Brasilien: Zentralbank hebt den Leitzins gegen den globalen Trend an


09.10.24 13:00
DekaBank

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Von einer sehr restriktiven Geldpolitik ausgehend war Brasilien im Sommer vergangenen Jahres eines der ersten Länder gewesen, in dem nach einem deutlichen Inflationsrückgang der Zinssenkungszyklus eingeläutet worden war, so die Analysten der DekaBank.

Mittlerweile hätten Querelen mit der Regierung über die Geldpolitik und die Unsicherheit über die zukünftige Fiskalpolitik die Arbeit der Währungshüter deutlich erschwert. Die Zentralbank habe sich im September gar gezwungen gesehen, den Leitzins wieder anzuheben, um 25 Basispunkte auf nun 10,75%. Positive Wachstumsüberraschungen, ein enger Arbeitsmarkt und nicht zuletzt die Unfähigkeit zur Budgetkonsolidierung seien Gründe für diese Straffung. Die hohe Volatilität des brasilianischen Reals sei hinzugekommen. Die verantwortungsvolle Haltung des Finanzministers Haddads, der sich gegen den Ausgabenwillen des Präsidenten und des Parlaments gestellt habe, sei zwar positiv zu bewerten, er treffe jedoch auf große Widerstände, vor allem im Parlament.

Im Hinblick auf die Kommunalwahlen in diesem Oktober wolle keine der Parteien für Ausgabenkürzungen oder Steueranhebungen verantwortlich gemacht werden. Nach den Kommunalwahlen dürften die Parlamentarier etwas mehr Kooperationsbereitschaft zur Budgetkonsolidierung zeigen. Die Zentralbank wolle jedoch nicht abwarten und habe als unabhängige Institution einen Ruf zu verteidigen. Nach mehreren Jahren, in denen das Inflationsziel verfehlt worden sei, sei sie bereit, für die Preisstabilität die Konfrontation mit der Politik in Kauf zu nehmen. Daher dürfe diese Zinsanhebung nicht die letzte bleiben. Man erwarte vier weitere Zinsanhebungen auf dann 11,75% im Frühjahr 2025. Diese Straffung dürfe dazu beitragen, dass sich die wirtschaftliche Dynamik abkühle und die Inflationserwartungen wieder nah am Ziel verankert würden.

Die Inflationsrate habe zuletzt mit 4,2% zwar noch innerhalb des Toleranzbandes von 1,5% bis 4,5% gelegen, sei aber für den Geschmack der Währungshüter noch zu weit oberhalb des Inflationsziels von 3%. Sollte die Straffung die erwünschte Abkühlung mit sich bringen und die Politiker nach den Kommunalwahlen eine fiskalische Konsolidierung beschließen, dann wäre eine Lockerung schon in der zweiten Jahreshälfte 2025 zu erwarten.

Perspektiven: Brasilien habe in den vergangenen Jahren wichtige Reformen verabschiedet, und auch die linksgerichtete Regierung Lulas habe mit der Steuerreform einen weiteren Meilenstein gesetzt. Präsident Lula habe sich in der Vergangenheit interventionistisch gezeigt, jedoch verfolge er jetzt eine moderatere Haltung. Der Wachstumsausblick werde durch die straffe Geldpolitik belastet. Die Rahmenbedingungen für Investitionen blieben schwierig; besonders belasteten die überbordende Bürokratie, die hohe Steuerquote und die schlechte Infrastruktur. Die Polarisierung in der Politik habe im Vergleich zur Regierung von Bolsonaro nachgelassen. Auch hinsichtlich der Außenpolitik - Stichwort Klimakrise - zeige sich Lula kompromissbereiter als sein Vorgänger.

Länderrisiko: Der Ratingtrend Brasiliens sei seit 2014 aufgrund der Reformunfähigkeit früherer Regierungen, der schwachen fiskalischen Verfassung und des langfristigen Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit lange Zeit negativ gewesen. Die Vorgängerregierung habe mit der Rentenreform dann für eine fiskalische Stabilisierung gesorgt.

Die Regierung Lula zeige sich fiskalisch verantwortungsbewusst und wolle einzelne Reformen vorantreiben, allerdings mit einer stärkeren sozialen Komponente. Dies dürfte insgesamt zu einer Bonitätsverbesserung führen, die bereits durch die Heraufstufung durch Fitch im Juli vergangenen Jahres honoriert worden sei. Die hohe öffentliche Verschuldung von fast 80% des Bruttoinlandsprodukts sowie die geringe fiskalische Flexibilität stellten eine Belastung für die Bonität dar. (Ausgabe vom 07.10.2024) (09.10.2024/alc/a/a)






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