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www.anleihencheck.de
20.03.25 15:00
Vor Abstimmung im Bundesrat: Ist Deutschlands Schuldenkurs Stabilitätsanker oder Risiko für den Euroraum?

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Entwicklung am EURO-Rentenmarkt seit der Ankündigung des Infrastruktur-Sondervermögens und der de facto Abschaffung der Schuldenbremse am Dienstagabend hat den EUR-Rentenmarkt nachhaltig beeinflusst, so Johann Peter Roßgoderer, Head of Fixed Income & Senior Portfoliomanager der LAIQON-Tochter MFI Asset Management GmbH.

Die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen seien in nicht einmal zwei Handelstagen von 2,45 Prozent auf 2,95 Prozent gestiegen. Die Marktreaktion auf die Pläne der neuen Regierung habe sich dabei nicht nur auf deutsche Anleihen beschränkt, sondern habe den gesamten Euroraum betroffen. Auch alle anderen Länder hätten sich mit dieser deutlichen Verschlechterung ihrer Refinanzierungskonditionen konfrontiert gesehen, obwohl sie von den deutschen Plänen scheinbar nicht direkt betroffen seien.

Es sei also nicht nur ein deutsches Thema, sondern eine Entwicklung, die den gesamten Euroraum betreffe. Die Verschlechterung der deutschen Finanzstabilität, die man ja bisher im Vergleich der großen und auch vieler kleiner Euroländer als Muster an Disziplin und Kennzahlen zur Verschuldung gesehen habe, betreffe nach Marktsicht auch die übrigen Länder, weil das größte Land und dessen Solidität auch die übrigen Länder gestützt habe. Aber jetzt werde das in Frage gestellt. Bisher sehe man da auch keine große Spread-Verkleinerung zwischen dem deutschen Markt und dem Rest. Neben dem angenommenen Schwund an fiskalischer Disziplin in Deutschland würden bei den Überlegungen auch makroökonomische Zusammenhänge eine Rolle spielen.

Die Angst vor einer Rückkehr von Inflation und damit einem vorzeitigen Ende des Zinssenkungsprozesses durch die EZB stehe dabei im Fokus. Es werde argumentiert, dass zusätzliche Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung zu höheren Inflationsraten und einer restriktiveren Notenbankpolitik führen könnten. Das erkläre auch, warum der ganze Euroraum von dem Politikwechsel in Deutschland betroffen sei und nicht nur der Rentenmarkt. Die Leute würden sich noch gut an die Inflation 2021/2022 erinnern, die auch durch die damals extrem expansive Fiskalpolitik mitverursacht worden sei. Und jetzt sähen sie das als realistische Gefahr.

Die Argumente für einen Renditeanstieg blieben bestehen, selbst wenn Deutschland seine Schulden um 500 Milliarden Euro ausweite. Das wäre eine sofortige Inanspruchnahme des vollen Betrags. Die Verschuldungsquote würde dann nur um ungefähr 12 Prozentpunkte von aktuell 60 Prozent auf 72 Prozent steigen. Aber die 500 Milliarden sollten ja auch über zehn Jahre verteilt bezahlt werden. Dann sei der Effekt wohl niedriger. Vor allem vor der Annahme, dass das BIP bei Investitionen in die Infrastruktur steigen dürfte.

"Wenn wir noch mehr Geld für die Verteidigung ausgeben, beispielsweise die 70 Milliarden Euro jedes Jahr, dann wird sich die Lage noch weiter verschlechtern", so Roßgoderer. Dann würde Deutschland mehr als drei Prozent des BIP für die Verteidigung ausgeben. Die Verschuldungsquote würde dann in den nächsten zehn Jahren um weitere 15 Prozentpunkte auf 87 Prozent steigen.

"Das wäre immer noch ein Wert, um den uns die meisten anderen Länder beneiden würden, insbesondere die USA, Japan, das Vereinigte Königreich und die meisten Euroländer", so Roßgoderer. Das gelte aber nur, solange sich die Refinanzierungskosten des Staates in etwa auf aktuellem Niveau bewegten und nicht weiter stiegen. Ansonsten werde auch die Zinsbelastung immer höher und belaste den Staatshaushalt entsprechend. Die Länder, die jetzt schon höhere Schulden hätten, würden auch als erste betroffen sein. Dann werde wieder jeder laut nach der Notenbank rufen. Solange die EZB sich nicht in einen Zielkonflikt begebe, also die Refinanzierung über den Aufkauf von Staatsanleihen und Leitzinsen auf einem Notfallniveau nicht durch einen Anstieg der Inflationsrate begleitet werde, könne das wie in der Periode 2012 bis 2021 eine ganze Zeit lang gut funktionieren. Wenn die Inflation aber über ein Niveau steige, das die Menschen und auch die EZB nicht mehr akzeptierten, würden weitere Maßnahmen schwierig.

Die Ausgaben für die Infrastruktur würden wohl bei ungefähr 1,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts pro Jahr liegen. Das sei deutlich weniger als die Corona-Ausgaben in den Jahren 2020 bis 2023. Und auch die zusätzlichen Verteidigungsausgaben lägen bei rund 1,5 Prozent im Verhältnis zum BIP. Das wären also insgesamt 2,7 Prozent zusätzliche Staatsausgaben, wenn sich die Zahlen so bewahrheiteten. Das sei natürlich ein Schub für die Konjunktur und die Beschäftigung in Deutschland und auch in Europa. Im Unterschied zu den direkten Transferleistungen an Unternehmen, Selbstständige und Privathaushalte während der Coronakrise könnten die Infrastruktur- und Verteidigungsausgaben nur dann die Inflation beeinflussen, wenn nicht genug Kapazitäten vorhanden seien, um die Aufträge abzuarbeiten. Dann müssten Auftragnehmer höhere Preise verlangen, weil sie höhere Löhne zahlen müssten, um Personal zu finden, oder weil sie um knappes Material konkurrieren müssten. Viele Bereiche der deutschen Wirtschaft hätten gerade echte Probleme und müssten Personal abbauen. Außerdem gäbe es aktuell keine Angebots-/Nachfrageungleichgewichte wie zu Coronazeiten. Die Gefahr eines durch die Programme ausgelösten signifikanten und dauerhaften Inflationsschubs scheine eher gering.

Die EZB werde sich in ihrer Grundausrichtung in Richtung niedrigerer Leitzinsen wohl nicht beirren lassen. Aber wenn die Leitzinsen wieder bei 2 Prozent lägen, würde deutlich, dass die Renditestrukturkurven nach dem Anstieg der langen Renditen wieder steil seien. Dann könne es richtig teuer werden, nur in kurzen Laufzeiten investiert zu sein. (20.03.2025/alc/a/a)



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