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Russland: Der Staat verpasst die erste Fälligkeit bei Hartwährungsanleihen


12.04.22 12:00
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Liste der Sanktionen, die in den letzten Wochen gegen Russland wegen des Angriffskrieges in der Ukraine verhängt wurden, ist lang: Persönliche Sanktionen gegen die russische Führungs- und Wirtschaftselite, breit angelegte Exportverbote im Technologiebereich, Sanktionen gegen einige der großen russischen Finanzinstitute inkl. deren Ausschluss aus dem Zahlungsnachrichtensystem SWIFT, eine Blockade der Währungsreserven der Russischen Zentralbank, so die Analysten der DekaBank.

Die USA hätten bereits ein Öl- und Gasembargo verhängt und sämtliche neue Investitionen in Russland verboten. Die EU zeige sich angesichts der wichtigen Rolle von Erdöl und Erdgas aus Russland zögerlicher in Bezug auf ein Energieembargo, auch wenn die ersten Länder (Polen, Baltikum) eigene Maßnahmen in diese Richtung verkünden würden. Der freiwillige Rückzug vieler westlicher Unternehmen aus Russland führe dazu, dass die Rohstoffexporte Russlands Richtung Westen zurückgehen würden. Angesichts der anhaltenden militärischen Aggression Russlands in der Ukraine sei eine Ausweitung der Sanktionen gegen Russland zu erwarten, auch wenn insbesondere ein EU-Gasembargo weiterhin ein Risikoszenario bleibe.

Nach der Blockade der Zentralbankreserven habe die Russische Zentralbank massive Kapitalverkehrskontrollen eingeführt, die den Zugang der Inländer zu den Devisen eingeschränkt und die Ausländer aus dem Rubel-Markt faktisch ausgeschlossen hätten. Der Wechselkurs werde derzeit faktisch nur von der Handelsbilanz bestimmt, die wegen eines massiven Importeinbruchs bei Fortführung eines Großteils der Rohstoffexporte deutlich im Plus sei. Auch wenn die Aufwertung des Rubels in gewisser Weise künstlich herbeigeführt worden sei, könne sie helfen, den massiven Inflationsanstieg auszubremsen (Verbraucherpreisanstieg seit Jahresanfang: 10%).

Der Rückgang der Importe dürfte den Fall des Bruttoinlandsproduktes dämpfen: Die Analysten würden einen BIP-Einbruch um 8,5% erwarten und hier bestünden deutliche Abwärtsrisiken. Das kurzfristige Ziel der Regierung dürfte darin bestehen, die Einkommensverluste durch die zahlreichen Stilllegungen zu kompensieren, um keine Welle der sozialen Unzufriedenheit entstehen zu lassen.

Die Erfahrung zeige, dass Sanktionen in der Regel deutlich schneller verschärft als gelockert würden. Damit dürfte Russland für eine längere Zeit de facto von der globalen Wirtschaft ausgeschlossen bleiben, selbst wenn der Handel Richtung Schwellenländer wie von den Analysten erwartet aufrechterhalten werde. Insbesondere das Technologieembargo werde sich mittelfristig deutlich bemerkbar machen: Sowohl im IT- als auch im Transport-, Automobil- oder Maschinenbausektor hätten die Importe aus dem Westen eine systemische Bedeutung gehabt. Eine schnelle Konjunkturerholung sei in Russland deshalb nicht zu erwarten.

Die externen Ratingagenturen hätten ihre Einschätzungen der Bonität Russlands an den Rand des Defaults gesenkt und würden die Ratingnoten aufgrund der westlichen Sanktionen zurückziehen. Nach einer Verschärfung der US-Sanktionen habe das Finanzministerium Russlands am 6. April zum ersten Mal eine auf US-Dollar lautende Fälligkeit nur in russischen Rubel bezahlt. Sollte die Hartwährungszahlung innerhalb von 30 Tagen nicht nachgeholt werden, dürfte es einem formellen Default entsprechen. Die Zahlungen für die auf Rubel lautenden OFZ-Anleihen leiste Russland zwar weiter, sie würden ausländische Investoren aufgrund von Kapitalverkehrskontrollen- und Sanktionsregime jedoch nicht erreichen. Angesichts der Isolation Russlands vom internationalen Finanzmarkt sei keine schnelle Einigung mit den Gläubigern im Default-Fall zu erwarten.

Im Banken- und Unternehmensbereich könnten die westlichen Sanktionen und die Kapitalverkehrskontrollen eine Reihe von (technischen) Defaults auslösen: Seitens Russlands seien Devisenzahlungen an die Gläubiger nur mit einer Sondergenehmigung gestattet. (Ausgabe vom 08.04.2022) (12.04.2022/alc/a/a)