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EZB mit Inflationssorgen in der Zwickmühle


27.10.21 08:45
Generali Investments

Köln (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank (EZB) befindet sich in einer Zwickmühle, da die Wirtschaftsaktivität im Euroraum nachlässt, während die Inflation auf einem Rekordhoch liegt und der Preisdruck zunimmt, so Martin Wolburg, Senior Economist bei Generali Investments.

Die EZB-Sitzung im Oktober 2021 finde genau zwischen zwei entscheidenden Sitzungen statt, auf denen die makroökonomischen Aussichten aktualisiert würden und - abgesehen von außergewöhnlichen Umständen - die Geldpolitik normalerweise angepasst werde. Die jüngste Verschlechterung der Wachstums- und Inflationsaussichten mache diese Sitzung jedoch interessant. Die EZB befinde sich zunehmend in einer Zwickmühle, da die Wirtschaft des Euroraums eine Phase der Konjunkturabschwächung durchlaufe, während die Inflation auf einem Rekordhoch liege und der Preisdruck zunehme. Das Goldlöckchen-Szenario der Zentralbank des letzten Jahrzehnts mit einer (manchmal besorgniserregend) unter dem Zielwert liegenden Inflation, das außergewöhnliche politische Maßnahmen gerechtfertigt und dadurch die Wirtschaftstätigkeit und die Märkte gestützt habe, sei zu Ende gegangen. Das Verhalten der EZB werde vom Markt genauestens beobachtet.

Nicht nur die Kerninflation sei stark angestiegen, sondern auch der Preisdruck nehme immer mehr zu. Die Vorabschätzung des zusammengesetzten Einkaufsmanagerindex (EMI) für Oktober verzeichne mit einem Wert von 60,3 die höchsten Produktionskosten seit mehr als zehn Jahren, während die Erzeugerpreisindex-Inflation im Juli bei 13,7 Prozent im Jahresvergleich gelegen habe und der Druck auf die Gewinnspannen angehalten habe. Die Engpässe im Zusammenhang mit mangelnder Versorgung wichtiger Güter wie Halbleiter und die Probleme beim Wiederaufbau der vor der Pandemie bestehenden Wertschöpfungsketten würden anhalten. Gleichermaßen lägen die Inflationserwartungen über alle Laufzeiten (ein Jahr bis 30 Jahre) derzeit etwas über 2 Prozent. Das Risiko, dass sich die Inflationserwartungen unkontrolliert verselbstständigen würden, habe eindeutig zugenommen.

Die wichtigste Aufgabe von Christine Lagarde, der Präsidentin der EZB, auf der Oktobersitzung werde darin bestehen, die Bedenken der Märkte hinsichtlich der Inflation, und ob die EZB diese auch im Griff habe, zu zerstreuen. Lagarde werde sich auf einem schmalen Grat bewegen müssen, um die Inflationserwartungen im Zaum zu halten, ohne sich von den Märkten zu direkten politischen Maßnahmen zwingen zu lassen.

Der EZB-Rat werde das Thema wahrscheinlich durch eine entsprechende Ausdrucksweise lösen. In einer kürzlich gehaltenen Rede habe Präsidentin Lagarde den Inflationsschub noch immer als vorübergehend bewertet, aber die Aufwärtsrisiken für die Inflation betont, die mit dem Fortbestehen von Engpässen und dem unerwartet hohen Lohnwachstum zusammenhängen würden. Des Weiteren würde die EZB "die Risiken für die Inflationsaussichten auch künftig sorgfältig überwachen". Die Experten von Generali Investments würden davon ausgehen, dass diese Bemerkungen auch in die einleitende Erklärung der Oktober-Sitzung einfließen würden, wodurch die Aussage im Vergleich zur September-Sitzung verschärft werde.

Gleichzeitig werde Lagarde weiterhin die außergewöhnlichen Faktoren wie die vorübergehende deutsche Mehrwertsteuersenkung, die Basiseffekte im Energiesektor, die Erholung nach der Coronavirus-Pandemie und Engpässe hervorheben, welche die Gesamtinflation derzeit auf über 3 Prozent im Jahresvergleich treiben würden. Dabei werde sie diese mit anderen Kenngrößen zur Inflationsmessung, die immer noch unter der 2 Prozent-Schwelle lägen, ins Verhältnis setzen. Damit werde implizit zum Ausdruck gebracht, dass die Schwelle für eine Zinserhöhung noch in weiter Ferne liege. Die Märkte würden derzeit einen Einlagensatz von Null für in drei Jahren, von -0,15 für in zwei Jahren und von -0,43 für in einem Jahr einpreisen. Zwischen den Zeilen werde sie mitteilen, dass die (wahrscheinliche) Aufwärtskorrektur des Inflationspfads auf der Dezembersitzung die Zinsaussichten nicht verändern werde und dass die Märkte übertrieben hätten. (Ausgabe vom 26.10.2021) (27.10.2021/alc/a/a)