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EZB: Weidmann-Rücktritt in kritischer Phase


22.10.21 15:30
Helaba

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die anstehende Sitzung des EZB-Rats steht auch unter dem Eindruck des überraschenden Rücktritts von Bundesbankpräsident Jens Weidmann, so die Analysten der Helaba.

Dazu würden sich interessante Fragen ergeben:

Wer werde der Nachfolger von Jens Weidmann und welchem Lager lasse er sich zuordnen? Traditionell gehöre der Bundesbankchef zu den Falken im EZB-Rat. Rücke für Weidmann ein Ökonom nach, der für eine tendenziell lockere Geldpolitik stehe (Taube), hätte dies Signalwirkung für die Anleger.

Warum gehe Jens Weidmann gerade jetzt? Es habe lange gedauert, aber nun spiele der starke Inflationsanstieg den Falken im EZB-Rat endlich bessere Karten zu. Weidmann könnte also richtig Druck in Richtung einer weniger ausufernden Geldpolitik machen. Möglicherweise wolle er genau diese Rolle aber nicht übernehmen. Er wisse, dass die EZB sich über viele Jahre in eine gefährliche geldpolitische Ecke manövriert habe. Sowohl ein Kurswechsel - der den Namen auch verdiene - als auch eine Fortsetzung der ultralockeren Geldpolitik seien riskante Entscheidungen mit schwer kalkulierbaren Auswirkungen auf die Wirtschaft und letztlich die politische Stabilität der Eurozone. Zudem möchte er vermutlich EZB-Präsidentin Christine Lagarde in dieser schwierigen Phase nicht schwächen. Diese habe es sich zur Aufgabe gemacht, die Dissonanzen im Rat der Zentralbank, die unter Mario Draghi zuletzt deutlich zutage getreten seien, dauerhaft beizulegen.

Schließlich stelle sich die Frage, was der Rücktritt für die anstehenden wichtigen Entscheidungen des EZB-Rats bedeuten? Für die Sitzung am 16. Dezember seien Beschlüsse bezüglich der Ankaufprogramme bereits avisiert. Der Bundesbankpräsident, ohnehin kein Freund von Anleihekäufen, setze sich schon seit längerem dafür ein, das Pandemie-Kaufprogramm (PEPP) planmäßig im März 2022 zu beenden. Dies dürfte angesichts der dynamischen Inflationsentwicklung auch so kommen. Andere Mitglieder im Rat seien dagegen große Anhänger dieses geldpolitischen Instruments und würden dabei offenbar an den längeren Hebeln sitzen. Vermutlich würden in der Oktober-Sitzung die Optionen für eine Aufstockung des zweiten laufenden Programms (APP) bzw. sogar die Einführung eines neuen flexibleren Kaufprogramm beim Zusammentreffen ausgelotet werden. Das Thema Zinswende dürfte dagegen kaum diskutiert werden. Anders als die Kollegen bei der Bank of England hätten der französische Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau und sein italienisches Pendant Ignazio Visco bereits erklärt, dass es aus ihrer Sicht keine Gründe für eine Straffung vor Ende 2022 gebe.

In der anschließenden Pressekonferenz werde angesichts der wichtigen Entscheidungen im Dezember vermutlich jedes Wort von Christine Lagarde auf die Goldwaage gelegt werden. Die EZB-Chefin sei dabei in einer Position, die Richtung der Diskussionen in den nächsten Wochen durch geschickte Formulierungen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Ihr Vorgänger habe diese Macht zuweilen genutzt. Sich selber habe Christine Lagarde, abweichend vom üblichen Tauben-Falken-Schema, einmal als Eule bezeichnet. Bleibe zu hoffen, dass sie in der aktuell kritischen Situation den geldpolitischen Weitblick besitze. (22.10.2021/alc/a/a)