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Renditen von Anleihen bzw. Kreditkonditionen spielen wieder eine nennenswerte Rolle an Kapitalmärkten


01.12.23 13:30
DONNER & REUSCHEL AG

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Nach der Zinswende 2022 und dem Ende eines rund vierzigjährigen Zinssenkungstrends spielen Renditen von Anleihen bzw. Kreditkonditionen wieder eine nennenswerte Rolle an den Kapitalmärkten und in der Realwirtschaft, so Carsten Mumm, Chefvolkswirt bei der Privatbank DONNER & REUSCHEL AG.

Das sei gut so, denn in den Jahren von Null- und Negativzinsen seien immer wieder die fehlende Lenkungsfunktion des Zinses und daraus resultierende Fehlallokationen von Kapital moniert worden. Unternehmen, die kein ausreichend funktionierendes Geschäftsmodell gehabt hätten, hätten sich trotzdem am Markt halten können. An den Kapitalmärkten hätten Anleger zwangsläufig immer größere Risiken eingehen müssen, um die Chance auf eine auskömmliche Rendite zu erhalten.

Der Anpassungsprozess an das neue Regime positiver Zinsen habe bereits im Jahr 2022 an den Börsen stattgefunden - mit der Folge erheblicher zwischenzeitlicher Verluste. Bei illiquiden Anlagen sei der Findungsprozess für neue Gleichgewichtspreise noch im Gange, bspw. bei Immobilien. In der Realwirtschaft würden die Spuren des Zinsanstiegs erst in den kommenden Monaten sichtbar. Denn auch die konjunkturelle Entwicklung werde in vielen Regionen weltweit in den kommenden Monaten schwach bleiben. So habe die OECD gerade ihre Prognose für das globale Wachstum im nächsten Jahr 2024 auf 2,7 Prozent gesenkt. Während die Region Südostasien mit Indien, China und Indonesien Wachstumstreiber seien, würden die Industriestaaten die Dynamik ausbremsen. Für Deutschland sei nur noch ein Wachstum von rund 0,5 Prozent realistisch. Der erhoffte zaghafte Aufschwung durch den privaten Konsum im Zuge steigender Realeinkommen scheine sich für das kommende Weihnachtsgeschäft noch nicht einzustellen, dürfte sich aber im Laufe des ersten Quartals bemerkbar machen. Die US-Konjunktur werde sich voraussichtlich abkühlen, aber mit 1,5 Prozent Wachstum immer noch stärker ausfallen.

Sowohl die Konjunktur als auch die hohen Zinsen hätten für einen stärkeren Anstieg der Insolvenzzahlen gesorgt. In Deutschland dürfte die Anzahl der Insolvenzen im laufenden Jahr 22 Prozent über dem Niveau des Vorjahres liegen. Die Anzahl der Großinsolvenzen nehme noch stärker zu. Besonders betroffenen seien die Sektoren Handel, Gastgewerbe und Bau. Allerdings handele es sich bei dieser Entwicklung vorerst nur um eine Normalisierung der sehr niedrigen Insolvenzzahlen der vergangenen Jahre. Der marktwirtschaftliche Selektionsmechanismus funktioniere wieder besser, durch den nicht-zukunftsfähige Geschäftsmodelle nicht überleben würden. Trotz voraussichtlich weiter zunehmender Insolvenzfälle im nächsten Jahr sei mit einer größeren Insolvenzwelle nicht zu rechnen, da viele Unternehmen resilient genug seien, um die aktuelle Phase zu überstehen. Gemäß jüngstem Finanzstabilitätsbericht der Bundesbank sei das Finanzsystem in Deutschland angesichts einer derzeit guten Ertragslage bei Banken stabil. Allerdings würden Konjunkturdelle, Zinsanstieg und Transformationsnotwendigkeiten auch im Bankensektor eine Erhöhung der Resilienz erfordern, denn die Profitabilität werde durch steigende Kreditausfälle, anziehende Refinanzierungskonditionen sowie mögliche Preiskorrekturen bei Wertpapieren oder im Immobilienbereich künftig schwächer ausfallen. Hinzu kämen potenzielle Cyberrisiken.

Die Konjunkturdelle wirke sich zunehmend auch auf die Arbeitsmärkte aus. So sei die Arbeitslosenquote in Deutschland saisonbereinigt im November auf 5,9 Prozent gestiegen. Die Beschäftigungsnachfrage sinke. Auch in den USA seien künftig schwächere Arbeitsmarktdaten zu erwarten. Allerdings gelte für beide Regionen, dass der verbreitete Fachkräftemangel einen drastischen Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindern dürfte. Auf der anderen Seite sei vor diesem Hintergrund damit zu rechnen, dass die derzeit sehr hohen Nominallohnabschlüsse in den kommenden Monaten deutlich moderater ausfallen würden.

Fazit: Damit würden die Chancen steigen, dass die Inflationsraten in den USA und der Eurozone in den kommenden Monaten weiter nachgeben und kurzfristig auch die Zielmarke von 2 Prozent erreichen könnten. Für die Notenbanken FED und EZB wäre damit der Weg für erste Leitzinssenkungen ab dem Frühjahr bzw. ab dem zweiten Quartal frei. Zinsen bei längeren Laufzeiten sollten im Jahresverlauf 2024 ebenfalls weiter nachgeben. Daraus resultiere Steigerungspotenzial für den Euro im Vergleich zum US-Dollar sowie für Aktien und Edelmetalle. (01.12.2023/alc/a/a)