Die (Sieben-)Billionen-Dollar-Frage: Kommt es zu einem Anstieg der Inflation?


15.07.20 10:45
WisdomTree Europe

London (www.anleihencheck.de) - Es ist nicht immer einfach einzuschätzen, welche zukünftigen Entwicklungen von den Marktteilnehmern in die Preise von Anlagen eingerechnet werden, so Mobeen Tahir, Associate Director, Research, WisdomTree.

Die Inflationserwartungen des Markts abzuleiten, sei allerdings nicht so schwierig. Die Breakeven-Inflationsrate - berechnet als Differenz zwischen der Rendite einer normalen Anleihe und der einer inflationsindexierten Anleihe gleicher Laufzeit - sei ein zuverlässiges Maß zur Einschätzung der Inflationserwartungen der Märkte. Was also sage die "Weisheit der Vielen"?

Derzeit würden die Märkte nicht erwarten, dass die Inflation die Zielwerte der Zentralbanken in den nächsten zehn Jahren erreichen werde. Die US-amerikanische Gewinnschwellen-Inflationskurve zeige die Höhe der Inflation, die in US-Staatsanleihen für unterschiedliche Laufzeiten - bzw. zukünftige Jahre - eingepreist werde. Aus der nachfolgenden Abbildung ergebe sich der entscheidende Punkt, dass die Inflationserwartungen seit Jahresbeginn über die gesamte Kurve hinweg gesunken seien. Darin spiegele sich wider, wie der Markt den langfristigen Schaden für die US-Wirtschaft durch die Pandemie beurteile.

Ein Grund dafür, dass die Anleihenmärkte nach Ansicht der Investoren bei den Inflationsaussichten falsch liegen könnten, seien die Auswirkungen der akkommodierenden Ausrichtung der US-Notenbank (FED). Die nächste Abbildung zeige, wie stark die Bilanz der FED in diesem Jahr aufgrund der umfangreichen Anlagenkäufe angewachsen sei. Ein solch aggressives Entgegenkommen durch die FED sei auch in der weltweiten Finanzkrise von 2008 zu beobachten gewesen. Die Inflation sei wieder angestiegen, jedoch in moderater Höhe. Die Versuche der FED, in den folgenden Jahren eine Verschärfung der Geldpolitik durchzusetzen, habe auf den Märkten auf starken Widerstand getroffen, d.h., der mögliche Liquiditätsentzug habe den Markt in eine kollektive Panik versetzt.

Deshalb habe die FED die Erweiterung ihrer Bilanz in den Jahren nach der Krise fortgesetzt. Ihre Bilanz sei von weniger als einer Billion USD im Jahr 2008 auf mehr als sieben Billionen USD im Juli 2020 angewachsen. Trotz der hohen Liquiditätszufuhr seit der weltweiten Finanzkrise habe die Inflation keine sehr hohen Stände erreicht. Liquidität allein werde wahrscheinlich auch in Zukunft nicht ausreichen, um hohe Inflationsraten zu verursachen.

Wir möchten eine mögliche Kombination von Faktoren ansprechen, die 2021 voraussichtlich für einen Inflationsanstieg sorgen könnte, so Mobeen Tahir von WisdomTree. Nehme man an, dass ein wirkungsvoller Impfstoff entwickelt und weit verbreitet werde, durch den die Pandemie zu Beginn des neuen Jahres so gut wie vorüber sei. Man kehre zur alten Normalität zurück. Ein Großteil der Arbeitsplätze, die in diesem Jahr verloren gegangen seien, komme wieder hinzu. Die so genannte "aufgestaute" Nachfrage, die sich durch eine Vermeidung von Ausgaben in diesem Jahr ergebe, sorge im nächsten Jahr für eine durch einen Nachfrageüberhang ausgelöste Inflation. Durch einen Anstieg der Wirtschaftstätigkeit könnten die Energiepreise wieder auf die Niveaus von vor der Pandemie steigen und zu einer Kostendruckinflation führen. Weitere Unterstützung könnte sich ergeben, wenn die Regierungen ihre Versprechen in die Tat umsetzen und das Wachstum mit Infrastrukturausgaben fördern würden.

Bei dem obigen Szenario handelt es sich jedoch nicht um unser Basisszenario, so Mobeen Tahir von WisdomTree. Hinter mehreren der oben genannten Variablen stünden Fragezeichen. Es sei noch kein Impfstoff entwickelt worden und die Energienachfrage sei noch weit davon entfernt, dass die Ölpreise auf die Stände von vor der Pandemie zurückkehren würden. Ebenso werde die Arbeitslosenquote aufgrund von Konkursen und langfristigen Schäden für Unternehmen nur langsam sinken. Der Punkt, an dem wieder ein Lohndruck einsetze, liege noch in weiter Ferne. In unserem Basisszenario erwarten wir, dass die Inflation 2021 moderat steigen und in den USA um die Jahresmitte 1,5 Prozent erreichen wird, so Mobeen Tahir von WisdomTree weiter. Dies sei der Prognose des Internationalen Währungsfonds sehr ähnlich.

Sei es zu früh, sich um Inflation Gedanken zu machen? Nach Erachten der Experten von WisdomTree nicht. Selbst wenn es nur zu einem moderaten Anstieg der Inflation komme, sei es sehr wahrscheinlich, dass sie in den USA und auch für die Weltwirtschaft gegenüber den heutigen Ständen steigen werde. Aus Sicht des "Risikobudgets" betrachtet, sollten sich Investoren fragen, welchen Risiken ihre Portfolios ausgeliefert seien und ob sie für die Übernahme dieser Risiken angemessen entlohnt würden. Wenn ein Inflationsrisiko nicht aktiv erwünscht sei, sollten die Investoren eine Absicherung dieses Risikos erwägen.

Der Einsatz eines breit angelegten Rohstoffkorbs stelle eine wirksame Absicherung gegen moderate Inflation dar. Breit diversifizierte Rohstoffe würden eine natürliche Absicherung liefern, wenn die Weltwirtschaft zu wachsen beginne. Zyklische Rohstoffe würden in der Produktion benötigt - und das umso mehr, wenn staatliche Infrastrukturprogramme gestartet würden.

Gold (ISIN XC0009655157/ WKN 965515) sei eine weitere traditionelle Inflationsabsicherung. Da Papierwährungen durch Inflation entwertet würden, gelte Gold unter den Investoren als besserer Vermögensspeicher. Der Kompromiss gegenüber breit diversifizierten Rohstoffen bestehe darin, dass den Investoren die Vielfalt eines Korbs verloren gehe, sie aber eine gute Absicherung gegen einen Abschwung auf dem Finanzmarkt oder eine Verschlechterung des makroökonomischen Umfelds erzielen würden. Gold sei den breit diversifizierten Rohstoffen auch in Zeiten einer hohen Inflation überlegen, da es wahrscheinlich sei, dass sich ein solches Szenario aus geldpolitischen Fehlern ergebe, und damit den Besitz von Währungen für Investoren noch zusätzlich unattraktiv mache.

Angesichts eines Preisanstiegs von fast 17 Prozent seit Jahresbeginn scheinen die Goldmärkte im Vergleich zu US-Staatsanleihen für nächstes Jahr eine höhere Inflation einzupreisen, so Mobeen Tahir von WisdomTree. Die Inflation begebe sich langsam von den heute extrem niedrigen Ständen auf ein normales Niveau im nächsten Jahr, weshalb der Schutz vor Inflation ein relevantes und wichtiges Thema sei, das die Investoren heute in Erwägung ziehen sollten. (15.07.2020/alc/a/a)





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