Anleihen: Zinsen auf Talfahrt


19.04.13 16:45
Deutsche Börse AG

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Krisenzeiten haben sich geändert: Während die Renditen von Staatsanleihen der Europeripherie noch bis vor einigen Monaten als "Sorgenbarometer" galten, entwickeln sich die Zinsen in Südeuropa neuerdings im Gleichklang mit den Bundesrenditen abwärts, so die Deutsche Börse AG.

"Wie passt das zusammen?", frage die HSH Nordbank. "Die Bundrenditen bewegen sich seit Tagen in der Nähe von Rekordtiefs, gleichzeitig gehen die Risikoprämien der Peripherieanleihen nach unten, während auf der anderen Seite Rohstoffe, allen voran Gold und Öl, starke Preiseinbrüche erleben. Die Richtungslosigkeit des Euros verwundert in diesem Umfeld kaum", würden die Analysten Stefan Gäde und Cyrus de la Rubia zusammenfassen.

Gregor Daniel von der Walter Ludwig Wertpapierhandelsgesellschaft mache in erster Linie Konjunktursorgen für die Entwicklungen verantwortlich: "Die Wirtschaftsaussichten - vor allem in Europa - sind nicht gerade rosig. Das spricht für sinkende Zinsen und stützt die Anleihemärkte sowohl in Deutschland als auch in der Peripherie, während Aktien und Rohstoffe unter Druck geraten", erläutere der Händler.

Auch Arthur Brunner von ICF Kursmakler spreche von Zinsspekulationen, die von den Aussagen von Bundebankpräsident Jens Weidmann in dieser Woche neue Nahrung erhalten hätten. "Weidmann hat weitere Leitzinssenkungen nicht mehr abgelehnt. Zudem drängte das ehemalige EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi darauf, den Euro weiter zu schwächen, was die Diskussion um den so genannten Währungskrieg und mögliche Zinssenkungen zusätzlich befeuert hat."

Arne Hellwig von der Hellwig Wertpapierhandelsbank bestätige: "Die Aussagen von Weidmann haben Spekulationen um eine Zinssenkung angefacht", beobachte der Händler und spreche von rekordniedrigen Zinsen bei deutschen Bundesanleihen. "Zur Wochenmitte versteigerte der Bund zehnjährige Schuldverschreibungen und konnte sich mit einem Zins von 1,28 Prozent so günstig wie nie zuvor mit frischem Geld versorgen." Die Auktion habe 3,35 Milliarden Euro in die Staatskasse gespült und sei 1,6-fach überzeichnet gewesen. Das deutsche Rentenbarometer Euro-Bund-Future habe von 145,76 Prozent am vergangenen Freitag auf aktuell 146,03 Prozent zugelegt.

Aber nicht nur Deutschland, sondern auch Spanien und Italien seien in dieser Woche günstiger an frisches Geld als zuletzt gekommen. "Für eine am Donnerstag begebene zehnjährige Anleihe muss Spanien mit 4,612 Prozent so niedrige Zinsen zahlen, wie seit drei Jahren nicht mehr und platzierte zudem mehr Anleihen als geplant. In Italien griffen Anleger bei einer Auktion inflationsgesicherter Anleihen kräftig zu", berichte Brunner. Trotz der unsicheren politischen Lage habe die italienische Schuldenagentur in nur zwei Tagen 17 Milliarden Euro eingenommen - geplant seien ursprünglich 10 Milliarden gewesen. Die Nachfrage sei so groß gewesen, dass das Finanzministerium die Emission zwei Tage früher als geplant beendet habe.

Ganz anders sehe es da aktuell bei den Schuldtiteln Venezuelas aus, wie Daniel beobachte. "Die Turbulenzen rund um die venezolanische Präsidentschaftswahl und die Neuauszählung der Stimmen hat bei Anlegern für Verunsicherung gesorgt. Staatsanleihen des Landes sind über alle Laufzeiten deutlich unter Druck gekommen." Beispielhaft verweise der Händler auf eine bis 2015 laufende zehnjährige Anleihe (ISIN XS0214851874 / WKN A0DZ45), die zum Wochenbeginn noch bei 102 Prozent notiert habe. "Zeitweise ist das Papier auf 97,50 Prozent zurückgefallen, jetzt liegt der Kurs bei 99,45 Prozent", wisse Daniel.

Nachdem SolarWorld am Mittwochabend Aktionäre und Gläubiger mit dem Verlust seines Grundkapitals geschockt habe, hätten die Anleihen des Unternehmens deutlich an Wert verloren. Der Bonner Solarkonzern habe eingeräumt, das Kapital seiner Aktionäre komplett verloren zu haben und für das vergangene Jahr obendrein einen Verlust von bis zu 550 Millionen Euro angekündigt. "Eine bis 2016 laufende Anleihe (ISIN XS0641270045 / WKN A1H3W6) von SolarWorld verzeichnete einen massiven Wertverlust. Am Tag vor der Adhoc-Meldung handelte das Papier auf einem Niveau von 23 Prozent. Zum Handelsbeginn am Donnerstag stürzte die Anleihe auf ein Niveau von 15 Prozent ab und konsolidiert seit dem", melde Hellwig.

Brunner verzeichne rege Umsätze in Anleihen von Unternehmen aus den eher defensiven Branchen Pharmaindustrie und Versorger. "Favorit bei den Anlegern bleibt ein Papier (ISIN XS0873432511 / WKN A1HEWZ) des Bad Homburger Medizintechnikkonzerns Fresenius. Das 2020 fällige Papier ist mit einem Kupon von 2,875 Prozent ausgestattet und wird schon seit einiger Zeit gern gekauft."

Nachdem der Kurs eines nachrangigen Floaters (ISIN XS0166965797 / WKN 843278) der Münchener Rück in den vergangenen Monaten gefallen sei, hätten einige Anleger laut Klaus Stopp von der Baader Bank das ermäßigte Kursniveau zum Einstieg genutzt. Das Papier laufe bis Juni 2023 und weise bei einem Kupon von 6,75 Prozent derzeit eine Rendite von rund 6,6 Prozent auf, erkläre der Market Maker.

Ein Thema bei Anlegern bleibe, wie Stopp beobachte, der Aufbau von Gegenpositionen zu Euro-Investitionen. "So war eine auf Norwegische Kronen lautende Anleihe (ISIN XS0909324039 / WKN A1HHTW) von Volkswagen in dieser Woche gefragt, die bis April 2016 läuft und mit 2,3 Prozent rentiert."

Hellwig ergänze: "In Australischen Dollar (AUD) und Norwegischen Kronen (NOK) denominierte Titel sind weiterhin gesucht. Beliebt sind dabei vor allem Anleihen von aus Deutschland stammenden Automobilkonzernen." (19.04.2013/alc/a/a)





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