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Anleihemärkte sehen nach 40 Jahren sinkender Zinsen einer Zeitwende entgegen


05.07.22 13:00
Santander Asset Management

Frankfurt am Main (www.anleihencheck.de) - Die Anleihemärkte sehen nach 40 Jahren sinkender Zinsen einer Zeitwende entgegen, so Dr. Klaus Schrüfer, Chief Market Strategist bei Santander Asset Management Germany.

Ausgangspunkt sei in den 80er Jahren die Hochzinspolitik des damaligen FED-Gouverneurs Paul Volcker gewesen, der mit der Anhebung der Leitzinsen in den USA auf bis zu 19 Prozent im Mai 1981 die damals vorherrschende Inflationsmentalität habe brechen können. Dennoch, nicht alles ändere sich an den Finanzmärkten. Wichtige Grundregeln würden weiterhin gelten: Die Erwartungen zu den zukünftigen Unternehmensgewinnen würden der wichtigste Einflussfaktor für die Entwicklung der Aktienkurse bleiben.

Über eine schrittweise Rücknahme der sehr expansiven Geldpolitik sei angesichts steigender Inflationsraten schon im vergangenen Jahr diskutiert worden. Dennoch habe die Entschlossenheit der amerikanischen Notenbank, die sie seit Jahresbeginn zeige, dann doch etwas überrasche. Sie habe in einem relativ kurzen Zeitraum - zwischen September 2021 und März 2022 - von einer starken Forward Guidance zu extrem niedrigen Zinsen und der Ausweitung der Bilanz in den kommenden Jahren auf einen Bilanzabbau und eine Reihe aggressiver Zinserhöhungen in der Zukunft umgeschaltet.

Vor allem die Neubewertung der Inflationsperspektiven habe die FED-Politik beeinflusst. Der Preisanstieg habe sich seit Frühjahr letzten Jahres merklich beschleunigt. Die Inflationsraten hätten die höchsten Niveaus seit rund 40 Jahren erreicht. Und entscheidend sei: Die FED habe diese Entwicklung nicht mehr als vorübergehend angesehen. Sie habe zunehmend damit gerechnet, dass sich die hohen Inflationsraten nur langsam zurückbilden könnten.

Die weitreichenden Konjunkturprogramme der amerikanischen Regierungen in den letzten zweieinhalb Jahren zur Bekämpfung der negativen Pandemie-Auswirkungen auf die US-Konjunktur hätten zu einem massiven Nachfrageschub für Konsumgüter geführt. Gleichzeitig habe sich der Arbeitsmarkt merklich erholt. Er sei heute wieder weitgehend leergefegt. Die Arbeitslosigkeit sei fast wieder auf das sehr niedrige Niveau vor Ausbruch der Coronapandemie gesunken. Arbeitnehmer könnten wieder höhere Löhne durchsetzen. Daher gebe die amerikanische Notenbank der Bekämpfung der hohen Inflation jetzt eindeutig Vorrang.

Was die Politik der Europäischen Zentralbank angehe, möchte sich Dr. Klaus Schrüfer, Chief Market Strategist bei Santander Asset Management Germany, der in Deutschland vorherrschenden Einschätzung aufräumen, dass die EZB auf die kräftig gestiegene Inflation nicht reagieren, sondern nur abwarten würde. Die schrittweise Reduzierung der Wertpapierankäufe und die Einstellung des Pandemienotfallankaufprogramms Ende März und des "regulären" Wertpapierankaufprogramms Ende Juni würden bedeuten, dass die Geldpolitik der EZB bereits weniger expansiv geworden sei.

Dass die FED früher reagiert habe als die EZB, liege an mehreren Aspekten. Zum einen habe sich die Konjunktur in den USA wesentlich dynamischer entwickelt. So liege die Wirtschaftsleistung dort bereits wieder um knapp 3 Prozent über dem Vor-Corona-Niveau.

Im Euroraum sei dieses Niveau bisher nur knapp überschritten worden, in Deutschland lägen die Wirtschaftsaktivitäten sogar noch darunter. Zum anderen habe der Preisdruck im Euroraum und Deutschland spürbar später zugenommen als in den USA. Hinzu komme, dass im Euroraum ein wesentlich größerer Teil der Inflation auf angebotsseitige Faktoren zurückgehe, die die EZB kaum beeinflussen könne. Dazu würden die an den globalen Märkten bestimmten Rohstoff-, Energie- und Nahrungsmittelpreise gehören.

Nach Meinung von Dr. Klaus Schrüfer, Chief Market Strategist bei Santander Asset Management Germany, verfolge die EZB bei der Reduzierung ihrer nach wie vor sehr expansiven Geldpolitik eine klar kommunizierte Reihenfolge, das sogenannte "Sequencing". Zunächst habe sie die Wertpapierankäufe beenden wollen. Diese habe sie Ende Juni netto eingestellt. Auf absehbare Zeit wolle sie jetzt nur noch endfällig werdende Papiere wieder ersetzen und die Bilanz unverändert belassen. Bei den Wertpapierankäufen habe es sich auch um außergewöhnliche Maßnahmen gehandelt. Daher werde die EZB zeitnah die Leitzinsen erhöhen.

