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Anleger von der Entwicklung an den Rentenmärkten weiter verunsichert
09.08.22 12:07
ALTE LEIPZIGER Trust
Oberursel (www.anleihencheck.de) - Die rekordhohe Inflation wurde in erster Linie ausgelöst durch die Folgen der Corona-Pandemie, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust.
Vor allem die Schließung chinesischer Häfen aufgrund der vom chinesischen Regime verfolgten Null-Covid-Politik hätten die Preie für Rohstoffe und Vorprodukte nach oben schnellen lassen. Verstärkt worden sei der Effekt durch den Ukraine-Krieg, dem steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise gefolgt seien. Der Rentenmarkt habe auf diese Entwicklung schnell und deutlich reagiert.
So sei die Rendite zweijähriger Bundesanleihen vom Tief Anfang März 2022 bei -0,79% auf +1,22% Mitte Juni dieses Jahres gestiegen. Die Renditen 10-jähriger Anleihen seien im gleichen Zeitraum von -0,10% auf in der Spitze 1,93% geklettert, was dramatische Kursverluste Festverzinslicher Papiere nach sich gezogen und Anleger verschreckt habe. Viele Marktteilnehmer seien in dieser Phase davon ausgegangen, dass der Aufbruch in eine neue Zinswelt bervorstünde. Nur wenige im Markt seien anderer Meinung gewesen. Und so sei es seit Mitte Juni anders gekommen, als die Mehrheit der Analysten gedacht habe.
Die Renditen der Bundesanleihen seien nach ihrem dramatischen Anstieg inzwischen wieder auf dem Rückzug und kräftig abgestürzt. Die zehnjährige Bundrendite habe am 4. August bei 0,82% gehandelt. Damit habe die oft als Benchmark verwendete 10-jährige Bundrendite über die Hälfte ihres Aufwärtstrends, der in den vergangenen Wochen und Monaten zu beobachten gewesen sei, wieder abgegeben. Auch am kurzen Ende der Laufzeitenstrukturkurve habe sich der Trend wieder abrupt umgekehrt. Die zweijährigen Bundrenditen würden inzwischen wieder bei 0,27% rangieren und hätten die Nulllinie und nachgelagert auch die Negativzone wieder im Blick.
An der fundamentalen Situation, die die Inflation begünstige, habe sich bisher nichts geändert. Die weitere Entwicklung im Ukraine-Krieg sei ungewiss und die Pandemie sei nicht gebändigt. Allerdings stünden seit einigen Wochen Befürchtungen hinsichtlich einer anstehenden Rezession im Raum. Angesichts anhaltender globaler Lieferengpässe, einer drohenden Energiekrise und einer Verknappung von Rohstoffen sei dies durchaus nachvollziehbar.
Bei vielen Marktteilnehmern habe sich zuletzt die Meinung durchgesetzt, dass die Europäische Zentralbank (EZB) zur Bekämpfung der hohen Preissteigerung die Leizinsen weit weniger stark anheben müsse als man es noch vor wenigen Wochen angenommen habe. Denn die Inflation gelte als Feind der Rezession.
Allerdings: Anders als in früheren Rezessionen habe sich die Zinsstrukturkurve in Euroland zwar verflacht, eine inverse Zinsstruktur sei allerdings noch nicht sichtbar.
Denn diese würde allgemein als typisches Anzeichen einer Rezession interpretiert werden. Hingegen hätten die US-Anleger bereits eine technische Rezession vorweggenommen, da 10-jährige US-Staatsanleihen mit 2,75% derzeit 21 Basispunkte unter der Rendite ihrer 2-jährigen Pendants notieren würden. Offen sei derzeit, ob es tatsächlich zu der befürchteten Rezession komme. Denn die neuesten Daten zur Entwicklung der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal seien einerseits erstaunlich positiv ausgefallen, und der Tourismus verleihe der Wirtschaft im Süden Europas Auftrieb. Andererseits würden die ungebremste Inflation und die ungesicherte Erdgasversorgung die Aussichten verdüstern.
