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Es gibt Hoffnung für die Eurozone


18.04.24 12:30
Aramea Asset Management

Hamburg (www.anleihencheck.de) - Die Wirtschaft im Euroraum könnte sich stabilisieren, sagt Felix Herrmann, Chefvolkswirt von ARAMEA Asset Management.

Bei Zinssenkungen dürfte die Europäische Zentralbank (EZB) der US-Notenbank seiner Meinung nach zuvorkommen. Sowohl am Anleihe- als auch am Aktienmarkt sehe er Chancen.

Wie schon 2023 sei der Jahresstart an den Märkten äußerst erfreulich verlaufen - und wie schon vergangenes Jahr hätten viele Anleger eine solche Entwicklung nicht wirklich auf dem Zettel gehabt. Das Wachstum könnte in der Eurozone tendenziell etwas anziehen und sich in den USA auf hohem Niveau halten. Daher gebe es aus Sicht der Experten selbst nach der starken Marktentwicklung weiterhin gute Argumente, die auf Spielraum für steigende Kurse hindeuten würden. Kurzfristig würden die Experten in den kommenden Monaten aber ein etwas schwierigeres Fahrwasser an den Märkten erwarten.

Die Wirtschaft der Eurozone schwächele weiter. Es gebe aber Hoffnung. Der private Konsum werde nach Meinung der Experten infolge gesunkener Inflation sowie höherer Lohnabschlüsse zulegen und das Wachstum in den kommenden Monaten stützen. Die dämpfende Wirkung der Zinserhöhungen werde allmählich nachlassen - gleichzeitig dürfte die Nachfrage nach europäischen Exporten anziehen. Das weise darauf hin, dass das Wachstum in der Eurozone in diesem Jahr dank einer zyklischen Erholung höher ausfalle als die aktuell vom Konsens erwarteten 0,5 Prozent.

In den USA sei die Wirtschaft zuletzt weiterhin sehr lebhaft gewachsen. In China hingegen sei die Konjunktur angesichts des anhaltenden Abschwungs am Immobilienmarkt gedämpft geblieben. Insbesondere der private Konsum bereite im Reich der Mitte Sorgen. Derweil seien die Befürchtungen groß, Peking könnte staatliche Kredite, die früher in den wirtschaftlich kritischen Immobiliensektor geflossen seien, verstärkt in das Verarbeitende Gewerbe und die Industrie lenken - insbesondere in den Bereich Elektrofahrzeuge. Da der Binnenkonsum und das Vertrauen der Investoren immer noch hinterherhinken würden - was sich im stärksten deflationären Druck seit der asiatischen Finanzkrise niederschlage - stehe zu befürchten, dass dies zu weiteren Überkapazitäten und somit zu Dumpingpreisen auf den ausländischen Märkten führen werde.

Die Inflation werde im Verlauf des Jahres aus Sicht der Experten auf beiden Seiten des Atlantiks eine geringere Dynamik aufweisen. In der Eurozone erwarten uns bis zur Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) im Juni noch zahlreiche Konjunkturdaten, so die Experten von Aramea Asset Management. Angesichts der Verzögerung, mit denen diese verfügbar seien, werde man laut EZB aber "nicht abwarten, bis alle relevanten Daten bereit liegen". Nach Meinung der Experten klinge das alles sehr nach einem ersten Zinssenkungsschritt im Juni. Das Vertrauen, dass sich die Inflation ganz grundsätzlich in die richtige Richtung bewege, scheine recht hoch zu sein.

Wie es danach weiter gehe, stehe aktuell in den Sternen. EZB-Chefin Christine Lagarde könne und wolle sich verständlicherweise nicht festlegen. Die Experten würden eine Verringerung der Leitzinsen in diesem Jahr um 75 Basispunkte für wahrscheinlich halten.

Sollte die EZB tatsächlich im Juni zum ersten Mal in diesem Zyklus die Zinsen senken, käme sie der US-Notenbank Federal Reserve (FED) sehr wahrscheinlich zuvor. Da die Inflation in den USA zuletzt wieder leicht gestiegen sei und die Wachstumsprognosen fast monatlich nach oben korrigiert werden müssten, werde die FED eher später als früher die Zinsen senken.

Am europäischen Rentenmarkt seien die Risikoaufschläge zu Jahresbeginn bereits eng gewesen. Seitdem seien sie tendenziell noch geringer geworden. Das gelte besonders für die riskanteren Bereiche des Euro-Rentenmarktes wie High-Yield- oder Nachranganleihen. Tatsächlich seien die Spreads deshalb aber noch lange nicht übermäßig eng - insbesondere, wenn man den breiten Euro-Unternehmensanleihemarkt betrachte. Insofern würden die Experten weiterhin positiv gestimmt für die riskanteren Segmente des europäischen Anleihemarktes bleiben.

Am US-Rentenmarkt sei der Zinsaufschlag für den breiten Markt deutlich näher am Rekordtief. Das liege vor allem daran, dass sich die europäische und US-amerikanische Spread-Entwicklung seit Beginn des Ukraine-Krieges etwas entkoppelt hätten. Kurz laufende US-Dollar-Anleihen hoher Bonität, etwa US-Staatsanleihen, würden hingegen weiterhin ein attraktives Rendite-Risiko-Profil bieten.

Am Aktienmarkt hätten die ersten Wochen eines Jahres in der Vergangenheit oft das Schicksal für die restlichen Monate bestimmt: Sei der Januar ein starker Monat gewesen, so sei auch das restliche Jahr erfreulich verlaufen - und umgekehrt.

Grundsätzlich würden die Experten aus verschiedenen Gründen für den Aktienmarkt positiv gestimmt bleiben. So gewinne die Rally an Breite. Außerdem würden die Unternehmen weiterhin verlässlich starke Unternehmenszahlen liefern. Dazu würden die erwarteten Zinssenkungen der Notenbanken kommen. Die Experten würden zwar weniger davon als noch zu Jahresbeginn erwarten. Erfahrungsgemäß aber würden sie den Aktienmärkten Rückendwind geben. Schließlich sei nach wie vor viel Geld an der Seitenlinie geparkt. In Geldmarktfonds lägen derzeit mehr als 6 Billionen US-Dollar. Dieses Geld werde "zur Arbeit geschickt", sobald die Geldmarktzinsen fallen würden.

Nach einer Verschnaufpause im Frühling dürfte der Aktienmarkt wieder an Fahrt gewinnen. Da europäische Aktien mit einem Rekordabschlag gegenüber US-Aktien handeln würden, würden die Experten verstärkt Engagements in Europa bevorzugen. (Ausgabe vom 09.04.2024) (18.04.2024/alc/a/a)