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Ausblick 2. Halbjahr 2024: Zentralbanken bleiben vorsichtig
23.07.24 11:43
Candriam
Brüssel (www.anleihencheck.de) - Mit dem Beginn des Sommers 2024 setzt sich das Wirtschaftswachstum fort, das Tempo variiert jedoch in den einzelnen Ländern und Regionen, so Florence Pisani, Global Head of Economic Research, und Emile Gagna, Economist bei Candriam.
China stehe nach wie vor unter Deflationsdruck, während die Konjunktur in der Eurozone nur langsam in Schwung komme. In den USA hingegen liege das Wachstum immer noch bei zwei Prozent, scheine sich aber etwas zu verlangsamen. Der Inflationsdruck habe in den vergangenen Monaten weiter nachgelassen und den Weg für eine vorsichtige Lockerung der Geldpolitik geebnet.
Unter den großen Volkswirtschaften sei China die Einzige, in der die Wertschöpfungskosten sinken würden: Anfang 2024 habe sich das reale Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf etwas mehr als fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr belaufen, das nominale Wachstum habe jedoch nur knapp über vier Prozent betragen. Damit habe es deutlich unter dem Durchschnitt von neun Prozent gelegen, den man in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre habe beobachten können.
Der Grund: Das Land sei nicht mehr in der Lage, die enorme Menge an Ersparnissen zu absorbieren, die es jedes Jahr generiere. Dieser "Sparüberschuss" sei zumindest zeitweise durch ein umfangreiches Investitionsprogramm in die Infrastruktur ausgeglichen worden, das größtenteils von den lokalen Behörden finanziert worden sei. Die sinkenden Einnahmen der Kommunen, die vor allem auf den Rückgang bei Grundstücksverkäufen zurückzuführen seien, würden jetzt ihre Möglichkeiten einschränken, eine immer größere Zahl von Infrastrukturprojekten zu finanzieren. Peking versuche nun, überschüssige Ersparnisse in die Finanzierung von Zukunftsindustrien wie Solarpaneele, Batterien oder Elektrofahrzeuge zu leiten.
Die Grenzen dieser Strategie dürften jedoch sehr schnell deutlich werden: Wie in der Photovoltaikindustrie werde China mangels ausreichender Binnennachfrage mit Überkapazitäten konfrontiert sein und sich nach Absatzmärkten im Ausland umsehen müssen. Dabei dürfte das Land allerdings auf heftigen Widerstand seitens seiner US-amerikanischen und europäischen Partner stoßen. Die Entscheidung der Europäischen Union (EU), die Steuern auf Elektrofahrzeuge zu erhöhen, falls keine Einigung erzielt werde, erinnere an die Erhöhung der Zölle, die die Vereinigten Staaten wenige Wochen zuvor beschlossen hätten.
Vor dem Hintergrund der Handelsspannungen dürfte auch eine Lockerung der Geldpolitik keine Abhilfe schaffen. Die derzeitige Senkung der Hypothekenzinsen habe sich kaum auf die Kreditaufnahme der privaten Haushalte ausgewirkt: Obwohl die Hypothekenzinsen seit Mitte 2022 um fast 200 Basispunkte gesunken seien, zeige sich bisher kein Effekt auf die Immobilienkredite. Das Wachstum dürfte enttäuschend bleiben - zumindest, solange die Haushalte weiter sparen würden und die Behörden weder das Wachstum zugunsten des Konsums verschieben noch Anstrengungen unternehmen würden, um das soziale Sicherheitsnetz zu stärken.
In den Vereinigten Staaten habe sich das Wachstum seit Jahresbeginn fortgesetzt, getragen von einem anhaltend soliden Konsum. Dies habe zur Schaffung weiterer Arbeitsplätze beigetragen: Monatlich und über drei Monate geglättet sei die Zahl der neu geschaffenen Stellen von weniger als 200.000 im November 2023 auf fast 250.000 im Mai 2024 angestiegen. Aufgrund der steigenden Zahl von Arbeitsmigranten sei der Arbeitsmarkt jedoch entspannt geblieben, und die Arbeitslosenquote steige seit einigen Monaten allmählich an.