Dennoch sei das saisonbereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) im zweiten Quartal überraschend um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Und die Arbeitslosenrate habe im Juni mit 6,6 Prozent zwar um 1,3 Prozentpunkte niedriger als vor Jahresfrist gelegen, sie sei aber trotz allgemein beklagtem Fachkräftemangel seit März fast unverändert geblieben. Während die Arbeitslosenquote in Deutschland zuletzt auf 2,8% gefallen sei, habe sie in Spanien immer noch bei 12,6% gelegen. Dennoch seien Spanien (+1,1%) und Italien (+1%) im zweiten Quartal vergleichsweise stark gewachsen, was wohl zum Teil auf den Aufschwung im Tourismus zurückzuführen sei. Mit seiner Regierungskrise habe sich nun allerdings Italien bereits wieder selbst geschadet.
Sorgen bereite jedoch Deutschland. Die Wirtschaft im bevölkerungsreichsten EU-Land, das lange Zeit als wirtschaftliche Lokomotive Europas fungiert habe, sei stärker als andere von russischem Erdgas abhängig. Dem Land sei es zwar in den vergangenen Monaten gelungen, den Anteil russischen Erdgases an den Einfuhren von 55% auf immer noch hohe 30% des Bedarfs zu reduzieren. Aber auch so würde ein gänzliches Ausbleiben der russischen Lieferungen Teile der deutschen Wirtschaft auf einen Schrumpfkurs zwingen.
Die über die Preisstabilität wachende Europäische Zentralbank (EZB) stehe damit vor einer heiklen Aufgabe. Sie müsse sich in einem Balanceakt üben: Ziehe sie die Zinsschraube zu sehr an, könnte besonders Deutschland, wo das Wachstum zuletzt stagniert habe, in eine Rezession abrutschen. Setze sie jedoch weiterhin auf eine Politik des lockeren Geldes, drohe das stabilitätspolitische Ziel einer Inflationsrate von 2% vollends aus den Augen zu geraten. Dabei schwäche das uneindeutige Handeln der europäischen Währungshüter die europäische Währung, besonders gegenüber dem Amerikanischen Dollar. Das aber verteuere zahlreiche Importgüter weiter und verleihe der Inflation zusätzlichen Auftrieb. Europa steuere auf einen wirtschaftlich schwierigen Herbst zu.
Das Rendite-Aufwärtspotenzial erscheint uns unter Beachtung der drohenden rezessiven Tendenzen überschaubar, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust. Der übertriebene Renditeanstieg sollte in den nächsten Wochen tendenziell nochmals abgebaut werden können. (Ausgabe August 2022) (09.08.2022/alc/a/a)
Vor allem die Schließung chinesischer Häfen aufgrund der vom chinesischen Regime verfolgten Null-Covid-Politik hätten die Preie für Rohstoffe und Vorprodukte nach oben schnellen lassen. Verstärkt worden sei der Effekt durch den Ukraine-Krieg, dem steigende Nahrungsmittel- und Energiepreise gefolgt seien. Der Rentenmarkt habe auf diese Entwicklung schnell und deutlich reagiert.
So sei die Rendite zweijähriger Bundesanleihen vom Tief Anfang März 2022 bei -0,79% auf +1,22% Mitte Juni dieses Jahres gestiegen. Die Renditen 10-jähriger Anleihen seien im gleichen Zeitraum von -0,10% auf in der Spitze 1,93% geklettert, was dramatische Kursverluste Festverzinslicher Papiere nach sich gezogen und Anleger verschreckt habe. Viele Marktteilnehmer seien in dieser Phase davon ausgegangen, dass der Aufbruch in eine neue Zinswelt bervorstünde. Nur wenige im Markt seien anderer Meinung gewesen. Und so sei es seit Mitte Juni anders gekommen, als die Mehrheit der Analysten gedacht habe.
Die Renditen der Bundesanleihen seien nach ihrem dramatischen Anstieg inzwischen wieder auf dem Rückzug und kräftig abgestürzt. Die zehnjährige Bundrendite habe am 4. August bei 0,82% gehandelt. Damit habe die oft als Benchmark verwendete 10-jährige Bundrendite über die Hälfte ihres Aufwärtstrends, der in den vergangenen Wochen und Monaten zu beobachten gewesen sei, wieder abgegeben. Auch am kurzen Ende der Laufzeitenstrukturkurve habe sich der Trend wieder abrupt umgekehrt. Die zweijährigen Bundrenditen würden inzwischen wieder bei 0,27% rangieren und hätten die Nulllinie und nachgelagert auch die Negativzone wieder im Blick.
