Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Talfahrt am Anleihemarkt setzt sich fort, im Gegenzug steigen die Renditen auf den höchsten Stand seit über zehn Jahren, so die Deutsche Börse AG.
"Nach einer Phase der Beruhigung und verstärkter Zuversicht ist an den Märkten wieder Ernüchterung eingekehrt", erkläre Analyst Ralf Umlauf von der Helaba. Inflations-, Zins- und Konjunktursorgen hätten wieder das Handelsgeschehen dominiert. "Die schwierigen Märkte gehen weiter", bemerke Rentenhändler Tim Oechsner von der Steubing AG.
Zehnjährige Bundesanleihen würden aktuell 2,46 Prozent abwerfen, in der Spitze seien es 2,49 Prozent gewesen - so viel wie zuletzt 2011. Die Rendite zweijähriger Bundesanleihen habe mit über 2 Prozent sogar den höchsten Stand seit 2008 erreicht. Unterdessen habe sich die Rendite zehnjähriger US-Treasuries bei über 4 Prozent festgesetzt, aktuell seien es 4,26 Prozent.
"Wir sehen wieder Kunden, die Staatsanleihen kaufen, auch Bundesanleihen", berichte Arthur Brunner von der ICF Bank. Viele Käufe melde er auch für eine ungarische Staatsanleihe in US-Dollar (ISIN US445545AF36 / WKN A1GPDL). Die laufe bis 2041 und biete einen Kupon von 7,625 Prozent, beim aktuellen Kurs ergebe sich eine Rendite von 8,16 Prozent. Wie Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank feststelle, würden sich Anlegerinnen und Anleger hingegen von spanischen Staatsanleihen trennen, etwa der bis 2029 laufenden mit Kupon von 0,6 Prozent (ISIN ES0000012F43 / WKN A2R3SN) und der bis 2026 laufenden mit 1,3 Prozent (ISIN ES00000128H5 / WKN A1VQCB).
Am kommenden Donnerstag stehe die nächste EZB-Sitzung an. Am Markt werde überwiegend davon ausgegangen, dass die Notenbanker die Leitzinsen um 75 Basispunkte anheben würden - "Jumbo"-Schritt werde das genannt. "Ein solcher Zinsschritt ist allerdings in den Geldmarkt-Forwards eingepreist und dürfte niemanden überraschen", bemerke Anleiheanalyst Hauke Siemßen von der Commerzbank. "Entscheidender könnten Ankündigungen zur Veränderung der TLTRO-Konditionen werden, zu denen sich Banken große Mengen an Geld von der EZB geliehen haben."
Auch Unternehmensanleihen kämen den Händlern zufolge wieder besser an - vor allem kurzlaufende. "Kurzlaufende Investment Grade-Anleihen bieten wieder gute Renditen", stelle Brunner fest. Viele Käufe registriere er für Anleihen von GRENKE mit 1,5 Prozent bis 2023 (ISIN XS1910851242 / WKN A2RT0W), die Rendite liege aktuell bei knapp 3 Prozent. Großer Beliebtheit hätten sich auch Papiere von Fresenius Medical Care mit 3,875 Prozent bis 2027 (ISIN XS2530444624 / WKN A30VPB) und BMW mit 0,75 Prozent bis 2024 (ISIN XS1548436473 / WKN A19BGR) erfreut. "Leittragende sind Mittelstandsanleihen, da sehen wir im Moment kaum Käufe."
Daniel sehe eine gute Nachfrage nach VW-Anleihen, konkret der bis 2026 laufenden mit Kupon von 2,25 Prozent (ISIN XS1893631769 / WKN A2LQ6C) und der bis 2025 laufenden mit 0 Prozent (ISIN XS2374595127 / WKN A2LQ6Q). GRENKE-Papiere (ISIN XS1799162588 / WKN A19YH2) würden hingegen abgestoßen.
Weiter hohe Umsätze auf der Geld- und Briefseite melde Oechsner für die bis 2026 laufende Anleihe der Metalcorp Group mit 8,5 Prozent (ISIN DE000A3KRAP3 / WKN A3KRAP). Der Kurs sei vor drei Wochen von 86 Prozent auf rund 30 Prozent gefallen, nachdem das Rohstoffunternehmen eine fällige Anleihe (ISIN DE000A19MDV0 / WKN A19MDV) nicht habe zurückzahlen können. Aktuell liege der Kurs bei 28 Prozent.
Ab morgen und bis zum kommenden Dienstag könnten Anleihehalter über eine Verlängerung der nicht zurückgezahlten Anleihe abstimmen. "Metalcorp strebt eine Verlängerung der Laufzeit um ein Jahr bis zum 2. Oktober 2023 an, der Zinskupon soll von 7 Prozent auf 8,50 Prozent steigen", erläutere Oechsner. "Für einen Beschluss des Vorhabens ist ein Quorum von 50 Prozent der ausstehenden Schuldverschreibungen erforderlich." Ebenfalls betroffen seien laut Oechser Anleihen der Muttergesellschaft Monaco Resources Group MRG (ISIN XS1897122278 / WKN A2RTQH) sowie einer weiteren MRG-Tochter, dem Hafeninfrastrukturbetreiber R-Logitech (ISIN DE000A19WVN8 / WKN A19WVN, ISIN DE000A3K73Z7 / WKN A3K73Z).
Neuemissionen würden rar bleiben. "Neuemissionen erfolgen nur im Bereich von drei bis vier Jahren. Es gibt kaum Nachfrage der Investoren", stelle Oechsner fest. (Ausgabe vom 21.10.2022) (24.10.2022/alc/a/a)
© 1998 - 2026, anleihencheck.de