Die finanziellen Bedingungen hätten sich verschärft und sollten zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums beitragen. Die Zinssätze für Verbraucherkredite seien hoch, und die Zahlungsausfälle bei Kreditkarten hätten in letzter Zeit deutlich zugenommen. Auch die nach wie vor hohen Hypothekenzinsen und der Anstieg der Hauspreise dürften die Wohnbauinvestitionen belasten. Gleichzeitig lasse die konjunkturstützende Wirkung der öffentlichen Ausgaben und des Inflation Reduction Act allmählich nach. Vor diesem Hintergrund werde erwartet, dass sich das Wachstum von durchschnittlich 2,5 Prozent im Jahr 2024 auf 1,7 Prozent im Jahr 2025 abschwäche.
Dennoch habe die Federal Reserve (FED) allen Grund zur Vorsicht: Trotz der Verlangsamung im Mai liege die Inflation im Dienstleistungssektor immer noch über der Zielmarke der FED. Wenn sich der Arbeitsmarkt weiter entspanne, sollte die US-Notenbank die Zinsen in diesem Jahr immer noch zweimal senken können, beginnend im September.
US-Präsident Joe Biden habe gerade eine Durchführungsverordnung unterzeichnet, die die Zahl der illegal in die USA einreisenden Erwachsenen um 85.000 pro Monat reduzieren würde, falls sie umgesetzt werde. Diese Migrationspolitik, sowie auch die Wirtschaftspolitik, die nach den Wahlen am 5. November verfolgt werden solle, könnte jedoch weitreichende Auswirkungen auf das Wachstum und die Inflation im Jahr 2025 haben und somit den geldpolitischen Kurs erheblich verändern.
Nach zwei Jahren hoher Inflation und stagnierender Wirtschaftstätigkeit gebe es in der Eurozone Anzeichen für eine Verbesserung der Wirtschaftslage. Das BIP sei im ersten Quartal mit einer Jahresrate von 1,3 Prozent gewachsen und die Daten des Einkaufsmanagerindex (PMI) würden auf eine nachhaltige Erholung hindeuten. Die steigende Kaufkraft der privaten Haushalte dürfte den Konsum und damit die Wirtschaftstätigkeit stützen: Die Experten würden erwarten, dass sich das Wachstum beschleunige - von 0,6 Prozent im vergangenen Jahr auf 0,8 Prozent im Jahr 2024 und knapp über 1 Prozent im Jahr 2025.
Vor allem aber sei die Inflation im Mai gegenüber dem Vorjahr deutlich gesunken und liege nun bei 2,6 Prozent. Angesichts dieser Verbesserung habe die Europäische Zentralbank (EZB) Anfang Juni beschlossen, die Zinssätze zum ersten Mal seit 2019 zu senken. Denn: Nicht nur die sinkenden Energiepreise seien für den Rückgang der Inflation verantwortlich gewesen.
Auch die Kerninflation, die Energie und Nahrungsmittel ausschließe, habe deutlich nachgelassen. Dies gelte insbesondere für Güter, deren Preise aufgrund der pandemiebedingten Unterbrechung der Versorgungsketten stark angestiegen seien. Dieser Anstieg habe mit der Wiederherstellung der normalen Lieferketten geendet. Die Inflation bei Dienstleistungspreisen gehe nur langsam zurück. Zwar entspreche die Inflation vor allem in den Ländern mit niedrigem Arbeitseinsatz wieder fast den Erwartungen der Europäischen Zentralbank. Dies gelte jedoch nicht für den Dienstleistungssektor, wo die Arbeitskosten einen hohen Anteil an den Produktionskosten hätten.
