Anleihen: Minuszinsen auch für zehn Jahre


20.06.16 08:50
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Angesichts der andauernden Unsicherheit über die Brexit-Abstimmung am kommenden Donnerstag gilt weiter: Bloß kein Risiko, so die Deutsche Börse AG.

Der Aktienmarkt leide, gesucht sei wieder "Solides" wie deutsche Staatanleihen. Die britischen Wettbüros würden einen Verbleib Großbritanniens in der EU zwar immer noch für wahrscheinlicher halten, die Zustimmungsraten seien aber gesunken.

Diese Woche sei die Rendite zehnjähriger deutscher Staatanleihen erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik in den Negativbereich gerutscht. "Am Dienstag rentierten Bunds mit zehnjähriger Laufzeit in der Spitze mit minus 0,034 Prozent", berichte Klaus Stopp von der Baader Bank. Am Donnerstag sei es sogar noch weiter nach unten gegangen: Die zehnjährige Bundrendite habe ein neues Allzeittief von -0,038 Prozent erreicht. "Auch japanische Staatsanleihen rentierten rekordniedrig", ergänze Sabine Tillmann von der Hellwig Wertpapierhandelsbank. Heute sei zumindest etwas Erholung angesagt: Die Rendite der zehnjährige Bundesanleihe liege bei minus 0,001 Prozent. Der richtungweisende Euro-Bund-Future notiere am Freitagmittag bei 165,24 Punkten, vor einer Woche waren es 164,64 Prozent.

Die Aufstockung der bis Februar 2026 laufenden Bundesanleihe (ISIN DE0001102390 / WKN 110239) zur Wochenmitte sei relativ zäh verlaufen, wie Tillmann feststelle. "Die eingegangenen Gebote lagen nur bei 3,66 Milliarden Euro und erreichten damit nicht die angebotenen 4 Milliarden Euro." Die Emissionsrendite habe 0,01 Prozent betragen - ein ebenfalls historisch einmalig tiefer Wert.

Die europäischen Peripheriestaaten seien eher abgegeben worden. "Die Kernstaaten sind gefragt. Bei Italien, Griechenland, Portugal und Spanien gab es Verluste", berichte Arthur Brunner von der ICF Bank. Im Fall Spaniens hänge das auch mit den anstehenden Neuwahlen zusammen. "Generell wird aber ein Dominoeffekt nach einem Brexit-Entscheid befürchtet."

Die Notenbanken rund um den Globus hätten in dieser Woche - auch wegen des Brexit-Risikos - die Füße still gehalten: Nach der US-Notenbank am Mittwoch hätten am Donnerstag die japanische, die britische und die Schweizerische Notenbank beschlossen, ihren geldpolitischen Kurs nicht zu verändern. Dass eine baldige US-Leitzinserhöhung wieder unwahrscheinlicher geworden sei, habe auch die langfristigen US-Renditen fallen lassen - zehnjährige Treasury-Renditen hätten mit 1,56 Prozent sogar den tiefsten Stand seit 2012 erreicht.

Der HSH Nordbank zufolge seien Brexit-Gefahr und zögerliche FED-Geldpolitik nicht die einzigen Gründe für die Entwicklung hierzulande: "Pro Monat kauft die EZB gute 12 Milliarden Euro an Bundesanleihen auf, während im Durchschnitt 13 Milliarden neu emittiert werden", erläutere Cyrus de la Rubia. "Was bleibt da eigentlich noch für die privaten Investoren, zumal der Markt für Bundesanleihen aufgrund von Tilgungen Monat für Monat um 14 Milliarden Euro kleiner wird?" Außerdem kaufe die EZB nur Anleihen mit einer Rendite über dem negativen Einlagenzinssatz. "Ganz klar: Der Preis für dieses sich verknappende Finanzmarktinstrument muss steigen, und das bedeutet - es ist schlicht die andere Seite der Medaille - fallende Renditen."

Viele Anleger würden die hohen Kurse aber auch für Verkäufe nutzen. "Wir sehen hier nur Abgaben", berichte Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsbank. Zugegriffen werde nur noch bei einer EIB-Anleihe (ISIN XS0918749622 / WKN A1HJSP). "Die Rendite liegt aber auch schon bei -0,25 Prozent. Wer das kauft, muss anderswo wohl einen noch höheren Strafzins bezahlen." Bei irischen (ISIN IE00BJ38CQ36 / WKN A1ZUS5) und portugiesischen Anleihen kämen Anleger noch auf positive Renditen. "Bei Portugal sind es immerhin 2,2 Prozent für fünf Jahre und 3,35 Prozent für zehn Jahre." Um den Brexit mache sich der Händler übrigens keine allzu großen Sorgen: "Vieles ist schon eingepreist. Auch am kommenden Freitag wird die Sonne wieder aufgehen."

Der Handel mit Unternehmensanleihen habe sich nach dem Start des EZB-Ankaufsprogramms wieder etwas beruhigt, wie Brunner melde. Unter Abgabedruck seien dem Händler zufolge VW-Hybridanleihen geraten. "Das hat zum einen mit erneuten Meldungen über die Manipulation von Lärm- und Abgaswerten in Südkorea zu tun, zum anderen aber auch damit, dass Hybridanleihen von der EZB nicht aufgekauft werden." Diese würden daher derzeit tendenziell abgegeben.

Dass die Ratingagentur Standard & Poor‘s die Bonität des Versorgers RWE um eine Stufe auf BBB- gesenkt habe, habe sich im Handel mit RWE-Anleihen Daniel zufolge nicht ausgewirkt. "Hier gab es keine Verkäufe." Die Aktie habe am Dienstag zeitweise über 5 Prozent verloren.

Die Anleihen des Agrarkonzerns KTG Agrar (ISIN DE000A1H3VN9 / WKN A1H3VN, ISIN DE000A11QGQ1 / WKN A11QGQ) hätten heftig Federn lassen müssen, bereits seit Anfang vergangener Woche gehe es rasant nach unten. Die am 6. Juni anstehende Zinszahlung auf die im Juni 2017 fällige Anleihe im Volumen von 250 Millionen Euro sei verschoben worden. Dem Unternehmen zufolge habe sich lediglich der Verkauf von Assets, aus denen die Zinszahlung bestritten werden solle, verzögert, am Markt habe dies dennoch zu massiver Unsicherheit geführt. Der Kurs der bis 2017 laufenden Anleihe, im Mai noch bei über 90 Prozent, liege mittlerweile nur noch bei 16 Prozent, der der bis 2019 laufenden Anleihe bei 12 Prozent. In Mitleidenschaft seien auch Papiere der KTG Energie geraten, hier sei KTG Agrar Großaktionär.

Sehr gut an komme eine neue Anleihe des Handelskonzerns Otto mit einem Kupon von 2,5 Prozent, Laufzeit bis Juni 2023 und Mindeststückelung von 1.000 Euro. "Das war unser Umsatzspitzenreiter", erkläre Brunner. Der erste Kurs habe bei 99,21 Prozent gelegen, jetzt seien es schon 100,14 Prozent, das drücke die Rendite auf 2,23 Prozent. Auch Rainer Petz von Oddo Seydler spreche von "riesen Umsätzen". (Ausgabe vom 17.06.2016) (20.06.2016/alc/a/a)





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