Droht stärkere Inflation?


19.04.21 10:30
Edmond de Rothschild Asset Management

Paris (www.anleihencheck.de) - Aktuell werden gern Parallelen zwischen dem aktuellen US-Experiment mit dem 1,9-Billionen-Dollar-Konjunkturprogramm und der Modern Monetary Theory (MMT) gezogen, so die Experten von Edmond de Rothschild Asset Management.

Vor diesem Hintergrund befasse sich Benjamin Melman, Global Chief Investment Officer von Edmond de Rothschild Asset Management, mit der Aussage der MMT und was sie genau bedeute: "Wie ein bekannter Witz besagt, ist die MMT, also die Moderne Geldtheorie, weder modern, da sie mit der traditionellen Finanzierung von Staatsdefiziten vergleichbar ist, noch monetär, denn es werden Anpassungen an die Fiskalpolitik vorgenommen. Und noch weniger ist sie eine Theorie."

Klar sei: MMT beginne mit einem "Free lunch", also einem fast risikolosen Gewinn. Die Reflation werde durch Schulden finanziert, die dank der ultraexpansiven Geldpolitik fast nichts kosten würden. Sie ende mit Inflation, gefolgt von Steuererhöhungen oder Kürzungen der öffentlichen Ausgaben, wenn die Reflation über das gewünschte Ziel, ein Land wieder zur Vollbeschäftigung zu bringen, hinausgegangen sei. Für den Experten verstehe sich von selbst, dass Investoren das Risiko-Rendite-Profil von Anlagen in der ersten Phase attraktiv fänden, in der zweiten jedoch deutlich weniger. So stelle sich Melman die Frage: "Zurzeit befindet sich der Markt in der ersten Phase. Müssen wir uns Sorgen machen, dass er schneller als erwartet in die zweite Phase kippen könnte?"

Joe Bidens 1,9-Billionen-Dollar-Konjunkturprogramm habe viel dazu beigetragen, die Inflationsprämien in die Höhe zu treiben. Selbst Demokraten wie Harvard-Professor Larry Summers, ehemaliger Finanzminister unter Bill Clinton, hätten vor dem Inflationsrisiko des Konjunkturprogramms gewarnt. Andere Ökonomen wie Paul Klugman dagegen würden diese Meinung nicht vertreten. Laut Melman würden uns Summers' Befürchtungen allerdings daran erinnern, dass das aktuelle US-Experiment ungeahnte Summen und einen sicheren Sprung ins Ungewisse beinhalte.

Die Biden-Administration versuche, ihr politisches Kapital zu nutzen, um andere ehrgeizige Pläne durchzusetzen. Das Ziel solle nun bei 3 Billionen Dollar für die Infrastruktur über zehn Jahre liegen. Benjamin Melman sage dazu: "Bidens Konjunkturpläne könnten sich über mehrere Jahre auf etwa 25 Prozent des BIP belaufen, ohne Berücksichtigung der rezessiven Wirkung höherer Steuern. Dies ist schlichtweg beispiellos."

"Auf kürzere Sicht könnte die Inflation stark ansteigen", sage Melman. Denn die FED verfolge weiterhin ihre aggressive quantitative Lockerung, für den Experten rechtfertige der aktuelle Zustand der Märkte und der Wirtschaft dies allerdings nicht mehr. "Zudem sind massive und nachhaltige Konjunkturmaßnahmen in der Vorbereitung. Wenn Investoren gute Chancen dafür sehen, dass das Konjunkturprogramm vom Kongress abgesegnet wird, stehen alle Ampeln auf Grün für steigende Inflationserwartungen."

Fakt sei: Die Frachtraten seien stark angestiegen, Halbleiter seien knapp und die Preise für Baumaterialien hätten sich erhöht. Sowohl Analysen von Einkaufsmanager-Indices als auch die Aussagen von Unternehmensleitungen würden die zunehmende Besorgnis über die Produktionskosten verdeutlichen.

Laut Melman wäre jetzt jeder Anstieg der Inflationserwartungen eine schlechte Nachricht, da dies als Markierung der Leistungsgrenze des derzeitigen Ansatzes der FED angesehen würde. "Die FED hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass sich die Märkte im letzten Jahr erholen konnten. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass es ihr gelingt, ihren extrem abwartenden Ansatz in eigenem Tempo zu beenden und nicht den Anschein zu erwecken, den Entwicklungen nachzueilen", sei der Experte überzeugt.

Eine zu starke Reflation berge das Risiko, den Markt zu überfordern. Daher habe Edmond de Rothschild Asset Management sein Engagement in Aktien und Staatsanleihen reduziert. "Anleger gehen zunehmend von einem perfekten Szenario aus. Die Bewertung der Aktienmärkte ist jetzt auf einem extrem hohen Niveau, sodass jedes unerwartete Risiko zu Instabilität führen könnte. Das Umfeld ist eindeutig günstig für Risikoanlagen, aber Marktschwankungen sind jetzt durchaus vorstellbar", erläutere Melman. Das Unternehmen ziehe es somit vor, seine Cash-Bestände zu erhöhen. "Wir warten ab, wie Bidens extrem ehrgeiziger Infrastrukturplan in den USA eingeführt wird und welche Auswirkungen er möglicherweise auf die Inflationserwartungen hat", erkläre der Experte weiter. "Unsere stark untergewichtete Position in Staatsanleihen bedeutet nicht, dass wir einen signifikanten Anstieg der Renditen langlaufender Anleihen erwarten, sondern spiegelt unser derzeitiges Management des Gesamtportfoliorisikos wider."

Aufgrund der Gefahr höherer Inflationserwartungen, die alle Anlageklassen treffen könnte, ziehe Edmond de Rothschild Asset Management es vor, das Risiko auf Aktien und bestimmte Unterklassen von Anleihen zu konzentrieren. "Wir wollen es vermeiden, in Vermögenswerten investiert zu sein, die zwar weiterhin marginale Renditen bieten, aber Risiken in hohem Maße ausgesetzt sind", begründe Melman. (19.04.2021/alc/a/a)