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11.12.25 10:52
Schweden: Fiskalpolitik - der Joker vor der Wahl

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - In der schwedischen Volkswirtschaft setzt sich 2026 der Aufschwung fort, sodass mit einem deutlichen Plus beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) gerechnet werden kann, so Marion Dezenter, Senior Country Analyst von der Helaba.

Das BIP werde voraussichtlich um 2,5% zulegen, beinahe doppelt so stark wie im Durchschnitt der Eurozone (1,4%). Einen wichtigen Part hätten dabei der private Verbrauch und die Investitionen. Der Joker sei die Fiskalpolitik, die beiden Impulse gebe.

Staatliche Investitionsausgaben würden vor allem in die verteidigungsrelevante Infrastruktur, in Digitalisierung und Nachhaltigkeit sowie in neue Kernenergieprojekte fließen, denn Schweden habe sich gesetzlich verpflichtet, die Klimagasemissionen bis 2045 auf null zu bringen. Die privaten Haushalte dürften sich über die Einkommensteuersenkung ab 1. Januar sowie den von April 2026 bis Ende 2027 auf 6% halbierten Mehrwertsteuersatz auf Nahrungsmittel freuen. Zusätzlich würden Unternehmenssteuern gesenkt. Die gesamten Maßnahmen (inklusive der Hilfe für die Ukraine) beziffere die Regierung auf fast 80 Mrd. Kronen (umgerechnet gut 7 Mrd. Euro bzw. gut 1% des BIP).

Die Konsumenten würden damit rechnen, dass sich sowohl ihre finanzielle Situation als auch die gesamtwirtschaftliche Lage verbessere. Dies zeige das Verbrauchervertrauen, das sich in den letzten Monaten kräftig aufgehellt habe. Insbesondere die Preis- und die Arbeitsmarktentwicklung würden positiver eingeschätzt.

Auch die Industrie werde optimistischer, wenngleich die internationale (Handels-)Politik noch manche Unwägbarkeit mit sich bringe. Zwar gebe es noch kein formales Handelsabkommen der USA mit der EU und die Zölle auf viele Güter seien gegenüber 2024 gestiegen. Der Exportanteil in die USA liege immerhin bei gut 8%. Die schlimmsten Befürchtungen in Bezug auf die Höhe der Zölle hätten sich jedoch nicht bewahrheitet und der Löwenanteil der Exporte (73%) gehe in europäische Länder, wo sich die Konjunkturaussichten z.T. deutlich verbesserten.

Inflation moderat, Krone seitwärts

Die Inflation werde im neuen Jahr trotz des Aufschwungs nur wenig zulegen. Dazu würden günstigere Kreditzinsen sowie die niedrigere Mehrwertsteuer auf Lebensmittel ab April beitragen. Die Schwedische Krone dürfte gegenüber dem Euro in den nächsten Monaten weiter um den Wert von 11 Kronen je Euro tendieren. Damit seien auch von der Währungsseite keine größeren Inflationsimpulse zu erwarten. Im Jahresdurchschnitt werde der Preisauftrieb (CPI) daher mit voraussichtlich 1% moderat bleiben. Der für die Riksbank maßgebliche CPIF (ohne bremsenden Zinseffekt) werde durch die Mehrwertsteuersenkung zurückgehen.

Die Notenbank habe den Leitzins seit Mai 2024 um 225 Basispunkte auf 1,75% gesenkt und bereits mehrfach Konstanz auf diesem Niveau signalisiert. Die günstigeren Rahmenbedingungen für Finanzierungen würden sowohl Investoren als auch private Haushalte erfreuen. Über 80% der Kredite an Haushalte seien Hypothekendarlehen, rund drei Viertel davon variabel verzinst. Zusätzlich zu den avisierten Steuersenkungen würden die niedrigeren Zinsen die privaten Haushalte entlasten, sodass die gute Laune der Verbraucher nachvollziehbar sei.

Knappheit am Wohnungsmarkt stütze Hauspreise

In der Korrekturphase nach dem Peak 2022 würden hohe Inflationsraten und rasch steigende Zinsen auf die verfügbaren Einkommen und die Hauspreise drücken. Diese Einflussfaktoren hätten sich mittlerweile normalisiert. Die Hauspreise seien zuletzt wieder leicht gestiegen. Gleichzeitig würden zu den Baugenehmigungen und den Fertigstellungen weiter schwache Zahlen gemeldet. Beide seien auf den niedrigsten Stand seit Jahren gesunken, was angesichts zuvor gestiegener Baukosten und Zinsen nicht verwundere.

Die fortgesetzte Knappheit auf der Angebotsseite sowie höhere verfügbare Einkommen, gesunkene Zinsen und Erleichterungen bei den Hypothekenvorgaben auf der Nachfrageseite würden einen Mix bilden, der 2026 eine moderate Erholung der Hauspreise bewirken dürfte. Nach einem Plus von 1% bis 1,5% im zurückliegenden Jahr solle dann wieder eine Steigerung von mehr als 2% möglich sein.

Fiskalische Spielräume geschickt nutzen

Die seit Jahren umsichtige Haushaltsführung und das lange Zeit gesetzlich verankerte Ziel, einen Budgetüberschuss zu erwirtschaften, hätten die schwedischen Finanzen in eine komfortable Ausgangslage für die geplante expansive Fiskalpolitik gebracht. Sie erlaube es, Spielräume zu nutzen, die andere Länder längst nicht mehr hätten. Die Verschuldung werde absehbar unter 40% des BIP liegen, während der Durchschnitt der Eurozone bereits rund 90% erreiche. Das schwedische Defizit werde 2026 aller Voraussicht nach die 3%-Grenze der EU-Stabilitätskriterien trotz der avisierten Mehrausgaben einhalten.

Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen sei entsprechend niedrig. Zuletzt würden u.a. die Erwartung nicht weiter fallender Leitzinsen und die Aussicht auf deutlich höhere Staatsschulden für einen Renditeanstieg sorgen. Das solide wirtschaftliche Umfeld mit verbesserten Wachstumsaussichten, die NATO-Mitgliedschaft und die Zukunftsorientierung bei den Themen Energie und Digitalisierung sprächen aber dafür, dass die Investoren am Kapitalmarkt relativ entspannt bleiben würden.

Parlamentswahl im September

Die Mitte-Rechts-Minderheitsregierung von Ministerpräsident Kristersson aus Moderaten, Christdemokraten und Liberalen regiere unter Mitwirkung der rechten Schwedendemokraten, die mit 73 Sitzen im Parlament für eine knappe Mehrheit sorgen würden. Gegenüber der Wahl im Herbst 2022 hätten die Sozialdemokraten leicht zugelegt und seien laut Umfragen für die Parlamentswahl im September 2026 mit derzeit 34% am besten positioniert. An zweiter Stelle stünden die Schwedendemokraten mit 21%, gefolgt von den regierenden Moderaten (18%). Deren Koalitionspartner lägen aktuell beide unterhalb der 5%-Schwelle. Sollte sich dies bei der Wahl bestätigen, würden die Karten neu gemischt. Der Joker in Form des expansiven Budgets, den die Regierung nun ins Spiel bringe, müsse seine Wirkung allerdings noch unter Beweis stellen. (Ausgabe vom 10.12.2025) (11.12.2025/alc/a/a)



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