Damit sich die Disinflation wie von der Notenbank erhofft fortsetze, sei eine Verlangsamung des Lohnanstiegs notwendig - für sich gestellt reiche das allerdings nicht aus. Auch die Produktivitätsgewinne, die seit 2017 zum Stillstand gekommen seien, müssten wieder zunehmen. In den kommenden Quartalen dürfte sich die Beschleunigung der Wirtschaftstätigkeit positiv auswirken, zumal die Bereitschaft zum Jobwechsel bei den Arbeitskräften seit der Pandemie abgenommen habe. Ohne deutliche Produktivitätszuwächse könnten der Zentralbank jedoch Argumente für weitere Zinssenkungen fehlen. Wie die Federal Reserve habe auch die Europäische Zentralbank allen Grund zur Vorsicht. (23.07.2024/alc/a/a)
China stehe nach wie vor unter Deflationsdruck, während die Konjunktur in der Eurozone nur langsam in Schwung komme. In den USA hingegen liege das Wachstum immer noch bei zwei Prozent, scheine sich aber etwas zu verlangsamen. Der Inflationsdruck habe in den vergangenen Monaten weiter nachgelassen und den Weg für eine vorsichtige Lockerung der Geldpolitik geebnet.
Unter den großen Volkswirtschaften sei China die Einzige, in der die Wertschöpfungskosten sinken würden: Anfang 2024 habe sich das reale Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) auf etwas mehr als fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr belaufen, das nominale Wachstum habe jedoch nur knapp über vier Prozent betragen. Damit habe es deutlich unter dem Durchschnitt von neun Prozent gelegen, den man in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre habe beobachten können.
Der Grund: Das Land sei nicht mehr in der Lage, die enorme Menge an Ersparnissen zu absorbieren, die es jedes Jahr generiere. Dieser "Sparüberschuss" sei zumindest zeitweise durch ein umfangreiches Investitionsprogramm in die Infrastruktur ausgeglichen worden, das größtenteils von den lokalen Behörden finanziert worden sei. Die sinkenden Einnahmen der Kommunen, die vor allem auf den Rückgang bei Grundstücksverkäufen zurückzuführen seien, würden jetzt ihre Möglichkeiten einschränken, eine immer größere Zahl von Infrastrukturprojekten zu finanzieren. Peking versuche nun, überschüssige Ersparnisse in die Finanzierung von Zukunftsindustrien wie Solarpaneele, Batterien oder Elektrofahrzeuge zu leiten.
Die Grenzen dieser Strategie dürften jedoch sehr schnell deutlich werden: Wie in der Photovoltaikindustrie werde China mangels ausreichender Binnennachfrage mit Überkapazitäten konfrontiert sein und sich nach Absatzmärkten im Ausland umsehen müssen. Dabei dürfte das Land allerdings auf heftigen Widerstand seitens seiner US-amerikanischen und europäischen Partner stoßen. Die Entscheidung der Europäischen Union (EU), die Steuern auf Elektrofahrzeuge zu erhöhen, falls keine Einigung erzielt werde, erinnere an die Erhöhung der Zölle, die die Vereinigten Staaten wenige Wochen zuvor beschlossen hätten.
Vor dem Hintergrund der Handelsspannungen dürfte auch eine Lockerung der Geldpolitik keine Abhilfe schaffen. Die derzeitige Senkung der Hypothekenzinsen habe sich kaum auf die Kreditaufnahme der privaten Haushalte ausgewirkt: Obwohl die Hypothekenzinsen seit Mitte 2022 um fast 200 Basispunkte gesunken seien, zeige sich bisher kein Effekt auf die Immobilienkredite. Das Wachstum dürfte enttäuschend bleiben - zumindest, solange die Haushalte weiter sparen würden und die Behörden weder das Wachstum zugunsten des Konsums verschieben noch Anstrengungen unternehmen würden, um das soziale Sicherheitsnetz zu stärken.
Die finanziellen Bedingungen hätten sich verschärft und sollten zu einer Verlangsamung des Wirtschaftswachstums beitragen. Die Zinssätze für Verbraucherkredite seien hoch, und die Zahlungsausfälle bei Kreditkarten hätten in letzter Zeit deutlich zugenommen. Auch die nach wie vor hohen Hypothekenzinsen und der Anstieg der Hauspreise dürften die Wohnbauinvestitionen belasten. Gleichzeitig lasse die konjunkturstützende Wirkung der öffentlichen Ausgaben und des Inflation Reduction Act allmählich nach. Vor diesem Hintergrund werde erwartet, dass sich das Wachstum von durchschnittlich 2,5 Prozent im Jahr 2024 auf 1,7 Prozent im Jahr 2025 abschwäche.
