München (www.anleihencheck.de) - Es scheint ganz so, als könne das Leben bald wieder in einigermaßen geordneten Bahnen verlaufen, so die Experten von AB.
Doch übertriebener Optimismus sei verfrüht, warne Darren Williams, Chefökonom beim Asset Manager AllianceBernstein (AB): "Die Hoffnungen auf ein umfassendes Konjunkturpaket in den USA sind verflogen, und ein erneuter Anstieg der COVID-19-Fallzahlen im Winter dürfte das Produktionswachstum in Europa und den USA bremsen", so der Experte. Und auch langfristige Trends würden dem Chefvolkswirt Sorgen machen.
Zuversicht sei durchaus angebracht. China und die übrigen asiatischen Länder hätten gezeigt, wie schnell sich Volkswirtschaften erholen könnten, wenn das Virus erst einmal eingedämmt sei - vorausgesetzt, die Geld- und Fiskalpolitik würden hinreichende Unterstützung bieten. Und das kräftige Wiederanziehen der Konjunktur, das im dritten Quartal in den USA und im Euroraum zu beobachten gewesen sei, lasse vermuten, dass die Entwicklung in diesen beiden Regionen ganz ähnlich verlaufen könnte, sobald die COVID-19-Pandemie endlich unter Kontrolle sei.
Die Pandemie habe zwei wichtige Folgen: Zum einen sei die Staatsverschuldung insbesondere in den Industrieländern förmlich explodiert. Um diese Kosten für die Staaten niedrig zu halten und das Wirtschaftswachstum zu stützen, würden Fiskal- und Geldpolitik Hand in Hand gehen, wobei die Fiskalpolitik heute das wichtigste wirtschaftspolitische Instrument darstelle. Von hier aus sei es nur ein kleiner Schritt bis zu einer Dominanz der Fiskalpolitik, offenkundigeren Formen der Monetarisierung (wie der modernen Geldtheorie) und letztlich zu einer höheren Inflation.
Diese dürfte jedoch ausbleiben, zumindest kurzfristig: Wir befinden uns in einem neuen geld- und fiskalpolitischen System, in dem viele der alten Regeln wahrscheinlich nicht mehr gelten, so die Experten von AB. Wenn das Wirtschaftswachstum wieder anziehe, könnte es daher sein, dass die Inflation dennoch nicht mitziehe, wie dies bereits vor der Corona-Krise am gestörten Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und Inflation zu beobachten gewesen sei.
Auch die Anleiherenditen seien 2020 niedrig gewesen. Die Europäische Zentralbank (EZB) habe verlauten lassen, sie müsse die Zinsen auf einem niedrigen Niveau halten, um zu verhindern, dass die expansive Fiskalpolitik privatwirtschaftliche Investitionen verdränge. Stattdessen würden die Zentralbanken ihre Maßnahmen weiterhin in einem konventionellen geldpolitischen Rahmen verankern, indem sie diese durch die niedrige Inflation rechtfertigen würden.
Beide Wege würden jedoch im Wesentlichen zum gleichen Ergebnis führen. Der Gleichgewichtszins sei deutlich niedriger als früher. Und solange es keine überzeugenden Anhaltspunkte dafür gebe, dass die Inflation langfristig gestiegen sei, werde die Geldpolitik nicht in gleicher Weise wie früher auf ein höheres Wachstum und sinkende Arbeitslosenzahlen reagieren. Es gebe also praktisch kein Szenario, in dem die wichtigsten Zentralbanken weltweit nächstes Jahr ihre Leitzinsen erhöhen würden. (09.12.2020/alc/a/a)
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