EZB hebt Leitzinsen um 50 Basispunkte an und genehmigt Antikrisentool TPI


22.07.22 12:00
Nord LB

Hannover (www.anleihencheck.de) - Die Europäische Zentralbank hat auf ihrer heutigen Sitzung erstmals seit elf Jahren die Leitzinsen angehoben und damit eine historische geldpolitische Wende vollzogen, so die Analysten der Nord LB.

Alle drei relevanten Leitzinsen seien um jeweils 50 Basispunkte angehoben worden. Der Hauptrefinanzierungssatz notiere demnach neu bei 0,50%, der Einlagefazilitätensatz bei 0,00% und der Satz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität bei 0,75%. Damit löse sich der EZB-Rat von der im Juni für diese Sitzung verkündeten Indikation eines kleinen Zinsschritts von nur 25 Basispunkte und reagiere so vor allem auf das nochmals verschlechterte Inflationsumfeld.

Die zweite wichtige Entscheidung auf der heutigen EZB-Sitzung stelle die Genehmigung eines neuen Antikrisentools ("Transmission Protection Instrument", TPI) dar. Das TPI könne demnach von der EZB aktiviert werden, um "ungerechtfertigten, ungeordneten Marktdynamiken entgegenzuwirken, die eine ernsthafte Bedrohung für die Transmission der Geldpolitik" darstellen würden. Die Ankäufe seien ex ante nicht beschränkt und der Umfang werde von der Schwere der Krise abhängen. Konkrete Kriterien nenne der Rat im Beschluss noch nicht, hier würden noch Details später am Nachmittag folgen. Es scheine aber, dass der Rat auf einen hohen eigenen diskretionären Entscheidungsspielraum setze. Nach Aussage von EZB-Präsidentin Lagarde sei die Entscheidung zum TPI einstimmig gewesen. Es spreche viel für ein quid pro quo zwischen Falken und Tauben, die Einigung auf TPI und die Entscheidung für eine kräftigere Zinserhöhung seien zumindest laut Statement eng miteinander verknüpft gewesen. Die erste Verteidigungslinie würden jedoch strategische PEPP-Reinvestments bleiben.

Das Ausmaß der heutigen Zinserhöhung von 0,5 Prozentpunkten liege über den Erwartungen der meisten zuvor befragten Analysten und Volkswirte. Auch an den Märkten seien offenbar viele auf dem falschen Fuß erwischt worden, relativ kräftig seien daher die ersten Marktbewegungen infolge der Entscheidung ausgefallen. Die Rendite deutscher Bundesanleihen (10J) sei kurzzeitig auf 1,38% gesprungen. Die EZB gebe im Statement zudem den Hinweis, dass bei den kommenden Sitzungen des EZB-Rats eine "weitere Normalisierung der Zinssätze angemessen sein" werde. Allerdings hänge der künftige Leitzinspfad von der Datenlage ab und Entscheidungen würden von Sitzung zu Sitzung getroffen.

Im Ergebnis könne man festhalten, dass nicht nur Negativzinsen Geschichte seien, sondern - zumindest bezogen auf die Leitzinsen - auch das Konzept der Forward Guidance. Bereits die US-Notenbank habe im Juni kurzfristig energischer agiert als angekündigt, nun folge die EZB mit einem ebenfalls kräftigeren Zinsschritt. Die EZB-Sitzung im September werde unter dem Eindruck dann erneut deutlich nach oben korrigierter Inflationsprojektionen stehen. Vor diesem Hintergrund rechnen die Analysten der Nord LB für die nächste Sitzung nicht mit einer Verlangsamung des Straffungskurses bei den Leitzinsen.

Es sei zu begrüßen, dass die EZB nun den nächsten Schritt auf dem Weg der geldpolitischen Normalisierung mache - und dieser Schritt auch größer ausfalle als zunächst angekündigt. Die EZB wolle damit ein kraftvolles Zeichen setzen und nicht hinter die Kurve geraten - ein Risiko, dass angesichts der weiter kräftig gestiegenen Inflation zuletzt deutlich zugenommen habe. Dennoch könne die heutige Zinserhöhung nur ein erster Schritt in einer ganzen Serie von Zinserhöhungen gewesen sein. Zum TPI würden die Details noch zu prüfen sein. Es könne nicht Aufgabe der EZB sein, selbstverschuldete Risikoaufschläge einzuebnen - selbst wenn diese selbstredend auch die Transmission tangieren würden. Genau hier lege das neuerliche Politchaos in Italien den Finger in die Wunde.

Die EZB erhöhe im Juli wie angekündigt erstmals seit elf Jahren die Leitzinsen, der Zinsschritt falle mit je 50 Basispunkten jedoch unerwartet deutlich aus. Diese Entscheidung müsse wohl im Zusammenhang mit der ebenfalls erfolgten Genehmigung des neuen Antikrisentools TPI gesehen werden. Kurzfristig dürfte der EZB-Rat das Straffungstempo beibehalten, zumal im September erneut die Inflationsprojektionen angehoben werden müssten. (Ausgabe vom 21.07.2022) (22.07.2022/alc/a/a)






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