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10-jährige Bundesanleihe wieder positiv


21.01.22 09:15
NN Investment Partners

Den Haag (www.anleihencheck.de) - Mittwoch, der 19. Januar 2022, war ein bemerkenswerter Tag für 10-jährige Bundesanleihen: Die Rendite dieser deutschen Staatsanleihe war zum ersten Mal seit Mai 2019 positiv, so die Experten von NN Investment Partners.

Das aktuelle Marktumfeld unterscheide sich jedoch deutlich von dem damaligen. Zwei Unterschiede, die hervorzuheben seien: Das Niveau der Realrenditen und die Form der Zinskurve. Diese Unterschiede würden zeigen, was die EZB bisher erreicht habe und vor welchen Herausforderungen sie in nächster Zeit stehe.

Um die Bewegungen der 10-jährigen Bund-Renditen zu verstehen, sollte man einen Blick außerhalb der Eurozone werfen. Wie man in einer Abbildung der Experten erkenne, gebe es eine starke Korrelation zwischen US-amerikanischen und deutschen Anleiherenditen. Und tatsächlich scheinen sowohl der jüngste Anstieg der 10-jährigen Bund-Rendite in den positiven Bereich als auch der Rückgang im Jahr 2019 in den negativen Bereich stark von den Entwicklungen in den USA beeinflusst zu sein, so die Experten von NN Investment Partners. Im Jahr 2019 habe der Handelskrieg zwischen den USA und China zu einer Verschlechterung der Wirtschaftsprognosen und einer Reihe von Zinssenkungen durch die US-Notenbank geführt - noch bevor diese die Zinsen im Zuge der Corona-Panik im März 2020 auf null gesenkt habe. In den letzten Monaten habe die geldpolitische Strategie der FED die Renditen nach oben getrieben.

Es sei nicht schwer zu erraten, was die FED dazu veranlasst habe umzudenken: Die Inflation. Seit mehr als einem Jahr seien die unerwartet hohen Inflationszahlen und die Unsicherheit über die Inflationsaussichten die Hauptthemen an den Finanzmärkten. Dies zeige sich auch im Anstieg der Breakeven-Inflation (BEI), der Differenz zwischen der Rendite einer Standard-Nominalanleihe und der Rendite einer inflationsgebundenen Anleihe, die als Marktproxy für die Inflationserwartungen gelte. Eine Abbildung der Experten zeige, dass die 10-jährige Euro-BEI seit März 2020 zugenommen habe. Die erste Phase dieses Anstiegs könnte als Korrektur des sehr starken Rückgangs von Anfang 2020 gewertet werden. 2021 sei die BEI jedoch weiter angestiegen. Derzeit liege die 10-jährige Euro-BEI rund 75 Basispunkte über ihrem Stand vom Mai 2019.

Die Tatsache, dass die BEI 75 Basispunkte über dem Niveau von Mai 2019 liege, während die nominale Anleiherendite auf demselben Niveau liege, bedeute, dass die Realrendite um 75 Basispunkte auf derzeit etwa -2% gesunken sei. Vermutlich sei die beste Erklärung für den Rückgang der Realsätze und ihr niedriges Niveau, dass es den Zentralbanken gelungen sei, den Anstieg der nominalen Renditen durch extrem niedrige Leitzinsen und die quantitative Lockerung zu begrenzen. Ein extremes Beispiel hierfür sei die Bank of Japan. Mit ihrer Politik zur Steuerung der Renditekurve halte sie die 10-Jahres-Zinsen bei 0%, sodass sich jede Erhöhung oder Senkung der Marktpreise für die Inflation entgegengesetzt auf den realen 10-Jahres-Satz auswirke.

Der Erfolg der EZB, die nominalen Anleiherenditen auf niedrigem Niveau zu halten, habe wahrscheinlich auch zur Abflachung der 10-30-Kurve beigetragen, d. h. zum Rückgang der Renditen 30-jähriger Bundesanleihen im Vergleich zu 10-jährigen. Auf der "Suche nach Rendite" hätten sich die Anleger weiterhin auf längere Laufzeiten mit relativ höheren Renditen verlagert. Die gleiche Suche nach Rendite habe wahrscheinlich auch zu der guten Performance von Unternehmensanleihen und Staatsanleihen der Eurozone mit niedrigeren Ratings im Vergleich zu deutschen Anleihen beigetragen.

Die große Frage sei in Zukunft: Wie lange sei die EZB in der Lage, die nominalen Anleiherenditen niedrig zu halten?

Auch die EZB habe in letzter Zeit eine restriktivere Haltung eingenommen, wenn auch in geringerem Maße als die FED. Die Ankäufe von Vermögenswerten durch die EZB würden in diesem Jahr deutlich geringer ausfallen als 2021. Infolgedessen werde der Nettoabsatz von Staatsanleihen der Eurozone abzüglich der EZB-Käufe in diesem Jahr positiv ausfallen, nachdem er in den Jahren 2020 und 2021 stark negativ gewesen sei. Zinserhöhungen würden für 2022 nicht erwartet, seien aber für das nächste Jahr nicht auszuschließen. Sollte die reale 10-Jahres-Bundesanleihenrendite wieder ins Plus drehen, hätte dies wahrscheinlich schwerwiegende Folgen für viele andere Finanzanlagen. (21.01.2022/alc/a/a)