Paris (www.anleihencheck.de) - Frankreich verliert durch die Herabstufung von AA- auf A+ durch die Ratingagentur Fitch seinen Status als halbwegs zentrale Säule, so Michaël Nizard, Head of Multi-Asset & Overlay bei Edmond de Rothschild AM.
Die Ratingagentur Fitch habe diese Entscheidung mit einem anhaltenden Defizit, einer Staatsverschuldung von bereits 114 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die bis 2034 voraussichtlich 132 Prozent erreichen werde, sowie mit chronischer politischer Instabilität begründet. Damit nähere sich Frankreich den Kennzahlen Italiens, das eine Staatsverschuldung von 135 Prozent erwarte, während es sich von Volkswirtschaften wie Spanien und Belgien entferne, deren Entwicklung stabiler erscheine. Diese Herabstufung bedeute keine unmittelbare Krise für Frankreich, bestätige jedoch die Wahrnehmung einer relativen Schwäche.
Die Herabstufung erkläre sich auch durch die anhaltende Verschlechterung der Haushaltslage. Seit 2017 seien die Steuereinnahmen um 1,6 Prozentpunkte des BIP bei den privaten Haushalten und um 0,8 Prozentpunkte bei den Unternehmen gesunken, ohne dass die öffentlichen Ausgaben entsprechend reduziert worden seien. Die Staatsausgaben würden hoch bleiben und 57 Prozent des BIP im Vergleich zu einem Durchschnitt von 50 Prozent im Euroraum entsprechen - ein Niveau vergleichbar mit 2017, nachdem sie während der Pandemie ihren Höchststand erreicht hätten. Das Primärdefizit bleibe unterhalb der Schwelle, die für eine Stabilisierung der Schulden erforderlich wäre. Eine Analyse des Ausgabenüberschusses im Vergleich zum Rest des Euroraums (7 Prozentpunkte des BIP) zeige, dass der größte Teil aus dem Rentensystem (2,2 Prozentpunkte) und dem Gesundheitswesen (1,5 Prozentpunkte) stamme.
Eine Sanktion, die mit der politischen Krise andauere
Das Problem liege darin, dass diese Sanktion offenbar anhalten werde. Nach dem Sturz der Bayrou-Regierung und der Ernennung von Sébastien Lecornu halte die Blockade im Parlament an. Ohne eine stabile Mehrheit erscheine eine Auflösung der Nationalversammlung zunehmend unausweichlich. Die Unfähigkeit, einen glaubwürdigen Konsens über den Haushalt zu erzielen, verstärke die Vorstellung, dass Frankreich so bald nicht auf einen klaren Konsolidierungskurs zurückkehren werde. Diese institutionellen Schwächen würden die Wahrnehmung Frankreichs als Randland innerhalb der Eurozone und nicht als halbwegs zentrale Säule verstärken.
Zinsen würden steigen, aber begrenzt bleiben
Die auffälligste Entwicklung betreffe nicht die Rendite zehnjähriger Anleihen, sondern die Spreadausweitung bei 30-jährigen Anleihen, die eine steilere Kurve widerspiegele - oft ein Signal für Inflationssorgen. Die langfristigen Erwartungen seien jedoch stabil geblieben. Diese Bewegung spiegele vor allem technische Faktoren wider: eine strukturell sinkende Nachfrage von Pensionsfonds und Versicherern, demografische Dynamiken mit geringerem Bedarf an sehr langfristigen Papieren sowie eine Marktsättigung durch Staatsanleihen. Anleger würden zu sogenannten Steepener-Trades tendieren, bei denen sie auf die Spreads zwischen fünfjährigen und 30-jährigen Anleiherenditen setzen würden. Dabei würden sie diese technischen Faktoren berücksichtigen, die sämtliche Staatsanleihen betreffen würden (USA, UK, Deutschland), und gleichzeitig Zweifel an Frankreichs fiskalischem Kurs äußern. In einem Umfeld, in dem sichere Häfen unter Druck stünden, würden sich die Kapitalströme in Richtung Gold und sogar in Richtung Investment-Grade-Credit verlagern, das trotz historisch niedriger Spreads weiterhin gefragt sei.
Tatsächlich finde derzeit eine bedeutende Verschiebung in der Hierarchie des Anleihemarktes statt: Mehrere große französische Konzerne, darunter LVMH, Airbus, L’Oréal und Axa, würden derzeit Kredite zu niedrigeren Zinssätzen als der Staat aufnehmen. Dieser Kontrast verdeutliche sowohl das Vertrauen in diese Unternehmen als auch den Druck auf die Staatsverschuldung, der durch das enorme Volumen der ausgegebenen Staatsanleihen und das damit einhergehende Überangebot entstehe.
Punkte für die Resilienz
Dieses Bild mpsse jedoch relativiert werden. Frankreich verfüge über mehrere Stärken: eine nahezu ausgeglichene Leistungsbilanz, im Gegensatz zu den massiven Defiziten von Griechenland und Spanien vor 2008; eine hohe Sparquote der privaten Haushalte von 19 Prozent, die eine solide inländische Basis bilde; eine niedrigere Inflation als in den Nachbarländern; sowie das Sicherheitsnetz der Europäischen Zentralbank (EZB) in Form des Transmission Protection Instruments (TPI), das eine übermäßige Fragmentierung des Euroraums verhindern solle.
Zudem bleibe das Risiko einer Ansteckung auf den Rest des Euroraums sehr begrenzt. Frankreichs Problem sei in erster Linie politischer, nicht finanzieller Natur: Frankreich sei kein bankrotter Staat, der seine Nachbarn mitreißen könnte. Selbst bei einem Sieg des Rassemblement National wären die Auswirkungen begrenzt, da eine absolute Mehrheit unwahrscheinlich sei und europäische Schutzmechanismen greifen würden. Das italienische Beispiel zeige, dass Spreads trotz einer als radikal wahrgenommenen Regierung geordnet bleiben könnten. Schließlich dürfte schon die bloße Erwähnung des ESM durch die EZB genügen, um übermäßige Spannungen bei den Spreads zu dämpfen.
Ein Übergang zu einer dauerhaften Risikoprämie
Die Ratingagentur Fitch schätze, dass das Defizit bis 2027 bei über 5 Prozent des BIP liegen werde. Eine Konsolidierung könne daher erst nach der Präsidentschaftswahl in Angriff genommen werden. Diese Entwicklung sei von den Märkten bereits weitgehend eingepreist. Damit verliere Frankreich seinen Status als halbwegs zentrale Säule und werde nun als peripherer Staat im Euroraum betrachtet. Allerdings betrete es keine Krisenzone. Die höhere Risikoprämie stelle die neue Normalität dar, die von Anlegern absorbiert werde - in einem Umfeld, in dem Kreditmärkte und alternative Anlagen weiterhin massive Kapitalzuflüsse verzeichnen würden. Künftig dürfte vielmehr das Risiko einer erneuten Parlamentsauflösung auf der französischen Verschuldung lasten. (17.09.2025/alc/a/a)
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