Anleihen: "Unsicherheit über Geldpolitik"


23.01.23 09:15
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Stimmung hat sich gedreht an den Märkten, auch am Anleihenmarkt, so die Deutsche Börse AG.

"Nach dem fulminantem Jahresstart rücken Rezessionsängste wieder in den Vordergrund", berichte Tim Oechsner von der Steubing AG. Der Auslöser: Die US-Notenbank FED habe am Mittwoch von einer weitgehend stagnierenden US-Wirtschaft berichtet. "Zudem belasteten jüngste Daten, die einen Rückgang der US-Verbrauchernachfrage und der Unternehmensinvestitionen signalisierten." Die Volatilität an den Finanzmärkten sei jedenfalls erhöht. "Das ist wohl auch damit zu erklären ist, dass es Unsicherheit über den geldpolitischen Ausblick gibt", erkläre Anleiheanalyst Ralf Umlauf von der Helaba.

Zuvor habe viel Zuversicht geherrscht: Die Inflationsraten seien etwas zurückgegangen, der zuletzt deutlich gesunkene Gaspreis habe Hoffnungen auf ein schnelleres Ende der Inflation geschürt. Gerüchte seien aufgekommen, dass nun nur noch kleinere Leitzinserhöhungen nötig seien.

Dem habe auch EZB-Chefin Christine Lagarde einen Strich durch die Rechnung gemacht: Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos habe sie am vergangenen Donnerstag erklärt, dass die Inflation nach wie vor viel zu hoch sei und die Notenbank beim Kampf gegen die Teuerung weiter "auf Kurs" bleiben müsse. "Von EZB-Präsidentin Lagarde gab es am 19. Januar 2023 keine Hinweise darauf, dass sich das Tempo der Zinserhöhungen abschwächen könnte", bemerke Umlauf. Und Ratsmitglied Knot rechne mit mehreren Erhöhungen um jeweils 50 Basispunkte.

"Die große Frage bleibt letztlich: Wie geht es weiter mit den Zinserhöhungen?", fasse es Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank zusammen.

In Reaktion seien die Renditen, die seit Jahresanfang kräftig zurückgegangen seien, wieder gestiegen. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen, die vergangene Woche unter 2 Prozent gerutscht sei, habe am Freitagmittag wieder bei 2,13 Prozent gelegen.

Anleihen würden unterdessen gesucht bleiben. "Es wird beherzt zugegriffen, auch wenn es für den Inflationsausgleich nicht reicht", berichte Daniel. Gut an komme etwa eine bis 2043 laufende Spanien-Anleihe mit Kupon von 3,45 Prozent (ISIN ES0000012K95 / WKN A3K9RK).

Die "drei" müsse draufstehen - das gelte vor allem auch im Geschäft mit Unternehmensanleihen. Das heiße: Anleihen mit 3 Prozent Rendite und Laufzeiten von zwei bis fünf Jahren würden gerne genommen. "Allerdings müssen die Bonität gut, die Namen bekannt und die Geschäftsmodelle intakt sein", stelle Oechsner fest.

Gesucht seien dem Steubing-Händler zufolge Papiere von Mercedes-Benz International Finance mit Kupon von 0,85 Prozent und Fälligkeit 2025 (ISIN DE000A2DADM7 / WKN A2DADM), LVMH mit 0,75 Prozent bis 2024 (ISIN FR0013257623 / WKN A19HW1), HOCHTIEF mit 0,5 Prozent bis 2027 (ISIN DE000A2YN2U2 / WKN A2YN2U), Deutsche Telekom mit 0,625 Prozent bis 2024 (ISIN XS1732232340 / WKN A19TC5) und Evonik mit 0,375 Prozent bis 2024 (ISIN DE000A185QA5 / WKN A185QA). Alle würden Renditen um 3 Prozent bieten. "Immobilienanleihen bleiben allerdings unter Abgabedruck, etwa Papiere von Vonovia."

"Die Kaufseite überwiegt", erkläre auch Gregor Daniel. Gut angenommen werde weiterhin die neue E.ON-Anleihe (ISIN XS2574873266 / WKN A30V8A) mit 3,5 Prozent bis 2028. Neu auf den Einkaufslisten stehe dem Händler zufolge ein Papier (ISIN DE000A169NC2 / WKN A169NC) der Mercedes Benz Group, das noch bis 2028 laufe und 1,375 Prozent biete. Bei aktuellem Kurs ergebe das eine Rendite von 2,95 Prozent.

So langsam werde es ruhiger bei den Neuemissionen. Petz berichte von einer frischen EnBW-Anleihe mit 3,5 Prozent im Jahr, Fälligkeit 2028 und Stückelung von 1.000 Euro. "Da geht schon einiges um. 3,5 Prozent für fünf Jahre, das kommt schon gut an." Bis 2035 laufe die ebenfalls neue 4 Prozent-Anleihe (ISIN XS2579293536 / WKN A3LDC3) von EnBW, die bei der Steubing AG gehandelt werde.

Neues im Bereich der Staatsanleihen habe es von Seiten Griechenlands gegeben: Das Land sei mit einer bis 2033 laufenden Anleihe mit Kupon von 4,25 Prozent und Stückelung von 1.000 Euro auf den Markt gekommen, wie Daniel melde. "Umsatz sehen wir noch nicht."

Emissionsvolumen so hoch wie nie: Noch nie seien am Jahresanfang so viele Anleihen emittiert worden wie in diesem Jahr. Wie die Nachrichtenagentur Bloomberg melde, sei die Marke von 200 Milliarden Euro neu emittierter Bonds am europäischen Anleihenmarkt schon nach zwölf Arbeitstagen erreicht worden. 2022 und 2020 seien dazu 16 Arbeitstage nötig gewesen, 2021 17 und 2019 20 Arbeitstage. (Ausgabe vom 20.01.2023) (23.01.2023/alc/a/a)






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