Paris (www.anleihencheck.de) - Das Ausmaß der Kursschwankungen hat Anleger im letzten Jahr immer wieder aufs Neue überrascht, so die Experten von Edmond de Rothschild Asset Management.
Die Fundamentaldaten würden auf eine Konjunkturabkühlung hindeuten, die Kursausschläge seien jedoch vor allem eine Reaktion auf die Eingriffe der Zentralbanken. Die US-Notenbank Federal Reserve (FED) spiele dabei eine führende Rolle: Noch 2018 habe die Amerikanische Zentralbank ihre Geldpolitik normalisieren wollen, in diesem Jahr sei es zu einem Kurswechsel gekommen. Sollte sich die Konjunktur nicht schnell erholen, wolle die FED durch eine oder mehrere Zinssenkungen die Zügel lockern und so die Finanzierungskonditionen verbessern. Die FED - und in geringerem Umfang auch die Europäische Zentralbank (EZB) - seien nicht nur maßgeblich für die Kurseinbrüche im vierten Quartal 2018 verantwortlich gewesen, sondern hätten mit ihrer Kehrtwende auch entscheidend zu der robusten Erholung seit Jahresanfang beigetragen.
Zweifellos sei die Konjunkturabkühlung, die die Zentralbanken zum Handeln veranlasst habe, zu einem großen Teil durch einen Stimmungseinbruch der Unternehmen ausgelöst worden, nachdem sich Trump schon vor Wahlkampfbeginn für die nächste US-Präsidentschaftswahl im kommenden Jahr für eine protektionistische Wirtschaftspolitik ausgesprochen habe. Die Unternehmen hätten ihre Planungssicherheit verloren, fast überall in der Welt seien die Investitionen deutlich zurückgegangen.
Wie sich an den Kapitalflüssen ablesen lasse, habe sich auch unter Anlegern eine abwartende Haltung durchgesetzt, die in deutlichem Gegensatz zu der Euphorie an den wichtigsten Aktienmärkten stehe. Wegen der wirtschaftlichen und politischen Unsicherheit und der sinkenden Inflation könnten sich die Zentralbanken proaktive Eingriffe erlauben und den Märkten gleichzeitig signalisieren, dass Abwarten nicht zu steigenden Zinsen und damit zu einem Teufelskreis zwischen Konjunkturzyklus und Finanzmärkten führe.
Die Nachhaltigkeit einer von den Zentralbanken orchestrierten Kursrallye lasse sich nur schwer einschätzen. Ein Blick auf das kurze Ende der Zinskurve verrate jedoch, dass die Märkte bereits großzügige Maßnahmen einpreisen würden. Gleichzeitig würden sich Anleger in Anbetracht der politischen und wirtschaftlichen Unwägbarkeiten hartnäckig jedem Aktionismus verweigern (sofern es in den kommenden Wochen nicht zu deutlichen Cashflow-Bewegungen in Anlagefonds komme). Sollten sich weniger Anleger an der Rally beteiligen, dürfte auch ihre Wirkung nicht lange anhalten. Die Experten würden in den steigenden Kursen daher keinen Anlass zu einem Strategiewechsel sehen. Ihre Asset Allokation bleibe ausgewogen, wenn auch etwas vorsichtiger als noch vor einigen Monaten.
Auch das politische Umfeld spreche für mehr Vorsicht. Das Risiko eines harten Brexit sei in den letzten Wochen gestiegen, auch wenn das Britische Pfund kaum Boden verloren habe.
In Italien würden derweil Neuwahlen wahrscheinlicher, die eine Koalition der rechtsextremen Parteien Lega und Fratelli dItalia an die Macht bringen könnten. Das sei insofern von Bedeutung, da Matteo Salvini und die anderen Abgeordneten der Lega Nord für die Einführung von Staatsanleihen in kleinen Stückelungen, sogenannte "Mini-Bots", trommeln würden. Das italienische Finanzministerium könnte dann Staatsanleihen ausgeben, mit denen Bürger und Unternehmen auch ihre Steuern bezahlen könnten. In vielerlei Hinsicht käme dieser Schritt der Einführung einer Parallelwährung gleich, eine Idee, die sogar im Programm der Allianz von Lega Nord und Forza Italia stehe. Interessanterweise würden die größten populistischen Parteien Europas nicht mehr viel über einen Austritt aus dem Euro reden, wahrscheinlich weil die Idee die Wähler verschrecke. Mit einer Parallelwährung könnten sie dieses Ziel jedoch durch die Hintertür erreichen, ohne das gleiche politische Risiko einzugehen. Würde Italien wirklich so weit gehen? Die Experten würden die weitere Entwicklung genau im Auge behalten.
Staatsanleihen würden in diesem Umfeld kaum Zinsen abwerfen, gleichzeitig seien die Risikoaufschläge gesunken. Die Rentenmärkte seien im Moment wenig attraktiv, die Experten würden jedoch Potenzial bei Anleihen aus Schwellenländern und nachrangigen Finanzanleihen sehen. Ihre Anleiheposition sei daher kleiner als gewöhnlich. Sie würden abwarten, bis sie wieder attraktive Anlagemöglichkeiten sehen würden. Außerdem hätten sie die Grenzen ihres Aktien-Exposures noch lange nicht erreicht. Man befinde sich in der Spätphase des Konjunkturzyklus, die Märkte würden mit Kursausschlägen auf politische Risiken reagieren. Die Experten seien sich bewusst, dass die Zentralbanken proaktiv eingreifen würden und derzeit einen erheblichen Einfluss auf die Märkte hätten.
Aus der aktuellen Kursentwicklung würden sich jedoch keine verlässlichen Prognosen über zukünftige Renditen ableiten lassen, außerdem hätten die Indices in den letzten Wochen bereits erheblich zugelegt. In einem solchen Umfeld sei eine moderate Investitionsquote sinnvoll. Zur Abwechslung seien die Chancen und Risiken derzeit stark und wahrscheinlich übermäßig politischer Natur (Geldpolitik, Protektionismus, Populismus). Auch die Fundamentaldaten würden aktuell keinen Anlass zur Freude geben, auch wenn die Lage noch immer nicht wirklich beunruhigend sei. (04.07.2019/alc/a/a)
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