Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die US-Notenbank wird in diesem Jahr die Zinsen senken - aber nur, wenn die Daten das zulassen, so die Analysten der Hamburg Commercial Bank AG.
Die FED befinde sich in einer schwierigen Lage, würden einige Kommentatoren sagen. Tatsächlich seien es Luxusprobleme, mit denen die FED zu tun habe. Die Wirtschaft wachse immer noch relativ robust (Q1: 1.6% QoQ, annualisiert), die Arbeitslosenrate sei bei niedrigen 3,8% und die Inflationsrate unter 3% (PCE). Das seien großartige Zahlen, wenn man bedenke, dass vergleichbare Zinserhöhungspfade in der Vergangenheit unweigerlich in eine Rezession geführt hätten. Die FED habe bis hierhin offensichtlich alles richtig gemacht. Die Frage sei, mit welcher Vehemenz die FED versuchen werde, die Inflation in Richtung 2% zu bringen, also die letzte Meile zu gehen, oder ob man dann nicht lieber mittelfristig das Inflationsziel flexibilisiere.
Die wichtigste Aussage bei der Pressekonferenz der FED von Anfang Mai sei gewesen, dass die Notenbank den Fortschritt zur Erreichung des 2%-Ziels als unzureichend ansehe. Entsprechend sei auch die Aussage im Statement stehen geblieben, dass die FED weiterhin mehr Zuversicht gewinnen wolle, dass die Inflation in Richtung 2% tendiere, bevor eine Zinssenkung durchgeführt werde. Eine Zinssenkung im Juni erscheine vor diesem Hintergrund - das sei keine Überraschung - extrem unwahrscheinlich, eine Senkung im Juli sei jedoch keineswegs ausgeschlossen worden. Hier habe Powell von verschiedenen Pfaden gesprochen, die die Wirtschaft nehmen könnte.
Ein Pfad könnte sein, dass die Inflation doch deutlicher sinke (Powell habe wörtlich gesagt, "dass die FED größere Zuversicht gewinnt, dass sich die Inflation in Richtung 2% bewegt"). Der andere, vielleicht noch interessantere Pfad sei, dass sich der Arbeitsmarkt unerwartet abschwäche. Bis zur Sitzung im Juli stünden noch drei Arbeitsmarktberichte an. Diese müssten eher schwach ausfallen, um eine Zinssenkung im Juli auszulösen. Schwach heiße nach Erachten der Analysten, dass der Beschäftigungszuwachs in diesen Monaten jeweils unter 150.000 Personen liegen müsste (zuletzt habe dieser bei etwa dem Doppelten gelegen) und die Arbeitslosenrate auf mindestens 4% stiege (derzeit: 3,8%). Sei das möglich? Sicher, ausschließen könne man das nicht, die Wahrscheinlichkeit sei aber eher gering.
Die Analysten würden durchaus noch Raum für einen schwächeren Beschäftigungsaufbau sehen, aber Tatsache sei, dass auch das gesunkene Verhältnis von Arbeitslosen zu offenen Stellen von 1,4 immer noch deutlich über dem 23-Jahresdurchschnitt von 0,7 liege und sich der Wert stetig und keineswegs abrupt von seinem Allzeithoch von 1,9 Ende 2022 bewegt habe. In diesem Sinne spreche noch etwas gegen eine Juli-Zinssenkung: Powell habe durchblicken lassen, dass er für seine Entscheidungen gerne die Daten für ein ganzes Quartal vorliegen haben wolle, statt sich auf einzelne (volatile) Monatswerte zu verlassen.
Powell habe auch noch einen dritten Pfad beschrieben, der die FED veranlassen könnte, die Zinsen dort zu lassen wo sie seien (also bei 5,25 bis 5.50%). Das wäre der Fall, wenn die Inflation sich auch in den nächsten Monaten als zäher als erwartet herausstellen würde, während der Arbeitsmarkt robust bliebe.
Daran knüpfe sich die Frage an, wie lange die FED grundsätzlich eine Zielverfehlung bei der Inflation zu tolerieren bereit sei. Notenbankchef Jerome Powell habe bei der Pressekonferenz Anfang Mai mehrfach insistiert, dass es der FED gelingen werde, die Inflation auf 2% zu senken. So gesehen hätten er und die FED ein Glaubwürdigkeitsproblem, wenn man beispielsweise in einem Jahr dieses Ziel immer noch nicht erreicht hätte. Aber was würde die FED tatsächlich machen, wenn diese Situation (rund 3% Inflation bei gutem Arbeitsmarkt) sechs bis neun Monate anhalte, würde sie dann sogar zu Zinserhöhungen greifen? Würde es sich lohnen, eine vollbeschäftigte Wirtschaft mit einem Wachstum von rund 2% mit zusätzlichen Zinserhöhungen in die Rezession zu stürzen, nur um die Inflation von 3 auf 2% zu bringen?
Auch Rezessionen könnten die Glaubwürdigkeit einer Notenbank aufs Spiel setzen. Das gelte umso mehr, wenn es nach der Rezession bald schon wieder zu einem Überschreiten des Inflationszieles käme. Dafür würden strukturelle Gründe sprechen, die von der Demografie als wichtigsten Faktor über verschärfte und damit die Produktion verteuernde Klimavorschriften bis zu der Tendenz der Deglobalisierung reichen würden. Letzteres bedeute, dass Lieferketten dann nicht mehr so effizient gestaltet werden könnten, die Produktion verteuere sich. Geopolitische Schocks und Klimaschocks, die zu höheren Energie- und Lebensmittelpreise führen könnten, seien ein weiteres Risiko.
Die Analysten hätten vor dem Hintergrund der Aussagen Powell auf der FED-Sitzung und der sich nur allmählich abkühlenden US-Konjunktur ihre Zinsprognose geändert und würden nunmehr davon ausgehen, dass die FED ihren Leitzins erst im September senken werde (bisher: Juli). Mittel- bis langfristig würden die Analysten davon ausgehen, dass die FED ihr Inflationsziel flexibilisieren werde. (02.05.2024/alc/a/a)
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