Anleihen-Handel: Der Trend steigender Renditen hält an


26.09.22 10:15
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die unbeirrten Zinserhöhungen der US-Notenbank FED bis zum Nachlassen der Inflation belasten den Anleihemarkt weiter, so die Deutsche Börse AG.

Nach Zinserhöhungen von insgesamt 300 Basispunkten in diesem Jahr - dem schnellsten Zyklus seit 1980 - und der jüngsten Erhöhung um erwartete 75 Basispunkte werde nun ein Zinskorridor in den USA von 4,25 bis 4,5 Prozent am Markt erwartet.

Im Umfeld immer noch nach oben überraschender Inflationsraten sei nach Einschätzung von Martin Hartmann von der Commerzbank weiterhin Vorsicht geboten. Die US-Notenbank dürfte auch im November die Zinsen um 75 Basispunkte erhöhen. "Die Leitzinsen werden deutlich höher steigen, als dies die meisten Beobachter und die FED selbst ursprünglich erwartet hatten", kommentiere Hartmann. Da die Inflationsbekämpfung oberste Priorität habe, dürften die Leitzinsen so lange erhöht werden, bis es Belege für ein Nachlassen der Inflation gäbe. "Die Staatsanleiherenditen könnten daher weiter ansteigen."

Die Rentenmärkte hätten mit weiteren Kursverlusten reagiert. Die zehnjährige Bundrendite sei nah an 2 Prozent gestiegen. Aktuell notiere sie bei 1,92 Prozent, zweijährige Bundesanleihen würden mit 1,81 Prozent rentieren (23.09.2022).

"Nachdem der Anstieg der Erzeugerpreise in Deutschland Schockwellen auch an die Anleihemärkte gesendet hatte und Norwegen und die Schweiz mit einer Zinserhöhung von 100 bzw. 75 Basispunkten negativ überrascht hatten, hatten viele Marktteilnehmer eine US-Zinserhöhung von 100 Basispunkten erwartet", fasse Arthur Brunner von der ICF Bank zusammen. In Reaktion der Märkte werde die Zinskurve flacher, weil der Abstand zwischen zwei- und zehnjährigen Renditen nur noch 11 Basispunkte betrage. "In den USA hingegen bleibt die US-Zinskurve invers", erläutere Brunner. Das heiße, dass die langlaufenden US-Schuldtitel über 30 Jahre niedriger rentieren würden als die kurzlaufenden. Eine inverse Zinskurve gelte als Rezessionsindikator.

"Die Stimmung ist extrem fragil", beschreibe Tim Oechsner von Steubing den Markt. Investoren würden abwarten. "Der Trend fallender Kurse und steigender Renditen bleibt intakt." Am Markt werde zunehmend realisiert, dass die FED rigoros bleibe und die Zinsen erhöhe, bis die Inflation nachlasse. "Damit bringt die FED die EZB unter Zugzwang und macht die Anleger nervös." Es bringe nichts, sich gegen den Trend zu stellen. "Die Zeit für eindeutige Aufwärtspositionierungen ist noch nicht gekommen." Vielfach sei man an der Seitenlinie positioniert. Die Barquoten blieben hoch.

Der Trend zu weniger Risiko (risk off) halte nach Einschätzung von Oechsner an. "Viele Anleihen werden es deshalb auch in Zukunft schwer haben. Risk off, weniger Risiko, bedeutet aber auch Flucht in Qualität." Krisenresistente Geschäftsmodelle seien bei Unternehmensanleihen gefragt. In einzelnen Titeln vermerke Oechsner daher wieder Käufer: "Unternehmenstitel mit mittleren Laufzeiten von zwei bis vier Jahren und guter Bonität sind gefragt."

So würden RWE-Papiere mit Laufzeit bis 2025 und einem Kupon von 2,5 Prozent gekauft. Aber auch SAP und Volkswagen seien als Schuldner gesucht. Kurskapriolen bei kleinen Titeln wie Saxony Minerals & Exploration hätten hingegen die Verunsicherung geschürt. So habe das Papier des Rohstoffförderers mit 7,75 Prozent Kupon und Laufzeit bis 2025 in der letzten Woche zwischen 26 und 52 Prozent geschwankt. Derzeit notiere es bei 40 (23.09.2022).

Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank sehe Verkäufe von Titeln, bei denen Anleger*innen noch Kursgewinne erzielen würden. So werde aktuell eine PNE-Anleihe, die erst in diesem Jahr emittiert worden sei, bis 2027 laufe und mit 5 Prozent verzinst sei, verkauft. Auch bis 2044 laufende Schuldtitel (ISIN XS1064049767 / WKN A11QFG) der Württembergischen Lebensversicherung mit 5,25 Prozent Kupon stünden auf den Verkaufslisten im Orderbuch von Daniel. "Obwohl die Renditen generell steigen, greift niemand beherzt zu", stelle Daniel fest. Derzeit stünden liquide Mittel im Fokus. "Insgesamt sehen wir, dass kürzere und mittlere Laufzeiten eher gekauft, stattdessen längere verkauft werden."

Im Zuge der weiteren Zinserhöhungen seien nach Angaben von Brunner hauptsächlich Staaten als Emittenten aktiv, nachdem in der Vorwoche eine regelrechte Flut neuer Unternehmensanleihen auf den Markt gekommen sei. So finanziere sich Spanien bis 2043 unter anderen mit einer neuen Anleihe (ISIN ES0000012K95 / WKN A3K9RK), die 3,45 Prozent Kupon aufweise, und Österreich bis 2026 mit einem Papier (ISIN AT0000A308C5 / WKN A3K9UP) von 2 Prozent Kupon.

Brunner registriere außerdem großes Kaufinteresse - wie schon in der Vorwoche - für ein Papier (ISIN XS1823502650 / WKN A2LQ5G) von BASF, das bis 2025 laufe und mit 0,825 Prozent verzinst werde. Auch ein neu emittiertes Papier (ISIN XS2530444624 / WKN A30VPB) von Fresenius Medical Care mit einer Laufzeit bis 2027 und 3,875 Prozent Kupon werde gekauft.

Unter Druck seien hingegen Immobilientitel: "Hier wirken sich die Zinserhöhungen und die Aussichten auf weitere steigende Zinsen negativ aus", erkläre Brunner. Besonders unter Druck sei eine Preos-Anleihe mit 7,5 Prozent Verzinsung, die bis 2024 laufe. "Anfang der Woche stand der Kurs bei 64,75 Prozent, inzwischen bei 59,60 Prozent", berichte Brunner. Preos sei ein typisches Beispiel für die verhaltene Risikoneigung der Anleger*innen im aktuellen Umfeld. (Ausgabe vom 23.09.2022) (26.09.2022/alc/a/a)