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Brexit - das Warten beginnt erneut


28.06.16 16:36
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - Finanzmärkte müssen mit einer längeren Phase politischer und institutioneller Unsicherheit leben, so Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin AG.

Es sehe so aus, als wenn die Brexit-Befürworter genauso überrascht vom Ausgang des EU-Referendums gewesen seien wie die Finanzmärkte. Auch der Initiator des Referendums, Premier Cameron, scheine nicht weiter zu wissen. Weder stelle er sein Amt mit sofortiger Wirkung zur Verfügung, noch wolle er den Ausgang des Referendums umsetzen und den EU-Austritt gemäß Art. 50 beantragen. Sowohl Tories als auch die Labour Partei würden Führungskämpfe vor sich zu haben scheinen, die für die Tagesarbeit und die Umsetzung des Referendums wenig Zeit lassen würden. Im Unterschied dazu würden die Prozesse im allzu gescholtenen Brüssel gut zu funktionieren scheinen. Trotz dieses Kontrastes müsse sich die EU auf Nachahmer einstellen.

Die Ironie des EU-Referendums sei vielleicht, dass die EU-Bürokratie in genau diesen Krisenzeiten zeige, wie gut ihre Prozesse eigentlich funktionieren würden. Während die politischen Führer in UK seit Bekanntgabe des Wahlausgangs keine Antworten geben könnten, wie es nun weitergehen solle, sende die EU-Spitze bereits seit Freitagmorgen klare Botschaften. Auf dem EU-Gipfel am Dienstag und Mittwoch werde von UK erwartet, den Austrittsantrag zu stellen, um die Phase institutioneller Unsicherheit möglichst kurz zu halten. Genau darauf würden die Brexit-Befürworter aber wohl kaum vorbereitet zu sein scheinen.

In dem sehr emotional geführten Wahlkampf seien technische Fragen genau wie Sachargumente von der "Leave"-Kampagne gerne beiseite geschoben worden. Als Konsequenz sehe vieles um den Austritt wieder sehr unsicher aus. So werde inzwischen bereits wieder diskutiert, ob das Parlament überhaupt einen Austritt aus der EU beantragen sollte und falls ja, ob das nicht deutlich mehr Vorbereitung bedürfe - und falls all dies geschehe, ob Schottland nicht erneut ein Unabhängigkeitsreferendum anstrebe, um in der EU bleiben zu können. Das Resultat dürfte ein politischer Führungsstreit in UK sein, der zu einer längeren Phase institutioneller Unsicherheit führe.

Dass UK in einer solchen Phase eine Rezession vermeiden können werde, erscheine den Analysten unwahrscheinlich. Konjunkturelle Bremsspuren würden sich aber auch für Europa nicht verhindern lassen, sodass in den nächsten Wochen Abwärtsrevisionen der Wachstumsprognosen von den meisten Instituten zu erwarten seien.

Die Finanzmärkte würden mit längerer Unsicherheit leben müssen. Nachdem sie beim Thema Brexit auf dem falschen Fuss erwischt worden seien, würden sie nun andere adverse Entwicklungen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit einpreisen. Dazu werde eine US-Präsidentschaft von Donald Trump genauso gehören wie eine französische Präsidentschaft von Marine Le Pen. Und Populisten in allen Ländern würden von dem Wahlausgang in UK lernen, dass sich eine EU-kritische Argumentation und Emotionalisierung lohne.

Der nächste zentrale Schritt für Europa und die Währungsunion werde das Referendum über die italienische Verfassungsreform im Oktober sein. In diesem Umfeld werde die Unsicherheit bezüglich der weiteren politischen Entwicklungen und an den Märkten eher hoch bleiben als sich schnell zu beruhigen. (28.06.2016/alc/a/a)