Dennoch habe die Federal Reserve (FED) allen Grund zur Vorsicht: Trotz der Verlangsamung im Mai liege die Inflation im Dienstleistungssektor immer noch über der Zielmarke der FED. Wenn sich der Arbeitsmarkt weiter entspanne, sollte die US-Notenbank die Zinsen in diesem Jahr immer noch zweimal senken können, beginnend im September.
US-Präsident Joe Biden habe gerade eine Durchführungsverordnung unterzeichnet, die die Zahl der illegal in die USA einreisenden Erwachsenen um 85.000 pro Monat reduzieren würde, falls sie umgesetzt werde. Diese Migrationspolitik, sowie auch die Wirtschaftspolitik, die nach den Wahlen am 5. November verfolgt werden solle, könnte jedoch weitreichende Auswirkungen auf das Wachstum und die Inflation im Jahr 2025 haben und somit den geldpolitischen Kurs erheblich verändern.
Nach zwei Jahren hoher Inflation und stagnierender Wirtschaftstätigkeit gebe es in der Eurozone Anzeichen für eine Verbesserung der Wirtschaftslage. Das BIP sei im ersten Quartal mit einer Jahresrate von 1,3 Prozent gewachsen und die Daten des Einkaufsmanagerindex (PMI) würden auf eine nachhaltige Erholung hindeuten. Die steigende Kaufkraft der privaten Haushalte dürfte den Konsum und damit die Wirtschaftstätigkeit stützen: Die Experten würden erwarten, dass sich das Wachstum beschleunige - von 0,6 Prozent im vergangenen Jahr auf 0,8 Prozent im Jahr 2024 und knapp über 1 Prozent im Jahr 2025.
Vor allem aber sei die Inflation im Mai gegenüber dem Vorjahr deutlich gesunken und liege nun bei 2,6 Prozent. Angesichts dieser Verbesserung habe die Europäische Zentralbank (EZB) Anfang Juni beschlossen, die Zinssätze zum ersten Mal seit 2019 zu senken. Denn: Nicht nur die sinkenden Energiepreise seien für den Rückgang der Inflation verantwortlich gewesen.
Auch die Kerninflation, die Energie und Nahrungsmittel ausschließe, habe deutlich nachgelassen. Dies gelte insbesondere für Güter, deren Preise aufgrund der pandemiebedingten Unterbrechung der Versorgungsketten stark angestiegen seien. Dieser Anstieg habe mit der Wiederherstellung der normalen Lieferketten geendet. Die Inflation bei Dienstleistungspreisen gehe nur langsam zurück. Zwar entspreche die Inflation vor allem in den Ländern mit niedrigem Arbeitseinsatz wieder fast den Erwartungen der Europäischen Zentralbank. Dies gelte jedoch nicht für den Dienstleistungssektor, wo die Arbeitskosten einen hohen Anteil an den Produktionskosten hätten.
Damit sich die Disinflation wie von der Notenbank erhofft fortsetze, sei eine Verlangsamung des Lohnanstiegs notwendig - für sich gestellt reiche das allerdings nicht aus. Auch die Produktivitätsgewinne, die seit 2017 zum Stillstand gekommen seien, müssten wieder zunehmen. In den kommenden Quartalen dürfte sich die Beschleunigung der Wirtschaftstätigkeit positiv auswirken, zumal die Bereitschaft zum Jobwechsel bei den Arbeitskräften seit der Pandemie abgenommen habe. Ohne deutliche Produktivitätszuwächse könnten der Zentralbank jedoch Argumente für weitere Zinssenkungen fehlen. Wie die Federal Reserve habe auch die Europäische Zentralbank allen Grund zur Vorsicht. (23.07.2024/alc/a/a)


