Anleihemarkt: Warten auf den Dezember


12.09.16 08:50
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Dass die Europäische Zentralbank am gestrigen Donnerstag die Geldpolitik im Euroraum nicht weiter gelockert und auch keine konkreten Schritte in Aussicht gestellt hat, hat die Zinsen in der Eurozone steigen lassen, so die Deutsche Börse AG.

Die Notenbanker hätten den Hauptrefinanzierungssatz bei 0 Prozent belassen, den Einlagensatz bei minus 0,4 Prozent und das Volumen des Anleihekaufprogramms bei monatlich 80 Milliarden Euro. "Alles in allem hat die EZB die Erwartungen der Marktteilnehmer nicht erfüllt", würden Viola Julien und Ulrich Wortberg von der Helaba kommentieren. Die Einsetzung des Ausschusses, der Optionen für eine reibungslose Umsetzung des Anleihekaufprogramms prüfen solle, könne aber als Hinweis auf bevorstehende Änderungen des Regelwerks verstanden werden.

"Die EZB hat ihre Wachstumsprognose leicht gesenkt und hätte somit Gelegenheit gehabt, ihr Kaufprogramm zu verlängern, bzw. sie hätte die Zahl der im Rahmen des Programms kaufbaren Anleihen erweitern können", meine Chris-Oliver Schickentanz von der Commerzbank. Am Anfang der Pressekonferenz habe EZB-Präsident Mario Draghi auch ungewöhnlich knapp und stereotyp auf Fragen reagiert. "Möglicherweise hätte er sich eine andere Ratsentscheidung gewünscht." Nach Einschätzung der Commerzbank dürften nun eine Verlängerung des Kaufprogramms sowie weitere Maßnahmen im Dezember nachgeholt werden.

Der Euro-Bund-Future liege am Freitagmittag bei 164,37 Punkten nach 167,25 vor einer Woche. Vor der EZB-Sitzung sei der Indikator für die langfristigen Zinserwartungen sogar kurzzeitig über 168 Prozent gestiegen. Der Rücksetzer habe allerdings auch mit dem Roll-over vom September- auf den Dezember-Kontrakt zu tun. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen verharre weiter im Negativbereich, aktuell seien es minus 0,05 nach minus 0,06 Prozent vor einer Woche.

Die Geldpolitik der EZB stoße weiter auf viel Kritik: "Die Wirkung des EZB-Anleihekaufprogramms lässt bekanntlich zu wünschen übrig", meine Klaus Stopp von der Baader Bank. Von dem Inflationsziel 2 Prozent und einem Anspringen der Konjunktur im Euroraum sei man jedenfalls noch weit entfernt. Zudem seien Investmentbanken dazu übergegangen, zielgenau solche Anleihen maßzuschneidern, die von der EZB angekauft würden.

"Seit die EZB im März ihre Ankaufpläne verkündet hat, begaben die Banken EZB-fähige Firmenanleihen im Volumen von mehr als 110 Milliarden Euro. Das war mehr als das Doppelte gegenüber dem Vorjahreszeitraum und kann somit ohne Übertreibung als Emissionsboom bezeichnet werden", erkläre Stopp. "Nicht von ungefähr hat die Tageszeitung 'Die Welt' bereits von einer Art Schulden-Bonanza geschrieben, die das Anleihekaufprogramm ausgelöst hat und am Ende zu einer Pleitewelle führen könnte."

Bonds von kleinen und mittleren Unternehmen würden nicht gekauft. "Die Schere zwischen den großen Emittenten, denen das Geld nachgeworfen wird, und den kleinen Unternehmen, die auch einen großen Beitrag zur Wirtschaft leisten, geht immer weiter auseinander." Auch Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank zeige sich skeptisch: "Die Diskussion über die Aufweichung der Ankaufsregeln zeigt, dass die Idee vielleicht doch nicht so gut war und sich nicht so einfach umsetzen lässt."

In den USA sei eine baldige Leitzinserhöhung nach den jüngsten Konjunkturdaten wie den schwachen Arbeitsmarktzahlen und dem Rückgang des ISM-Index unwahrscheinlicher geworden. "Die Spekulation über eine Leitzinsanhebung bei der FED-Sitzung am 21. September ist praktisch vom Tisch, auch wenn FED-Mitglied John Williams sich jüngst erneut für eine Straffung der Geldpolitik ausgesprochen hat", erkläre etwa die HSH Nordbank.

Vom Handel mit Unternehmensanleihen gebe es wenig Neues. Daniel melde Käufe in einer Anleihe (ISIN AT0000A0ZHF1 / WKN A1HGFW) des österreichischen Stahlkonzerns Voest Alpine, der diese Woche wegen der Branchenkrise ein neues Sparprogramm angekündigt habe.

Unterdessen würden auch im Corporate-Bereich Neuemissionen mit Nullzinsen zur neuen Normalität. Nachdem vergangene Woche bereits der Essener Spezialchemiekonzern Evonik mit einer Anleihe mit Nullzins auf den Markt gekommen sei, seien in dieser Woche der Düsseldorfer Konsumgüterhersteller Henkel und der französische Pharmakonzern Sanofi gefolgt. Und es habe noch ein Novum gegeben: "Zum allerersten Mal wurden am Primärmarkt Unternehmensanleihen mit negativer Rendite platziert", berichte Sabine Tillman von der Hellwig Wertpapierhandelsbank. Bei Henkel (ISIN XS1488370740 / WKN A2BPAW; ISIN XS1488418960 / WKN A2BPAX) sei das bei der zweijährigen Tranche der Fall gewesen, bei Sanofi (ISIN FR0013201613 / WKN A18532; ISIN FR0013201639 / WKN A18534) bei dem 2020 fälligen Papier. Die Henkel-Anleihen seien im Gegensatz zu denen von Sanofi schon in 1.000-Stückelungen zu haben. (Ausgabe vom 09.09.2016) (12.09.2016/alc/a/a)






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