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Aktien oder Anleihen - wer spielt hier verrückt?


04.04.19 12:30
Neuberger Berman

New York (www.anleihencheck.de) - Die positiven Entwicklungen im ersten Quartal 2019 an den Aktienmärkten zeichnen, im Vergleich zu den Anleihemärkten, ein ganz anderes Bild der Weltkonjunktur, so die Experten von Neuberger Berman.

Während beispielsweise der STOXX 600 um elf Prozent zugelegt habe, sei die Zinstrukturkurve für Anleihen vor wenigen Tagen seit 2007 erstmals wieder invers gewesen. Bei Experten würden nun die Alarmglocken klingeln, denn eine inverse Zinskurve sei oft ein Zeichen für eine Rezession. Sei man also am Anleihemarkt vorsichtig oder verwirrt und am Aktienmarkt zuversichtlich oder selbstgefällig?

In seinem neusten Kommentar erkläre Joseph V. Amato, Vorsitzender und Chief Investment Officer Equities bei Neuberger Berman, warum am Anleihemarkt ein Durcheinander herrsche und sich Anleger deswegen lieber am Aktienmarkt orientieren sollten, denn dieser spiegele die Konjunktur besser wider.

Aktien oder Anleihen: Wer spiele hier verrückt?

Letzte Woche sei das erste Quartal 2019 zu Ende gegangen - mit einem Marktereignis, das typisch für die Verwirrung der letzten drei Monate gewesen sei.

Berichten zufolge sei schon einige Zeit darüber spekuliert worden. Vergangene Woche habe Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), dann durchblicken lassen, dass die EZB möglicherweise einen mehrstufigen Einlagenzins einführen werde. Eine Maßnahme, die von anderen Zentralbanken angewandt werde, um die Folgen der negativen Einlagezinsen für Banken und somit ihre Auswirkungen auf den Bankensektor abzumildern. Der EURO STOXX-Bankenindex habe daraufhin fast zwei Prozent zugelegt.

Was gut für die Banken sei, sei auch gut für Kreditvergabe und Kapitalfluss. Und was gut für den Kapitalfluss sei, sei meist gut für Unternehmen und die Wirtschaft.

Aber das sollten man mal den Anleihemärkten sagen. Das kurze Ende der Euribor-Zinstrukturkurve habe für Anleihen mit Laufzeiten bis zu zwei Jahren zuletzt extrem verflacht. Und die deutsche Zehnjahresrendite sei erneut eingebrochen, auf minus 0,08 Prozent. Damit liege sie deutlich unter null und habe vorübergehend sogar unter der japanischen Zehnjahresrendite gelegen, die ihrerseits so niedrig sei wie seit Herbst 2016 nicht mehr.

Freier Fall

In der Woche davor habe es eine ähnliche Entwicklung bei der US-Notenbank gegeben. Sie habe bestätigt, dass in diesem Jahr nicht mit einer weiteren Zinserhöhung zu rechnen sei und die Bilanzsummenverringerung früher als erwartet beendet würde. Zugleich habe die FED ihre Wachstums- und Inflationserwartungen gesenkt.

Die Finanzbedingungen würden also noch längere Zeit locker bleiben. Doch die US-Zehnjahresrendite sei auf ein Niveau gefallen, das seit Anfang 2018 nicht mehr zu beobachten gewesen sei. Vor wenigen Tagen sei die Zinsstrukturkurve zwischen drei Monaten und zehn Jahren erstmals seit 2007 invers gewesen - was für Propheten der beliebteste Rezessionsindikator sei. Die Federal Funds Futures, die regelmäßig die Erwartungen im Bezug auf das Leitzinsniveau in den USA abbilden würden, seien jüngst von einer Zinssenkung um einen Viertel Prozentpunkt in diesem Jahr, sowie einen weiteren Viertel Prozentpunkt im Sommer 2020 ausgegangen.

Einmal mehr stelle sich die Frage, welche Befürchtungen die Notenbanken hätten, von denen die Anleihemärkte noch nichts wissen würden.

Und wie hätten die Aktienmärkte auf all dies reagiert?

Wenn Anleihemärkte in den letzten Jahren stark zugelegt hätten, sei es bei Aktien meist zu einem Ausverkauf gekommen. Die einzige bemerkenswerte Ausnahme seien europäische Bankaktien gewesen. Hier lohne sich ein genauerer Blick auf diese Vorgänge.

Wie bereits erwähnt, hätten die Bewegungen am Rentenmarkt zu Extremen geführt, wie wir sie seit 12 Monaten, 24 Monaten, ja sogar 12 Jahren nicht mehr erlebt hätten. Dagegen seien die Aktienmärkte weit von den Tiefständen entfernt, die sie erst im Dezember 2018 erreicht hätten. Der S&P 500 sei im letzten Quartal um fast 14 Prozent gestiegen. Der STOXX 600 habe elf Prozent zugelegt, der MSCI Emerging Markets zehn Prozent und der TOPIX acht Prozent.

Sei der Anleihemarkt also nur vorsichtig oder doch verwirrt? Oder sei der Aktienmarkt zuversichtlich oder selbstgefällig? Wer schätze die voraussichtliche Entwicklung der Wirtschaft in den nächsten 12 bis 24 Monaten richtig ein?

Überreaktion

Die Experten von Neuberger Berman, sowohl auf der Aktien- als auch auf der Rentenseite des Unternehmens, seien sich einig: Am Anleihemarkt herrsche ein Durcheinander; der Aktienmarkt spiegele den Markt- und Konjunkturausblick von Neuberger Berman besser wider.

Neuberger Berman glaube nicht, dass die Geldpolitik expansiv bleibe, weil die Notenbanken mit etwas Schlimmem rechnen würden. Viel mehr gehe Neuberger Berman davon aus, dass sie das tun würden, damit der Wirtschaft eine weiche Landung gelinge. Der Konjunkturzyklus könnte sich dadurch verlängern, wovon sowohl Aktien als auch höher verzinsliche, langlaufende Anleihen profitieren dürften. Anleger sollten sich stets vor Augen halten, dass das Zinsniveau die Wirtschaft antreibe, während die Bewertung der Aktienmärkte die Wirtschaft widerspiegelt.

Zweifellos seien die Anleihekollegen von Neuberger Berman zuletzt mit einigen nicht zu unterschätzenden technischen Faktoren konfrontiert worden. Zwei wichtige Faktoren seien das sogenannte Short Covering, das Ausgleichen von Short-Positionen, sowie Absicherungsaktivitäten gewesen. Dies habe sich darin gezeigt, dass die Swap Spreads deutlich stärker gefallen seien als die Staatsanleiherenditen. Außerdem sei sehr viel ausländisches Kapital in dollardenominierte Titel geflossen, da die Absicherungskosten gegenüber den jüngsten Höchstständen gesunken seien. Dennoch scheine die Kursentwicklung bei Anleihen noch immer verwirrend.

Pessimisten könnten in den aktuellen Konjunkturdaten sicher noch immer Gründe zur Besorgnis finden, insbesondere in den Zahlen aus der europäischen und chinesischen Industrie. Diese müssten besser werden, um das Vertrauen der Aktienmärkte in eine weiche Landung zu rechtfertigen, von der auch von Neuberger Berman ausgehe. Sollte sich diese Einschätzung ändern, dann aufgrund schwächerer Fundamentaldaten, nicht wegen der Signale am Anleihemarkt. Dieser reagiere zu heftig auf die verwirrenden Nachrichten, die die Notenbanken zurzeit aussenden würden. (04.04.2019/alc/a/a)