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Achtung, neue Investmentwelt


13.10.22 10:15
Aramea Asset Management

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Gar kein bis negatives Wachstum bei gleichzeitig viel zu hoher Inflation: Das Stagflationsumfeld hält die Finanzmärkte nach wie vor in Atem und das vierte Quartal 2022 dürfte das Jahresfazit kaum verbessern, befürchtet Felix Herrmann, Chefvolkswirt bei ARAMEA Asset Management.

Der Makroexperte, der zugleich auch Portfoliomanager sei, halte derzeit weiterhin eine eher defensive Portfolioausrichtung für ratsam.

Investoren seien gerade dabei, sich einen Reim aus der aktuellen konjunkturellen Lage und vor allem deren Ernst zu machen. Neben der Klärung dieser eher kurzfristigen Frage würden sie sich zudem weiter in dem Prozess befinden, sich an eine gänzlich neue Investmentwelt anzupassen: Eine Welt, die unter anderem durch weniger Zentralbankunterstützung, mehr (Makro-)Volatilität und womöglich geringere Erträge aus Risikoanlagen charakterisiert sein dürfte. Wichtig werde sein, bei der Analyse der kurzen Frist nicht die großen tektonischen Plattenverschiebungen außer Acht zu lassen, die sich eher im Hintergrund abspielen würden.

Derzeit treibe Anleger nicht mehr um, ob es im Winterhalbjahr eine Rezession in der Eurozone geben werde - sondern nur noch, wie stark sie ausfalle. Prognosen diesbezüglich würden herausfordernd bleiben, da vieles von der Härte des Winters, der daraus resultierenden Entwicklung der Energiepreise sowie der Politikreaktion auf eben jene Energiepreisentwicklung abhänge.

In Europa erleben wir derzeit eine Lebenshaltungskostenkrise, in der hohe Energie- und Nahrungsmittelpreise in erheblichem Maße die Kaufkraft der Menschen mindern, so die Experten von ARAMEA Asset Management. Die Experten würden in der Eurozone im Quartalsvergleich mit Wachstumsraten in Höhe von maximal -0,3 Prozent im vierten Quartal 2022 und dem ersten Quartal 2023 rechnen. Das Risiko sei klar abwärtsgerichtet.

Die Inflation dürfte ihren Höhepunkt derweil noch nicht überschritten haben. Im Gegenteil: Für das vierte Quartal 2022 seien zweistellige Inflationsraten mittlerweile das Basisszenario vieler Analysten. Problematisch sei dabei vor allem der Anstieg der Kerninflationsrate sowie die darunterliegende Verbreiterung des Inflationstrends. Mindestens ebenso wichtig wie die Frage, wo das Hoch der Inflationsrate liegen werde, sei jedoch, wie nachhaltig die hohen Inflationsraten seien. Aus Sicht der Experten sei in der Eurozone erst gegen Jahresende mit dem Inflationshoch zu rechnen. Der Rückgang der Teuerungsrate auf ein aus Zentralbanksicht erträgliches Niveau dürfte sich aufgrund zunehmender Dienstleistungsinflation länger hinziehen.

In den Vereinigten Staaten sei die Situation etwas anders. Hier würden die Experten bereits im vierten Quartal mit einem leichten Rückgang der Inflation und somit auch mit einer Inflationsdivergenz zu Europa rechnen. Diese dürfte eines der wichtigen Investmentthemen im Herbst und Winter werden. Gleichzeitig seien auch die US-Wachstumsaussichten etwas weniger trübe als in Europa, was zuvorderst mit einer weniger drängenden Energiekrise zusammenhänge. Während der Bloomberg-Konsensus die Rezessionswahrscheinlichkeit für Deutschland in den kommenden zwölf Monaten aktuell auf 78 Prozent taxiere, liege sie für die USA bei 50 Prozent. Eine sanfte Landung der US-Wirtschaft scheine möglich.

Sorgen bereite in den Vereinigten Staaten jedoch der Blick auf den Häusermarkt, der in der Vergangenheit schon oft ein Krisenvorbote gewesen sei. Seit Ende des zweiten Quartals lasse die Aktivität am US-Häusermarkt stark nach. Hohe Hypothekenzinsen würden zu einer spürbaren Zurückhaltung auf der Käuferseite führen. Belasten dürfte auch ein Ölpreisanstieg nach den Midterm-Wahlen im November, sodass die USA wirtschaftlich ebenfalls vor einem schweren Winter stehen dürften.

Die Notenbanker seien im aktuellen Umfeld nach wie vor nicht zu beneiden. Angesichts hoher Preissteigerungsraten seien sie gezwungen, die Leitzinsen in einen vor allem in der Eurozone wohl schmerzhaften Konjunkturabschwung hinein weiter zu erhöhen.

In den USA erleben wir gerade den aggressivsten Zinsanhebungszyklus seit mehr als 40 Jahren und in der Eurozone ist die Europäische Zentralbank auf Kurs, die Zinsen so rasch und stark wie noch nie seit der Einführung des Euro anzuheben, so die Experten von ARAMEA Asset Management. Sie würden aktuell mit einem Hoch der Leitzinsen in den USA bei 4,5 Prozent und in der Eurozone bei 2,75 Prozent rechnen.

