Euroraum: Anstieg der Inflation im Dezember?


01.12.23 12:48
Raiffeisen Bank International AG

Wien (www.anleihencheck.de) - Die November-Vorausschätzung der Inflationsrate für den Euroraum brachte eindeutig positive Nachrichten, so die Analysten der Raiffeisen Bank International AG (RBI).

Erstens sei die Gesamtinflation auf 2,4% im Jahresvergleich gesunken und somit nur mehr wenig über dem Notenbankziel zum Liegen gekommen. Zweitens habe dabei die Kerninflation wesentlich zu diesem Rückgang beigetragen. Die Schätzung für die Kerninflation habe bei 3,6% im Jahresvergleich gelegen, wobei sich sowohl die Waren- als auch die Dienstleistungsinflation deutlich verlangsamt hätten. Auch die Energiepreise hätten ihren Teil dazu beigetragen. Immerhin seien diese trotz des Auslaufens von Basiseffekten auf -11,5% im Jahresvergleich zurückgegangen, was auf einen starken Rückgang der Kraftstoffpreise zurückzuführen sei. Betrachte man die monatliche Dynamik der letzten sechs Monate, so scheine sich die Teuerung allmählich zu "normalisieren", d.h. ähnlich zu entwickeln wie in den Jahren 2017 bis 2019, mit der offensichtlichen Ausnahme der Energiepreise.

Im Dezember dürfte die Inflation aufgrund des Auslaufens eines Basiseffekts, der durch die Rückerstattung der Energierechnungen durch die deutsche Regierung im Dezember 2022 verursacht werde, einen Anstieg erfahren. In weiterer Folge dürfte die Inflation wieder sinken.

In den USA erschienen diese Woche ebenfalls Inflationsdaten, so die Analysten der RBI. Dabei hätten die PCE-Daten für den Oktober auf einen weiterhin abnehmenden Inflationsdruck hingewiesen. Sowohl die Kernrate als auch die Gesamtinflationsrate hätten sich mit 3,5% p.a. und 3% p.a. gemäß den Konsenserwartungen entwickelt. Allerdings würden die PCE-Daten ähnlich zu den bereits erschienenen VPI-Daten eines deutlich machen: Die Kerninflationsrate entwickele sich weiterhin zäher als die Gesamtinflationsrate. Dieser Umstand werde hinsichtlich der zukünftigen Inflationsentwicklung ein entscheidender Faktor bleiben.

Der Datenkalender der nächsten Woche stehe in den USA ganz im Zeichen von Arbeitsmarktdaten. Zuerst würden Zahlen zu offenen Stellen im Oktober publiziert werden. Die Quote der offenen Stellen habe zuletzt wieder marginale Anstiege verzeichnet, was auf einen etwas engeren Arbeitsmarkt hindeute. Dementsprechend stelle sich die Frage, ob sich dieser Trend fortsetzen werde, oder ob sich Hinweise auf abkühlende Tendenzen finden lassen würden. In weiterer Folge werde der Arbeitsmarktbericht für den November erscheinen. Der letzte Report habe darauf hingedeutet, dass der Arbeitsmarkt in den USA im Großen und Ganzen wieder mehr in Balance zu kommen scheine und dass sich auch die Lohnentwicklung nach und nach normalisiere. Sollte sich dies fortsetzen, wären das gute Neuigkeiten für die Federal Reserve, seien doch Entwicklungen auf der Beschäftigungs- bzw. Lohnebene ein entscheidender Faktor bei der Inflationsbekämpfung. Mit dem ISM-Index für das Nicht-Verarbeitende Gewerbe erscheine darüber hinaus der letzte wesentliche Stimmungsindikator für den November.

In der Eurozone sei insbesondere das Erscheinen des Sentix-Index von Interesse, da dieser den ersten Stimmungsindikator für den Dezember darstelle. Hierfür würden die Analysten der RBI einen Anstieg weg von -18,6 Punkten hin zu -12 Punkten - also eine merkliche Verbesserung auf einem nach wie vor niedrigen Niveau - prognostizieren. Die anstehenden Industriedaten würden Auskunft zum Start der Wirtschaftsaktivität ins vierte Quartal geben. Für viele Länder dürfte dieser misslungen sein (deutlicher Rückgang der Produktion).

