich warten lassen. Anfangs habe es noch so ausgesehen, als wäre der Durchbruch nach oben geschafft, als die Zinsen für zehnjährige Bundesanleihen von rund 0,4% auf fast 0,8% gestiegen seien. Doch der Höhenflug habe nicht lange gedauert. Mit der schwächeren Konjunktur und den verschiedenen Krisen bzw. Störfeuern (Türkei, Italien, Brexit, Handelskriege) habe mal wieder die "Flucht in Sicherheit" eingesetzt und die Zinsen mehrfach Richtung 0,3% oder sogar darunter gedrückt.

Wie gehe es weiter? In den USA sei die Zinskurve inzwischen sehr flach: Der Abstand zwischen 3-Monats-Sätzen und zehnjährigen Anleihen sei auf unter 40 Basispunkte gefallen. Schon mache die Diskussion über eine mögliche inverse Zinsstruktur, bei der die kurzfristigen über die langfristigen Renditen steigen würden, die Runde. Auch deshalb werde die FED geldpolitisch behutsam vorgehen, um der Diskussion keine neue Nahrung zu geben. Am langen Ende würden die Experten nicht mehr viel Luft nach oben sehen. Zum Jahreswechsel 2019/20 würden sie die Rendite der US-Staatsanleihen bei 3,2% und damit auf dem Niveau erwarten, das vor dem letzten Rücksetzer im November 2018 bereits erreicht gewesen sei.

Für Europa würden die Experten an ihrem Ausblick festhalten: Die Renditen würden moderat steigen. Wegen der genannten Sonderfaktoren seien Bundesanleihen im vergangenen Jahr wieder gesucht gewesen, sodass der Zins nicht dauerhaft habe steigen können. Mit steigender Risikoneigung werde sich dieser Trend umkehren und die Zinsen würden zulegen. Hinzu komme das Ende der Anleihekäufe durch die EZB. Damit entfalle ein größerer Nachfrager, der die Anleihekurse in den letzten Jahren getrieben und die Zinsen gedrückt habe.

Trotz des aufwärtsgerichteten Zinsausblicks würden die Experten dabei bleiben, dass die Realzinsen noch mehrere Jahre auf sehr niedrigem Niveau verharren würden. Strukturelle Gründe würden gegen einen allzu dynamischen Zinsanstieg sprechen. Die kurzfristig eingetrübten Wachstumsaussichten seien ein weiterer Grund für begrenztes Aufwärtspotenzial im Jahr 2019. Mehr als 0,8% für zehnjährige Bundesanleihen seien in diesem Jahr nicht zu erwarten. (Ausgabe vom 02.01.2019) (11.01.2019/alc/a/a)