Für Rentenmarktanleger sei das dritte Quartal eine Herausforderung gewesen. Mit dem jüngsten Sprung auf neue Jahreshochs entlang der gesamten Renditekurven bei deutschen Bundesanleihen und US-Staatsanleihen im September bleibe die wichtigste Frage am Rentenmarkt: Wie weit würden die Renditen noch steigen? Schließlich würden viele Anleger ahnen, dass sehr attraktive Einstiegsniveaus nicht weit entfernt sein könnten.

Die Historie zeige, dass beispielsweise das Renditehoch 10-jähriger US-Staatsanleihen im Schnitt wenige Monate vor dem Erreichen des Leitzinshochs erklommen worden sei. Aktuell würden die Experten einen Höchststand der Renditen 10-jähriger Treasuries gegen Jahresende bei 4,25 bis 4,50 Prozent und bei Bunds mit gleicher Laufzeit etwas später bei 2,50 bis 2,75 Prozent für realistisch halten. Die "Gefahr", dass es höher ausfallen wird, ist dabei aus heutiger Sicht jedoch als größer einzuschätzen als jene, dass wir uns aktuell bereits in unmittelbarer Schlagdistanz zum Renditehoch befinden, so die Experten von ARAMEA Asset Management.

Auf der Aktienseite dürften es zinssensitive Papiere wie Technologieaktien in den kommenden Monaten weiter schwer haben. Auch Nicht-Basiskonsumgüter sollten angesichts der vorherrschenden Lebenshaltungskostenkrise eher gemieden werden. Am ehesten erscheinen uns weiter Energiewerte attraktiv - zumal wir mit wieder steigenden Energiepreisen im Winter rechnen, so die Experten von ARAMEA Asset Management.

Was müsse generell passieren, damit Anleger ihren Blick auf Aktien ändern würden? Der größte "Game-Changer" wäre sicherlich ein nachweislich nachlassender Inflationsdruck in den USA und der Eurozone, der es den Zentralbanken erlauben würde, ihre Zinsen nicht weiter anzuheben. Bis dahin dürfte es vermutlich aber leider noch eine Weile dauern. Solange gelte es, im vierten Quartal eine wohl nicht sonderlich erbauliche Gewinnberichtssaison für das dritte Quartal zu verdauen, in der vor allem negative Gewinnausblicke der Unternehmen auf die Stimmung drücken könnten. Der Trend der Gewinnerwartungen sei in vergangenen Rezessionen im Schnitt um 20 Prozent bis 40 Prozent gesunken. Bislang hätten die Prognosen aber noch nicht auf die drohende Rezession reagiert. Neue Tiefststände in einem sich noch länger hinziehenden Bärenmarkt seien daher leider wahrscheinlich.

Unter dem Strich scheine eine eher defensive Ausrichtung der Portfolien weiter das Gebot der Stunde zu sein. Besserung sei erst dann in Sicht, wenn die Inflation nachweislich und deutlich sinke und die Zentralbanken einen Kursschwenk vollführen würden. Die nachfolgende Erholungshausse könnte sich angesichts der hohen Cashquoten vieler Anleger jedoch schnell und kraftvoll vollziehen. Die Einschätzungen der Experten im Einzelnen zu…

- … Aktien Europa: Bis Jahresende dürfte das Fahrwasser für europäische Aktien unruhig bleiben. Die bevorstehende Rezession sowie der Rückgang der Gewinne würden bis auf weiteres nur wenig Kursfantasien nach oben zulassen. Sobald wir in der Eurozone fallende Inflationsraten sehen und die Zentralbanken ein Ende ihre Zinsanhebungen thematisieren, dürften wir jedoch eine Erholung sehen, so die Experten von ARAMEA Asset Management. Das dürfte aber erst 2023 der Fall sein.

- … Aktien USA: US-Aktien seien zwar zinssensitiver als ihre europäischen Pendants. Dies könnte ihnen jedoch bald zum Vorteil gereichen, wenn das lange Ende der Kurven den Höhepunkt überschritten habe. Da auch die konjunkturelle Lage in den USA weniger dramatisch sei als in Europa, dürften US-Aktien in den kommenden sechs Monaten mehr Aufwärtspotenzial aufweisen. Kurzfristig seien jedoch auch bei US-Aktien weitere Verluste zu befürchten.

- … der Frage, ob man bald das Ende der Vormachtstellung des US-Dollar erlebe: Es gebe Marktbeobachter, die in der aktuellen Dollarstärke das letzte große Hurra des Greenback sehen würden. Eine sich verändernde geopolitische Weltordnung und vor allem das aufstrebende Asien würden regelmäßig als Argumente angeführt, weshalb es dem Dollar in Punkto globaler Vormachtstellung an den Kragen gehen könnte. Bis dato seien derlei Erwartungen jedoch stets versandet - und um es kurz zu machen: Wenngleich es gute Argumente für ein Ende der Dollar-Dominanz gebe, werde so schnell kein Weg am Dollar vorbeiführen und die US-Währung dürfte noch sehr lange die dominierende Währung im Handel und bei Transaktionen bleiben. (13.10.2022/alc/a/a)