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FED-Sitzung Anfang November: Für die globalen Anleihemärkte dürften unruhige Zeiten bevorstehen


27.10.21 09:15
Vontobel Asset Management

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Für die globalen Anleihemärkte dürften volatile Zeiten bevorstehen, da die US-Notenbank FED auf ihrer nächsten Sitzung Anfang November den Beginn ihres "Tapering" ankündigen könnte, so Simon Lue-Fong, Head of Fixed Income bei Vontobel Asset Management.

Ein Renditeanstieg werde jedoch nur einen Ausreißer in einem breiteren Abwärtstrend darstellen, der von starken strukturellen Kräften wie der Digitalisierung und der demographischen Entwicklung angetrieben werde.

Alle würden derzeit auf die Entscheidung der FED warten, doch im Großen und Ganzen werde das "Tapering" zu keiner wirklichen Veränderung der Renditeentwicklung führen. Erinnern wir uns zurück: Mitte 2013 stiegen die Renditen um 100 Basispunkte (Bp), als die FED das "T"-Wort das erste Mal in den Mund nahm und ankündigte, ihre expansiven geldpolitischen Maßnahmen nach der globalen Finanzkrise schrittweise zu drosseln, so Simon Lue-Fong, Head of Fixed Income bei Vontobel Asset Management. Als das "Tapering" im Dezember 2013 tatsächlich begonnen habe, seien die Renditen sogar gefallen. Erst drei Jahre später habe die FED mit der quantitativen Straffung begonnen, die die Renditen um 70 Bp nach oben getrieben habe.

Das seien keine massiven Bewegungen, insbesondere im Vergleich zum Jahresbeginn als der Reflation-Trade die Renditen um 120 Bp habe steigen lassen. Das zeige, dass Anleihemärkte nicht allein vom Verhältnis aus dem Angebot an Staatsanleihen und der Nachfrage der Zentralbanken abhängig seien. Letztlich würden die Renditeperspektiven von der künftigen Entwicklung von Wachstum und Inflation abhängen. In jüngster Zeit sei die Stagflationsangst auf ein Rekordniveau gestiegen und eine Rückkehr der 1970er Jahre werde befürchtet.

Allerdings werden dabei wesentliche Unterschiede zwischen beiden Perioden außer Acht gelassen: Zum einen erleben wir derzeit eine Wachstumsphase, können jedoch nicht genügend Angebot liefern, zum anderen liegt die Arbeitslosigkeit tatsächlich mit 4,8 Prozent auf dem niedrigsten Stand seit Pandemiebeginn, während sie Mitte der 1970er Jahre bei 8,2 Prozent lag, so Simon Lue-Fong von Vontobel Asset Management. Und man dürfe nicht vergessen, dass es Faktoren gebe, die zu einem gesunden wirtschaftlichen Gleichgewicht führen und dazu beitragen könnten, dass sich die Lieferketten entspannen würden, bevor die Stagflation durchschlage. Tatsächlich dürfte die Nachfrage abflachen, da die Verbraucher aufgrund der steigenden Preise ihre Ausgaben reduzieren würden, bevor das Wachstum durch die Inflation zunichte gemacht werde.

Die Wahrscheinlichkeit sei also hoch, dass das Wachstum langfristig niedrig bleiben und der Inflationsanstieg vorübergehender Natur sein werde, nicht zuletzt, da Megatrends wie Digitalisierung, Globalisierung und Bevölkerungswachstum beides schon seit längerem in Schach halten würden. Letzten Endes werde die makroökonomische Entwicklung viel stärker ins Gewicht fallen als "Tapering"-Ankündigungen. Solange die Inflations- und Wachstumserwartungen niedrig bleiben würden, würden es die Renditen also schwer haben, zuzulegen.

Das solle nicht heißen, dass geringere Renditeverschiebungen irrelevant wären. Tatsächlich würden sie für aktive Anleihemanager kurzfristige taktische Chancen bieten. Wirklich interessant werde es jedoch erst, wenn die FED tatsächlich die Zinsen anpasse. Bevor es dazu komme, müsse die FED jedoch durch den Abbau der Anleiheankäufe erst "klar Schiff" machen. Das "Tapering" könnte also ein Vorbote für eine Zinsanpassung sein, sollten sich Inflation und Arbeitslosigkeit in die richtige Richtung bewegen. Angesichts der derzeitigen Stimmungslage würde Simon Lue-Fong von Vontobel Asset Management Zinserhöhungen ab Mitte 2022 für möglich halten - vorausgesetzt, das "Tapering" beginne bereits im November dieses Jahres.

Selbst wenn dieses Szenario eintreten sollte, wäre dies wohl kaum das Ende des Anleihemarkts, wie viele Kritiker bereits andeuten. Tatsächlich würde es zu Rendite- und Spread-Entwicklung kommen, die für aktive Anleihemanager ihr täglich Brot seien: Nehme die FED wesentliche Zinsänderungen vor, gehe die Korrelation zwischen Renditen und Spreads auf 1. Das liege daran, dass das kürzere Ende der US-Renditekurve zuerst mit einem Anstieg reagiere, der zu einem Ausverkauf in Risikomärkten führe, was wiederum eine Spread-Ausweitung zur Folge habe. Renditen und Spreads würden also im Einklang steigen. Sobald das Risiko hoch sei, würden die Anleger wieder nach sicheren Anlagen suchen. Das setze eine Rally bei Staatsanleihen in Gang, die sich - wenn auch zeitverzögert - auf die Spread-Märkte niederschlage.

So gesehen würden die Anleihemärkte über einen inhärenten Stabilisierungseffekt verfügen, der im Zuge das natürlichen Auf und Ab von Renditen und Spreads zum Tragen komme. Währenddessen erhalte eine Anleihe unterschiedliche Renditebeiträge ihrer Durations- bzw. Spread-Komponenten, was ein aktiver Anleihemanager über Long- und Short-Positionen in den entsprechenden Renditefaktoren ausnutzen könne.

Unabhängig davon, ob und wann es zu einem "Tapering" komme, dürften die Renditen langfristig nicht von ihrem Abwärtstrend abweichen. Je nachdem, wo man den Floor bei den Zinsen ansetze, könnten Anleiheinhaber von ordentlichen Rallys profitieren. Bei Pandemiebeginn seien die Anleger dankbar für die niedrig verzinsten Staatsanleihen in ihren Portfolios gewesen, da die Renditen von 190 auf 50 Bp gefallen seien und die Kurszuwächse im zweistelligen Bereich gelegen hätten. Aber auch neben diesen kurzfristigen Volatilitätsschüben würden sich verlässliche Alpha-Quellen in Spread-Produkten finden lassen, die in einem renditearmen Umfeld einen Vorteil gegenüber risikofreien Zinssätzen bieten würden. Das liege daran, dass bei Spread-Produkten das wahrgenommene Risiko tendenziell höher sei als das tatsächliche Risiko - eine Marktineffizienz, die sich aktive Anleiheinvestoren zunutze machen könnten. (27.10.2021/alc/a/a)