Am Zinsmarkt habe sich der Renditeabwärtsdruck fortgesetzt und gewann in den letzten Tagen sogar an Intensität gewonnen. Im Vergleich zum letzten Freitag seien 10-jährige Benchmark Renditen auf beiden Seiten des Atlantiks um etwa 20 Basispunkte gesunken. Die 10-jährige Bund-Rendite notiere unter 2,5% und die 10-jährige US Treasury-Rendite nahe 4,3%. Dies spiegele in etwa auch die Werte von Anfang September wider, bevor die Renditen stark gestiegen seien. Im kurzen Laufzeitensegment würden die Renditen aktuell sogar darunter notieren. 2-jährige Renditen, die stärker vom geldpolitischen Ausblick der nächsten Quartale geprägt seien als 10-jährige Renditen, hätten von den immer optimistischeren Zinssenkungsfantasien profitiert. Diese seien wiederum von den jüngsten Inflationsdaten befeuert, welche mehrheitlich unter den Erwartungen veröffentlicht worden seien.

Die Analysten der RBI würden die jüngsten Entwicklungen somit als Kombination der nun früher gepreisten Zinssenkungen für EZB/FED erachten, als auch eine Konsolidierung der Duration-Risikoprämien. Solange die Makrodaten weiter Inflationserleichterung versprühen würden, könnte sich das aktuelle Renditeniveau behaupten. Sollten Datenveröffentlichungen aber wieder weniger erfreulich ausfallen, könne sich das Blatt aufgrund der exponierten Marktpositionierung auch rasch wieder ändern. Auch die Analysten der RBI würden einen mittelfristigen Rendite-Abwärtstrend prognostizieren, die aktuellen Notenbankerwartungen aber als vulnerablen Punkt erachten, der zu Gegenbewegungen einladen könnte.

Die nächsten FED- und EZB-Zinssitzungen fänden in zwei Wochen statt. Auf diesen würden die Analysten der RBI keine Änderungen hinsichtlich der Leitzinsen erwarten. Zumindest Versuche verbaler Interventionen, um den erwarteten Zeitpunkt der ersten Zinssenkung in die Zukunft zu verschieben, seien wahrscheinlich. Abseits der Leitzinsen habe EZB-Präsidentin Lagarde diese Woche zum Thema EZB-Bilanzreduktion aufhorchen lassen. Bei einer Anhörung vor dem EU-Parlament habe sie sich zum PEPP-Programm geäußert: "Reinvestitionen im PEPP-Programm werden in nicht allzu ferner Zukunft diskutiert". Die Analysten der RBI würden dies als Zeichen interpretieren, dass auf der nächsten EZB-Sitzung die Forward Guidance zum PEPP-Programm verändert werden könnte. Aktuell werde noch kommuniziert, dass "die Tilgungsbeträge der im Rahmen des Programms erworbenen Wertpapiere mindestens bis Ende 2024 weiterhin bei Fälligkeit wieder angelegt würden". Hier könnte als erster Schritt die zeitliche Komponente fallen und den Weg für ein früheres Ende der Reinvestitionen ebnen.

Die Analysten der RBI würden an ihrer Erwartung eines Endes der PEPP-Reinvestitionen im Juli 2024 weiter festhalten, aber nun Risiken sehen, dass dies sogar früher eintreten könnte. Jedenfalls gebe es im EZB-Rat deutlich mehr Befürworter, die Liquiditätssteuerung über das Bilanzvolumen zu betreiben als etwa durch eine drastische Mindestreserveerhöhung die Überschussliquidität zu reduzieren. Klar sei, dass sich der Fokus nun auch auf bilanzpolitische Maßnahmen der EZB verschiebe. (01.12.2023/alc/a/a)