Anleihen: Sichere Staatstitel gesucht - zehnjährige Bundrendite auf null


07.03.22 10:30
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Der Krieg um die Ukraine und Angst vor einer Atom-Krise lassen Anleger*innen erneut in als sicher empfundene Anlagen flüchten, so die Deutsche Börse AG.

In der Nacht hätten russische Truppen Europas größtes Atomkraftwerk im Südosten der Ukraine beschossen und zum Teil in Brand gesetzt. Nach Angaben der Ukraine sei der Brand gelöscht und keine Veränderung der Strahlung messbar. An den Aktienmärkten seien die Kurse weltweit gesunken.

Auch deutsche Staatsanleihen würden angesichts des Kriegsgeschehens gefragt bleiben. Der richtungsweisende Bund-Future (ISIN DE0009652644 / WKN 965264) steige auf 169,76 Punkte. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihen sei auf null gefallen, im Wochenverlauf sei sie im Minus gewesen. Zur Wochenmitte habe die Nachricht von einem Inflationshoch in der Eurozone zunächst Verkäufe ausgelöst.

"Der Krieg bleibt an den Finanzmärkten der Mittelpunkt des Geschehens, deshalb bleibt die Nachfrage nach Anlagen, die als sicher empfunden werden, bei niedrigen Volumen und hoher Volatilität hoch", fasse Arthur Brunner von der ICF Bank die Stimmung zusammen. Das belaste die Renditen.

"Verkäufe prägen den Handel; die Nerven liegen aber nicht so blank wie zu Beginn der Pandemie im März 2020", erkläre Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. Damals hätten die meisten Marktteilnehmer unlimitiert in Panik verkauft. Im Vergleich dazu laufe der Handel derzeit den Umständen besonnen.

"Die Anleger sind stark verunsichert, Anleihen sind großflächig und in allen Laufzeitbändern unter Druck, die Liquidität ist gering, es gibt keine Käufer, der Sekundärmarkt kommt quasi zum Erliegen", berichte Tim Oechsner von der Steubing AG vom Frankfurter Parkett. "Alle richten ihre Aufmerksamkeit auf die Ukraine und die Ölpreise." Allerdings würden auch die nächsten Schritte der Notenbanken bedacht: So dürften die anstehenden Inflationsprognosen der EZB den Krieg in der Ukraine und die neuen Teuerungsraten berücksichtigen.

Zwar steige die Inflation auf Grund stark steigender Rohstoffpreise weiter, was für deutliche Zinserhöhungen spräche, doch die Erwartungen an die Zinspolitik seien nicht mehr so hoch wie noch vor wenigen Wochen, wie Brunner ergänze. "Die Marktteilnehmer erwarten, dass die EZB ihre lockere Geldpolitik trotz der steigenden Inflation fortsetzt. In der Folge steigen die Kurse von Anleihen der Peripherie-Staaten", sage Brunner. Mit Blick auf die Ausschläge bei Rohstoffpreisen ergänze er: "Es ist zu befürchten, dass sich die Inflation einnistet, auch eine Stagflation ist nicht mehr ausgeschlossen."

Die Deutsche Bank prognostiziere mögliche Kursverluste bei US-Staatstiteln: "Die Kurse von US-Staatsanleihen könnten bald wieder unter Druck geraten, obwohl sie bei Anlegern momentan als "sicherer Hafen" stark gefragt sind." Denn die US-Notenbank dürfte an ihrer Zinswende festhalten und bald ihren Bestand an zuvor erworbenen Anleihen abschmelzen. Würden auslaufende Bonds nicht durch neue ersetzt, entfalle ein wichtiger Käufer am Markt für US-Treasuries. Die FED habe gut 60 Prozent der seit Beginn der Corona-Pandemie begebenen Staatsanleihen im Gesamtvolumen von 5,4 Billionen US-Dollar erworben. Außerdem spreche die aktuell sehr niedrige inflationsbereinigte Rendite - auch "reale Rendite" - zehnjähriger US-Staatsanleihen von minus 4,2 Prozent für perspektivisch steigende Renditen in den USA. Ähnlich tief sei die Realverzinsung in den Ölpreiskrisen der 1970er- und 1980er-Jahre gewesen.

Fazit der Deutschen Bank: "Angesichts der zu erwartenden soliden Wachstumsraten in den USA ist der in den Treasury-Kursen eingepreiste konjunkturelle Pessimismus kaum gerechtfertigt."

Am Anleihemarkt seien nach Angaben von Brunner fast ausschließlich Staatspapiere gefragt. Staaten würden vor allem bestehende Anleihen aufstocken, darunter Deutschland, Spanien und Großbritannien. Die Zinsen seien sehr niedrig. "Die Aufstockungen sind im Plan und finden guten Absatz", erkläre der Anleihen-Experte in Frankfurt.

Eine mögliche Zahlungsunfähigkeit Russlands beschäftige Besitzer russischer Anleihen. Währungsreserven des Landes seien zu einem Teil eingefroren, Rating-Agenturen hätten die Kreditwürdigkeit Russlands massiv herabgestuft. Russische Anleihen seien nach Auskunft von Brunner seit Mittwoch in Deutschland nicht mehr handelbar. Eine Kriegsanleihe der Ukraine sei mit 11 Prozent Zinsen auf dem heimischen Markt platziert worden, gegen 273 Millionen US-Dollar. "Hier zu Lande ist das Papier nicht erwerbbar."

Das Angebot an Neuemissionen von Unternehmensanleihen lasse weiter nach. Oechsner ergänze: "Der Primärmarkt ist komplett zum Erliegen gekommen." Es gäbe keine Käufer. "Die Anleger sind absolut verunsichert."

Auch im Sekundärmarkt: "Verkäufe überwiegen", stelle Daniel weiter fest. "In dem Maße, wie die Unsicherheit zunimmt, nehmen die Umsätze ab." Selbst Titel, die vor wenigen Tagen noch als Schnäppchen gegolten hätten, würden nicht gekauft.

Einige Kursreaktionen hätten nach Einschätzung von Daniel bereits signalisiert, dass die Marktteilnehmer nicht mehr mit einer regulären Rückzahlung rechnen würden: So seien Ekosem-Anleihen (ISIN DE000A2YNR08 / WKN A2YNR0) (ISIN DE000A1R0RZ5 / WKN A1R0RZ) im freien Fall mit Kurseinbrüchen auf Wochensicht von 45 Prozent bzw. 50 Prozent. Daniel verweise auf Nachrichten, worauf das Unternehmen, seine Geschäftsprognose für das Jahr 2022 aussetze: Es gebe zu viele Unwägbarkeiten für das operative Geschäft und die Finanzierungsmöglichkeiten auf Grund der Sanktionen gegen Russland. In einem Brief an die Mitarbeiter*innen habe der Vorstand auf die Risiken durch Abwertung des Rubel und die Anhebung der Zinsen hingewiesen.

Oechsner weise auf Abwicklungsprobleme hin bei Titeln mit russischem Hintergrund: "Daher kann es bei diesen Wertpapieren zu Liquiditätseinschränkungen im Handel und auch zu Handelsaussetzungen kommen."

Brunner sehe vereinzelt Nachfrage nach Papieren der PREOS Global Real Estate & Technology mit Laufzeit 2024, Kupon 7,5 Prozent (ISIN DE000A254NA6 / WKN A254NA). Brunner habe auf Berichte hingewiesen, wonach die Muttergesellschaft publity AG ihre Pläne zur Aufnahme eines neuen Großaktionärs präzisiert habe. (Ausgabe vom 04.03.2022) (07.03.2022/alc/a/a)





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