An der fundamentalen Situation, die die Inflation begünstige, habe sich bisher nichts geändert. Die weitere Entwicklung im Ukraine-Krieg sei ungewiss und die Pandemie sei nicht gebändigt. Allerdings stünden seit einigen Wochen Befürchtungen hinsichtlich einer anstehenden Rezession im Raum. Angesichts anhaltender globaler Lieferengpässe, einer drohenden Energiekrise und einer Verknappung von Rohstoffen sei dies durchaus nachvollziehbar.
Allerdings: Anders als in früheren Rezessionen habe sich die Zinsstrukturkurve in Euroland zwar verflacht, eine inverse Zinsstruktur sei allerdings noch nicht sichtbar.
Denn diese würde allgemein als typisches Anzeichen einer Rezession interpretiert werden. Hingegen hätten die US-Anleger bereits eine technische Rezession vorweggenommen, da 10-jährige US-Staatsanleihen mit 2,75% derzeit 21 Basispunkte unter der Rendite ihrer 2-jährigen Pendants notieren würden. Offen sei derzeit, ob es tatsächlich zu der befürchteten Rezession komme. Denn die neuesten Daten zur Entwicklung der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal seien einerseits erstaunlich positiv ausgefallen, und der Tourismus verleihe der Wirtschaft im Süden Europas Auftrieb. Andererseits würden die ungebremste Inflation und die ungesicherte Erdgasversorgung die Aussichten verdüstern.
Dennoch sei das saisonbereinigte Bruttoinlandprodukt (BIP) im zweiten Quartal überraschend um 0,6 Prozent gegenüber dem Vorquartal gewachsen. Und die Arbeitslosenrate habe im Juni mit 6,6 Prozent zwar um 1,3 Prozentpunkte niedriger als vor Jahresfrist gelegen, sie sei aber trotz allgemein beklagtem Fachkräftemangel seit März fast unverändert geblieben. Während die Arbeitslosenquote in Deutschland zuletzt auf 2,8% gefallen sei, habe sie in Spanien immer noch bei 12,6% gelegen. Dennoch seien Spanien (+1,1%) und Italien (+1%) im zweiten Quartal vergleichsweise stark gewachsen, was wohl zum Teil auf den Aufschwung im Tourismus zurückzuführen sei. Mit seiner Regierungskrise habe sich nun allerdings Italien bereits wieder selbst geschadet.
Sorgen bereite jedoch Deutschland. Die Wirtschaft im bevölkerungsreichsten EU-Land, das lange Zeit als wirtschaftliche Lokomotive Europas fungiert habe, sei stärker als andere von russischem Erdgas abhängig. Dem Land sei es zwar in den vergangenen Monaten gelungen, den Anteil russischen Erdgases an den Einfuhren von 55% auf immer noch hohe 30% des Bedarfs zu reduzieren. Aber auch so würde ein gänzliches Ausbleiben der russischen Lieferungen Teile der deutschen Wirtschaft auf einen Schrumpfkurs zwingen.
Die über die Preisstabilität wachende Europäische Zentralbank (EZB) stehe damit vor einer heiklen Aufgabe. Sie müsse sich in einem Balanceakt üben: Ziehe sie die Zinsschraube zu sehr an, könnte besonders Deutschland, wo das Wachstum zuletzt stagniert habe, in eine Rezession abrutschen. Setze sie jedoch weiterhin auf eine Politik des lockeren Geldes, drohe das stabilitätspolitische Ziel einer Inflationsrate von 2% vollends aus den Augen zu geraten. Dabei schwäche das uneindeutige Handeln der europäischen Währungshüter die europäische Währung, besonders gegenüber dem Amerikanischen Dollar. Das aber verteuere zahlreiche Importgüter weiter und verleihe der Inflation zusätzlichen Auftrieb. Europa steuere auf einen wirtschaftlich schwierigen Herbst zu.
Das Rendite-Aufwärtspotenzial erscheint uns unter Beachtung der drohenden rezessiven Tendenzen überschaubar, so die Experten der ALTE LEIPZIGER Trust. Der übertriebene Renditeanstieg sollte in den nächsten Wochen tendenziell nochmals abgebaut werden können. (Ausgabe August 2022) (09.08.2022/alc/a/a)


