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Anleihen von Banken stehen vor einem drastischen Wandel


29.09.15 11:35
Scope Ratings

Berlin (www.anleihencheck.de) - Der Markt für Senior-Anleihen von Banken steht vor einschneidenden Veränderungen, so die Experten von Scope Ratings.

Verantwortlich dafür sei vor allem ein Vorstoß des Gesetzgebers in Deutschland: Unbesicherte Forderungen von Investoren (senior unsecured debt) sollten in Zukunft nachrangig gegenüber Kundeneinlagen und Derivaten sein, wenn eine Bank in Schieflage gerate. Damit würde sich die Kapitalstruktur von Banken in einem entscheidenden Punkt verändern: Senior-Anleihen würden in Zukunft einem deutlich höheren Risiko unterliegen als bisher.

Das seien schlechte Nachrichten für Investoren: Bankanleihen würden riskanter. "Investoren müssten nämlich damit rechnen, dass ihre Papiere bei einem Bail-in betroffen sein können", sage Sam Theodore, Leiter der Bankenanalyse bei Scope Ratings. Bankeinlagen dagegen, zum Beispiel von Unternehmen, wären besser als bisher vor dem Risiko eines möglichen Bail-in geschützt.

Sollte das Gesetz in der derzeit diskutierten Form beschlossen werden, würde es Banken leichter fallen, die neuen EU-Mindestkapitalvorschriften zu erfüllen (minimum requirement for own funds and eligible liabilities, MREL): Eigenkapital und Verbindlichkeiten, die zum MREL gehören würden, müssten in Zukunft mindestens acht Prozent der Bilanzsumme ausmachen. Unter Umständen würden sogar höhere Quoten gelten. Wenn eine Bank in Schieflage gerate und es zu einem Bail-in komme, würden diese Verbindlichkeiten verwendet, um Verluste zu absorbieren und die Bank gegebenenfalls zu rekapitalisieren - noch bevor der Bankenabwicklungsfonds zum Einsatz komme.

Das deutsche Gesetz würde es Banken erleichtern, unbesicherte Forderungen zum MREL zu zählen - und damit die MREL-Vorgaben der Aufsichtsbehörde zu erfüllen. Der Grund: Senior-Bonds würden in der Bilanz deutscher Banken im Rang hinter Kundeneinlagen und Derivate zurücktreten. Auf diese Weise könnten Senior-Anleihen zu den MREL-Mitteln zählen, während sich gleichzeitig Kundeneinlagen aus MREL - und somit der Gefahrenzone eines möglichen Bail-ins - ausschließen ließen, so die Experten von Scope Ratings.

Kundeneinlagen auszuschließen sei entscheidend, um die Geschäftsbeziehung zu Unternehmenskunden nicht zu stören. Sie verstünden ihre Einlagen schließlich nicht als Investment - und möchten folglich auch keinem Ausfallrisiko unterliegen. Bei der Deutschen Bank, die als einziges Institut des Landes als global systemrelevant gelte, würden Senior-Bonds auch zur total loss absorbing capacity (TLAC) zählen.

Die neue Regelung verändere den Charakter von Senior-Anleihen aus Investorensicht fundamental. Investoren würden eine Prämie für das steigende Risiko eines Bail-in verlangen. Das werde die Refinanzierungskosten für Banken in die Höhe treiben. Außerdem könnte sich die Investorenbasis verkleinern, die bereit sei, Senior-Anleihen von Banken zu kaufen. "Vor allem in unsicheren Marktlagen könnte es für Banken schwieriger werden, sich über Senior-Anleihen zu refinanzieren", sage Scope-Analyst Theodore.

Der deutsche Vorstoß sei dennoch eine gute Entwicklung, meine Theodore. "Der Gesetzgeber scheint zu verstehen, dass es sinnvoll ist, einen Unterschied zwischen unbesicherten Forderungen und Kundeneinlagen zu machen." Parlamentarier und Regierungsvertreter aller europäischen Staaten würden die Diskussion in Deutschland gespannt beobachten. "Sie hoffen, dass hier gerade das Rätsel gelöst wird, welche Verbindlichkeiten einer Bank in Zukunft bei einem Bail-In betroffen sind."

Italien diskutiere inzwischen darüber, unbesicherte Forderungen ebenfalls für nachrangig zu erklären und damit Kundeneinlagen besser gegen einen Bail-in zu schützen. Sobald mehrere EU-Staaten in diesem Punkt auf einen gemeinsamen Weg einschwenken würden, würden andere dem Beispiel folgen und vergleichbare Regeln in ihrem Land einführen, erwarte Theodore. "Gesetzgeber und Regulierungsbehörden haben kein Interesse daran, dass in der EU viele verschiedene Regelungen existieren - genauso wenig wie Investoren." Somit sei zu erwarten, dass die Planungssicherheit für Banken und Investoren in den kommenden Wochen und Monaten weiter zunehme. (29.09.2015/alc/a/a)