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30.12.22 14:43
10-jährige deutsche Staatsanleihen 2023: Mindestens ein Test der Renditehochs aus dem Jahr 2022 erwartet

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Seit mehr als sechs Monaten sind sich Volkswirte im Prinzip einig, dass Europa eine Rezession nicht werde vermeiden können, so Felix Herrmann, Chefvolkswirt und Portfoliomanager bei Aramea Asset Management.

Und klar: Hohe Energiepreise und steigende Zinsen würden eine solche Prognose durchaus plausibel erscheinen lassen. Allein erreicht hat uns der Abschwung in Europa und selbst in Deutschland, das als neuer schwacher Mann Europas ausgemacht wurde, bislang noch nicht, so Felix Herrmann von Aramea Asset Management weiter. Entpuppe sich der Rezessionsteufel, den Experten bereits seit langem an die Wand malen würden, am Ende als weit weniger hässlich als noch vor kurzem gedacht? Nicht ausgeschlossen, dennoch werde man klare konjunkturelle Bremsspuren sehen.

Das Jahr 2022 sei geprägt gewesen von hohen und steigenden Inflationsraten sowie einem robustem, wenngleich nachlassendem Wachstum. 2023 dürfte ein nahezu spiegelbildliches Makroumfeld mit sich bringen: Fallende Teuerungsraten bei zunächst negativen und anschließend zulegenden Wachstumszahlen. Wenngleich wir sicher kein konjunkturelles "Goldilocks"-Umfeld bekommen werden: Die Aussicht auf eine sinkende Inflation in der westlichen Welt sowie die Entspannung bei den Lieferkettenproblemen stellen erhebliche Verbesserungen der Lage gegenüber 2022 dar, so Felix Herrmann von Aramea Asset Management. Darüber hinaus sollte die Makrounsicherheit im Verlauf des Jahres 2023 deutlich abnehmen.

Schlechtere Finanzierungsbedingungen und weiterhin hohe Preise für Energie und Nahrungsmittel würden im ersten Halbjahr dennoch zu einer konjunkturellen Verlangsamung führen. Insgesamt würden die Experten von Aramea Asset Management für das kommende Jahr mit einem globalen Wachstum von lediglich rund zwei Prozent rechnen.

Anders als beim Wachstum bleibe das Risiko bei der Inflation zumindest in Europa nach oben gerichtet. Dennoch habe sich die Diskussion von der Frage, ob die Inflation ihren Höhepunkt erreicht habe, auf die Frage verlagert, wo sie sich einpendeln werde. Basiseffekte bei der Preisentwicklung für Nahrung und Energie würden die Gesamtinflation 2023 zwar zweifelsohne drücken. In Deutschland würden die Preisbremsen bei Gas und Strom die Teuerungsrate sogar um zusätzliche ein bis zwei Prozentpunkte senken. Ein Wiederhochfahren der chinesischen Wirtschaft könnte jedoch mit steigenden Ölpreisen einhergehen und hätte damit das Potenzial, den Rückgang der Inflation zu verlangsamen - oder gar noch einmal umzukehren.

Die Leitzinshochs scheinen in den USA und der Eurozone in Reichweite zu sein, so Felix Herrmann von Aramea Asset Management. Sollten sich aber auch nur die geringsten Verharrungstendenzen auf aus Notenbankensicht inakzeptablen Inflationsniveaus herauskristallisieren, dürften die Währungshüter diesen mit einer ziemlich harschen Null-Toleranz-Strategie begegnen. Dies würde selbst eine Rezession nicht verhindern können. Die Folge wären höhere Endraten. Insbesondere in der Eurozone scheine nach der letzten EZB-Sitzung die Möglichkeit gegeben, dass noch einmal Dynamik in den prognostizierten Zinshöchststand komme (aktuell 3,25 Prozent), da die Währungshüter um EZB-Chefin Christin Lagarde weiterhin sehr besorgt hinsichtlich der Inflation wirken würden.

In den USA dürfte die Konjunkturentwicklung eine stärkere Rolle bei den Entscheidungen der Notenbank spielen. Je robuster sich die Wirtschaft zeige, desto schwerer werde es jenseits des Atlantiks werden, tatsächlich einen Schlussstrich unter den Leitzinsanhebungszyklus zu setzen. Somit sei ähnlich wie bei der zukünftigen Inflationsentwicklung auch bei der Notenbankpolitik von "im Zweifel eher mehr" auszugehen. Chefvolkswirt Herrmann von Aramea Asset Management rechne mit einem Höchststand der Zinsen bei über fünf Prozent. Dieser sollte auch noch Ende 2023 Bestand haben.

Für den Anleihemarkt sei das Jahr 2022 eines der schlechtesten seit dem frühen 18. Jahrhundert gewesen. Mit Blick auf 2023 seien die Aussichten für die Anlageklasse nun so gut wie seit sehr langer Zeit nicht mehr. Das neue Mantra an den Finanzmärkten laute zurecht: "Bonds are back!"

Zwar käme es aus heutiger Sicht überraschend, wenn wir das Renditehoch etwa bei zehnjährigen deutschen Staatsanleihen bereits gesehen haben, dennoch liegt der Großteil des Zinsanstiegs hinter uns - was zur Attraktivität des gesamten Rentenmarkts beiträgt, so Felix Herrmann von Aramea Asset Management.

