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EZB-Sitzung mit Spannung erwartet


11.04.22 15:47
Barings

Boston (www.anleihencheck.de) - Mit Spannung erwarten die Märkte die geldpolitische Sitzung der EZB in Frankfurt am Donnerstag, so Matteo Cominetta, Senior Economist beim Barings Investment Institute.

Selbst wenn die EZB die Zinsen nicht anhebe, würden die Haushalte im Euroraum in einem Jahr wahrscheinlich ärmer sein. Selbst wenn alle, die ihren Arbeitsplatz verloren hätten, ihn wiedererlangen würden und die Löhne auf 4 Prozent steigen würden - den höchsten jemals verzeichneten Wert, wenn man von den Fehlentwicklungen im Rahmen von Covid absehe -, würde dies das Arbeitseinkommen um etwa 6 Prozent ansteigen lassen, also weniger als die Inflation, die derzeit bei 7,5 Prozent liege. Die Haushalte im Euroraum würden an Kaufkraft verlieren. Wenn dann noch ein Energieschock hinzukomme, der in die Geschichtsbücher eingehen werde, und das Verbrauchervertrauen einbreche, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Verbraucher den Gürtel enger schnallen würden und die Wirtschaft in eine Rezession gerate.

Warum also warte die EZB nicht geduldig, bis die Inflation ihren Abwärtsdruck auf das Wachstum ausübe und sich auflöse? Weil es von drei Unwägbarkeiten abhänge, wie schnell dies geschehen werde und wie hoch die Inflation vorher sein werde: Sanktionen, finanzpolitische Unterstützung und Störungen der Lieferkette. Die Rufe nach einem russischen Energieembargo würden in dem Maße lauter werden, wie sich die Gräueltaten des Krieges entfalten würden. Sollte das Embargo schließlich verhängt werden, könnte ein weiterer historischer Energieschock die Inflation noch weiter in die Höhe treiben und die EZB in Zugzwang bringen. Es würden immer wieder fiskalische Maßnahmen angekündigt, und je stärker die finanzpolitische Unterstützung ausfalle, desto leichter werde es für die EZB, die Zinsen zu erhöhen. Und schließlich würden zehn Millionen eingeschlossener chinesischer Bürger und Fabriken darauf hindeuten, dass die Unterbrechungen der Versorgungsketten, die so viel Inflation verursacht hätten, noch lange anhalten würden.

Angesichts des hohen Einsatzes und der geringen Transparenz werde die EZB beim Ausstieg aus der expansiven Politik besondere Vorsicht walten lassen. Die Nachricht, dass die Mitarbeiter der EZB über den Ankauf von Anleihen im Notfall diskutieren würden, zeige, wie vorsichtig die Zentralbank mit der Sache umgehen wolle. Sollten sich alle drei Unwägbarkeiten zum Guten wenden, dürfte die Wirtschaft des Euroraums in der Lage sein, steigende Leitzinsen mit einer leichten Verlangsamung zu überstehen. Im schlimmsten Fall könnten sich die Zinserhöhungen der EZB als Sargnagel für die fragile Erholung erweisen. In einem Jahr könnten Deflationsgespräche wieder aufkommen, und niemand in der EZB vermisse die Zeit, als diese die Debatte beherrscht hätten.

Wichtige Entscheidungen wie der Zeitpunkt des Beendens der quantitativen Lockerung und der ersten Zinserhöhung würden wahrscheinlich erst auf der Juni-Sitzung getroffen werden, wenn der EZB-Rat in der Lage sein sollte, seine Entscheidungen auf eine größere Transparenz zu stützen. Selbst dann würden die Leitzinsen nicht leichtfertig angehoben, und es werde darauf geachtet werden, eine Fragmentierung der Anleihemärkte im Euroraum und der geldpolitischen Transmission zu vermeiden, wie die durchgesickerten Diskussionen über ein Instrument zum Ankauf von Anleihen im Notfall zeigen würden. (11.04.2022/alc/a/a)