Im ersten Schritt werde der EZB-Rat auf der Sitzung am 21. Juli die Leitzinsen um 25 Basispunkte anheben. Für die darauf folgende Sitzung am 8. September habe der EZB-Rat einen größeren Zinsschritt um 50 Basispunkte angedeutet. Damit würde er die mehr als achtjährige Ära negativer Leitzinsen beenden. Im vierten Quartal könnten dann zwei weitere Zinserhöhungen folgen.

Einerseits möchten die europäischen Zentral-Bänker die Preisentwicklung rasch beeinflussen, um sogenannte Zweitrundeneffekte und einen nachhaltigen Anstieg der Inflationserwartungen über ihre Preisstabilitätsziele zu verhindern. Andererseits möchten sie erreichen, dass private Haushalte, Unternehmen und Finanzmärkte die straffere Geldpolitik verkraften könnten und es zu keiner Rezession komme. Das heiße, sie würden eine "sanfte Landung" versuchen.

Nach Ansicht von Dr. Klaus Schrüfer, Chief Market Strategist bei Santander Asset Management Germany, sei die Herausforderung für die Notenbanken zurzeit sehr groß. Es sei sehr wichtig, dass sie ihre Entschlossenheit bei der Inflationsbekämpfung klar kommunizieren würden. Dann könnte es ihnen gelingen, dass sich die Inflationserwartungen in der Nähe ihre Preisstabilitätsziele von "rund 2 Prozent" verankern lassen würden. Auch die Lohnforderungen und die gefürchteten Zweitrundeneffekte könnten sich dann in Grenzen halten. Denn klar sei, dass der kräftige Anstieg der Rohstoff-, Energie- und Nahrungsmittelpreise einen deutlichen Wohlstandstransfer in die Produzentenländer darstelle.

Nun komme es auf die Frage an, wie schnell die großen Angebotsengpässe reduziert werden könnten. Diese würden zum Teil darauf zurückgehen, dass die Nachfrage nach der weitgehenden Beseitigung der Corona-bedingten Beschränkungen vor allem bei Dienstleistungen wieder merklich anziehe. Der Wille in der Bevölkerung, wieder mehr zu unternehmen, sei sehr groß, wie die hohe Nachfrage nach Urlaubsreisen zeige. Die privaten Haushalte würden über hohe Ersparnisüberschüsse verfügen, die sie während der Coronapandemie gebildet hätten. Weiterhin würden viele Unternehmen auf hohen Auftragsbeständen sitzen. Diese könnten sie rasch abarbeiten, wenn sie aktuell fehlende Produkte, wie Halbleiter, wieder in ausreichender Menge bekommen sollten. Eine Aufhebung bzw. weitere Reduzierung der Lockdowns in China könne hier die Probleme etwas verringern. Zudem würden die meisten Unternehmen über gesunde Finanzen verfügen, wie die bis zuletzt steigenden Unternehmensgewinne zeigen würden.

Beim Blick auf die aktuellen Finanzmärkte zeigen sich klare Einstiegchancen: Wenn ich zurückblicke, haben wir zum ersten Mal seit 2008 Aktien und Anleihen gleichzeitig auf Korrekturniveau, so Dr. Klaus Schrüfer, Chief Market Strategist bei Santander Asset Management Germany. Die letzten Male, als das in den vergangenen Jahrzehnten passiert sei, sei das für den mittel- bis langfristig orientierten Investor ein guter Einstiegszeitpunkt.

Den Unternehmen, vor allem denen mit Preissetzungsmacht, gelinge es, höhere Kosten an die Nachfrager weiterzugeben und ihre Gewinne weiter zu steigern. Dies gelte auch für viele Unternehmen aus dem Technologiesektor. Durch die deutlichen Kursrückgänge sei zudem die Bewertung vieler Unternehmen wieder wesentlich günstiger geworden. Zudem würden viele Anleger über hohe Liquiditätsbestände verfügen, die sie zumindest zum Teil wieder investieren möchten und dann die Aktienkurse zusätzlich stützen würden.

Dies gelte auch für den Anleihemarkt, denn auch hier hätten die Finanzmärkte schon mehrere, vor allem in den USA auch deutliche, Zinserhöhungen eingepreist. Daher dürfte bei langlaufenden Anleihen bereits einiges vorweggenommen sein, wie die stärksten Kursrückgänge seit vielen Jahren zeigen würden. Jetzt sollte es wieder in Richtung längere Duration gehen. In einem gut strukturierten Portfolio würden damit Rentenanlagen weiterhin ihre Berechtigung besitzen. (05.07.2022/alc/a/a)