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Steigende US-Zinsen und Schwellenländeranleihen: Droht eine Wiederholung des Taper tantrums von 2013?


30.06.22 17:00
Capital Group

Los Angeles (www.anleihencheck.de) - In der Vergangenheit haben Erhöhungen des US-Leitzinses die Volkswirtschaften der Schwellenländer meist unter Druck gesetzt, so die Experten der Capital Group.

Zuletzt hätten sie für Volatilität bei Schwellenländeranleihen in lokaler Währung gesorgt. Im Folgenden erkläre Peter Becker, Investment Director für Fixed Income bei Capital Group, warum das so sei und worin sich die Situation heute von der im Jahr 2013 unterscheide:

Warum würden steigende US-Zinsen häufig dazu führen, dass Schwellenländeranleihen nachgeben würden?

Das liege daran, dass steigende Zinsen in den USA häufig mit einem stärkeren Dollar und schwächeren Schwellenländerwährungen einhergehen würden. Zudem würden höhere Zinsen in den USA in der Regel für eine geringere Zinsdifferenz zu den Schwellenländern sorgen, wodurch Anleger weniger Kompensation für das Risiko erhalten würden, das mit einem Schwellenländerinvestment einhergehe.

Auf der Grundlage unseres Modells zur fundamentalen Bewertung von Wechselkursen sei der US-Dollar derzeit überbewertet, und in Anbetracht der unterschiedlichen Wachstumsaussichten und Realzinsdifferenzen zwischen den USA und dem Rest der Welt werde dies wahrscheinlich noch einige Zeit so bleiben. Die Währungen der Schwellenländer hingegen seien aus unserer Sicht derzeit unterbewertet, wobei es bei einigen schnell wachsenden Volkswirtschaften zu einer gewissen Aufwertung ihres Wechselkurses gegenüber dem US-Dollar kommen könnte.

Allerdings seien die Zinsunterschiede zwischen den Schwellenländern und den Industrieländern nach wie vor vergleichsweise hoch. Die Zinsdifferenzen seien 2020 zwar auf den niedrigsten Wert seit einem Jahrzehnt gefallen, seien jedoch 2021 wieder gestiegen, als die Zentralbanken der Schwellenländer mit der Anhebung der Zinssätze begonnen hätten - entweder weil die Inflation aufgrund angespannter Arbeitsmärkte angezogen sei (z. B. in Osteuropa und Russland) oder weil das Vertrauen in die Politik und die öffentlichen Finanzen unter Druck gestanden seien (z. B. in Lateinamerika). Sowohl die nominalen als auch die realen Zinssätze in den Schwellenländern seien seitdem gestiegen, insbesondere in den Ländern mit höheren Renditen, die in der Regel am anfälligsten für eine Straffung durch die FED seien.

Ein Großteil der Schwäche der Schwellenländeranleihen sei jedoch bereits vor den jüngsten Zinserhöhungen durch die FED aufgetreten. Wie lasse sich das erklären?

Schwellenländeranleihen in Lokalwährung würden zu einem Abverkauf neigen, sobald mögliche Zinserhöhungen der FED vom Markt antizipiert und eingepreist würden, würden aber oft relativ stabil bleiben oder sogar steigen, wenn die Zinserhöhungen dann tatsächlich vorgenommen würden. Betrachte man beispielsweise die Situation im Jahr 2013, dann zeige sich, dass die meisten negativen Renditen für Schwellenländeranleihen in Zeiträume gefallen seien, in denen eine restriktivere US-Geldpolitik diskutiert worden sei, und nicht in die Zeit, in der die Leitzinsen dann auch wirklich angehoben worden seien. So sei die Rendite von EM-Anleihen in lokaler Währung während des Zeitraums der eigentlichen Zinserhöhungen von Dezember 2013 bis Oktober 2014 positiv gewesen und dies, obwohl das Wechselkurselement die Renditen nach unten gedrückt habe.

Seien die Schwellenländer heute besser aufgestellt als 2013?

Grundsätzlich gelte: Die Anleihen von Ländern mit niedrigerem Rating und höheren Renditen würden in der Regel stärker auf steigende US-Zinssätze als die Anleihen von Ländern mit höherem Rating reagieren.

Die Haushaltsdefizite und die Staatsverschuldung der Schwellenländer seien heute höher als früher. Insgesamt liege ihre Staatsverschuldung allerdings immer noch weit unter dem Niveau der Industrieländer und bleibe überschaubar. Zudem seien die Schwellenländer im Vergleich zu 2013 weniger auf ausländische Kredite angewiesen. Viele Schwellenländer hätten die Laufzeiten ihrer Anleihen verlängert und zugleich seien weniger Lokalwährungsanleihen in der Hand ausländischer Investoren. Entsprechend sei das Risiko einer plötzlichen Umkehrung der Kapitalströme heute geringer.

Die Inflation in den Schwellenländern sei aktuell deutlich höher als 2013. Der jüngste Anstieg der Rohstoffpreise habe die Beschleunigung der Teuerungsrate noch weiter verstärkt, die in den Unterbrechungen der globalen Lieferketten infolge der Pandemie ihren Ursprung gehabt habe. Interessant sei, dass die Kerninflation in den Schwellenländern im Vergleich zu den Industrieländern moderat ausfalle. Dies sei zum Teil darauf zurückzuführen, dass die Schwellenländer derzeit eine schwächere wirtschaftliche Erholung erleben würden, aber auch darauf, dass die Zentralbanken der Schwellenländer die Zinssätze schon früher angehoben hätten.

Die Außenbilanzen vieler Schwellenländer hätten sich verbessert. Die coronabedingten Beschränkungen hätten sich in den Schwellenländern stärker auf die Inlandsnachfrage ausgewirkt als in den Industrieländern, wobei letztere in der Lage gewesen seien, umfangreiche Entlastungspakete zu schnüren, während unterbewertete Wechselkurse auch die Wettbewerbsposition der Schwellenländer verbessert hätten. Dies dürfte sich 2022 für Importeure von Rohstoffen aus Schwellenländern ändern, da sich die Inlandsnachfrage erhole und die Corona-Beschränkungen gelockert würden. Dennoch dürften die Leistungsbilanzdefizite kein großes politisches Problem darstellen, da die wirtschaftsstärkeren Schwellenländer ihre Importdefizite deutlich unter dem Niveau von 2013 (und dem Niveau von vor der Pandemie) halten würden und der erwartete Aufschwung des Tourismus die Lage der Schwellenländer verbessern dürfte. (30.06.2022/alc/a/a)