Gerade für Anleihen von Emittenten mit solidem Investmentgrade-Rating seien die Aussichten sehr gut. Das Abschütteln der größten Inflationssorgen führe zu einem Fokusschwenk auf die Konjunkturentwicklung. Trotz der zuletzt etwas aufgehellten Aussichten bleibe die Wachstumsperspektive alles andere als rosig. Während dies für Aktien und Anleihen von Emittenten mit schwachen Ratings kurzfristig eher Gegenwind bedeuten dürfte, würden Anleger in Investment-Grade-Anleihen mit aktuell beispielsweise 4,5 Prozent Rendite im BBB-Bereich bei zehn Jahren Laufzeit recht fürstlich entlohnt. Nachranganleihen von bonitätsstarken Emittenten würden sogar noch mehr Rendite und somit einen Schutz gegen Zins- beziehungsweise Renditeanstiege bieten. Sobald der von uns erwartete abermalige Renditeanstieg sowie die größten Rezessionssorgen Geschichte sind, hellt sich der Ausblick für den Rentenmärkt auch in der Breite noch weiter auf, so Felix Herrmann von Aramea Asset Management. Größere Renditeanstiege sollten 2023 konsequent für eine Durationsverlängerung der Rentenportfolios genutzt werden.

Im Vergleich zum Rentenmarkt mute der Aktienmarkt vergleichsweise teuer an. Leicht aufgehellte Konjunkturerwartungen und das vermeintlich absehbare Ende des Leitzinsanhebungszyklus in den USA und der Eurozone seien grundsätzlich valide Argumente pro Aktien. Allerdings seien die Gewinnerwartungen immer noch zu hoch.

In einer durchschnittlichen Rezession seien die Unternehmensgewinne in der Vergangenheit im Schnitt um rund 30 Prozent gefallen. Von diesen Zahlen seien die Gewinnerwartungen für 2023 derzeit meilenweit entfernt. Das heiße: Die Aktienmärkte würden aktuell offenbar nicht einmal eine milde Rezession einpreisen - weder in den USA noch in Europa. Dabei werde der Druck auf Umsatz und Margen nach einem zugegebenermaßen überraschend starkem Jahr 2022 wohl unweigerlich zunehmen.

Für den breiten Aktienmarkt würden die Experten von Aramea Asset Management zumindest in den kommenden drei Monaten mit einem schwierigen Umfeld rechnen. Im späten Frühjahr könnten sich die Aussichten jedoch verbessern, wenn sich Chinas Wirtschaft endgültig komplett öffne und die Leitzinsen ihren Gipfel erreicht hätten.

Die nächsten Quartale dürften ein Umfeld mit sich bringen, in dem Anleihen besser abschneiden würden als Aktien. Gerade bei Bonds von Emittenten mit guter bis sehr guter Bonität, die selbst in unruhigem wirtschaftlichem Fahrwasser über jeden Zweifel erhaben seien, sei eine Outperformance zu erwarten.

Die Einschätzungen der Experten von Aramea Asset Management im Einzelnen:

- Aktien Europa

Angesichts zu sportlicher Gewinnerwartungen sähen die Experten von Aramea Asset Management vor dem Hintergrund der nahenden Rezession und hoher Energiekosten wenig Spielraum für einen Aufschwung europäischer Aktien in den kommenden drei Monaten. Der günstige Euro könnte europäischen Aktien perspektivisch zugutekommen. Dieser Vorteil könne jedoch wohl erst dann ausgespielt werden, wenn sich ab Frühjahr das konjunkturelle Bild insgesamt aufhelle.

- Aktien USA

Für US-Aktien spreche die etwas bessere konjunkturelle Perspektive im Vergleich zu Europa. Die niedrige Aktienrisikoprämie mache US-Titel hingegen unattraktiver. Unter dem Strich würden die Experten von Aramea Asset Management zwar auch ab dem Frühjahr 2023 eine stärkere Performance erwarten, dabei aber ein etwas schwächeres Abschneiden als bei eher zyklischen europäischen Aktien.

- 10-jährige deutsche Staatsanleihen

Der jüngste Rückgang der Renditen sei wohl alles gewesen - nur nicht nachhaltig. Angesichts des Vorhabens der EZB, die Zinsen signifikant weiter anzuheben, würden die Experten von Aramea Asset Management mindestens mit einem Test der Renditehochs aus dem Jahr 2022 rechnen. In sechs Monaten sollten die Renditen dann bereits wieder fallen, aber immer noch auf einem höheren Niveau als aktuell liegen.

- 10-jährige US-Staatsanleihen

Höhere Laufzeitenprämien und weiter steigende Leitzinsen sprächen nach der Rally von US-Staatsanleihen für einen abermaligen Anstieg. Die Experten von Aramea Asset Management würden mit einem Klettern in die Region von 4,30 bis 4,50 Prozent rechnen, bevor die Rendite dann in sechs Monaten in den Bereich unter 4,00 Prozent falle. (Ausgabe vom 29.12.2022) (30.12.2022/alc/a/a)


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