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Geldmarkt: Der Grenznutzen der Geldpolitik bleibt umstritten


02.05.19 13:15
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die Finanzkrisen in den letzten 20 Jahren hatten ihren Ursprung in der leichten Zugänglichkeit zu kostenlosen Krediten aufgrund der ultra-expansiven Geldpolitik der Notenbanken, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Der Grenznutzen dieser Geldpolitik aber bleibe weiter umstritten, wahrscheinlich sei er ja schon negativ. Sparer und Investoren in die Finanzmärkte würden durch ZIRP und NIRP gewissermaßen enteignet, da sie keine Zinsen für die Kreditvergabe mehr erhalten würden. Viele Kreditoren seien aber sogar finanziell abhängig von den Zinseinnahmen (Rentenversicherungen, Pensionsfonds etc.). Negative Zinsen, die für Einlagen bei der Zentralbank anfallen würden, würden in erheblichem Maße die Ertragsentwicklung der Geschäftsbanken belasten.

Notleidend gewordene Kredite würden die Kreditnehmer kaum belasten, da sie durch kostengünstige neue Kredite abgelöst werden könnten. Für die Kreditoren dagegen seien notleidend gewordene Kredite ein Totalverlust, für den sie nicht einmal teilweise durch Zinserträge entschädigt worden seien. Hier stoße die Geldpolitik als Mittel der Konjunkturstimulierung an ihre Grenzen.

ZIRP und NIRP seien dafür nicht gedacht gewesen. Auch ein Spread von 0% zwischen lang- und kurzfristigen Zinsen entspreche nicht den theoretischen Erfordernissen, da er mehr Nach- als Vorteile aufweise. Kredite würden nicht mehr dorthin wandern, wo sie optimalen Nutzen stiften würden. Investoren in den Finanzmärkten müssten auf der Suche nach Renditen in immer riskanter werdende Anlagen ausweichen. Jetzt hätten die FED und die EZB eine Normalisierung der Zinsstrukturkurve in weite Ferne verschoben.

Die Flut des billigen Geldes weise schon längere Zeit nicht mehr auf positive Wirkungen hin, sondern führe nur zu einer weiteren Ausdehnung der Finanzblase. Der Grenznutzen weiterer Lockerungen dürfte bereits negativ sein. Das ändere auch die Einstellung der Finanzmarktteilnehmer. Die ständige Verschiebung des Einstiegs in den Ausstieg vergrößert nur die Unsicherheiten über die weitere Stabilität unseres Finanzsystems, so die Experten von "fairesearch". Lieber ein Ende mit Schrecken, als ein Schrecken ohne Ende.

Das gleiche gelte für die EZB. Die Renditenstrukturkurve sehe bei dieser Darstellung äußerlich steil genug aus, doch der Maßstab sei zu beachten. Zwischen kurzen (-0,6%) und langen (+0,6%) Laufzeiten mit AAA Rating lägen nur 1,2 Prozentpunkte. Als "normal" sei ein Spread von ca. 3 Prozentpunkten anzusetzen. Sparer in kurzen Fristen würden "enteignet", Anlegern in langen würden hohe Abschreibungen bei negativer Realverzinsung drohen.

Inzwischen fühle sich die FED in einem Dilemma. Das reale BIP habe sich von p.a. +2,2% im 4Q18 auf p.a. 3,2% im 1Q19 etwas erholt. Also doch noch eine Zinserhöhung? Allerdings bleibe das Umfeld sehr anfällig und die Kernrate der Inflation sei weiter niedrig. Daher bleibe für die FED eine Linie des Abwartens weiter angebracht, auch wenn die langfristigen Erfordernisse für eine Fortsetzung der Normalisierung der Strukturkurve sprechen würden.

Aus gleichem Grunde bleibe die EZB zumindest vorerst weiter bei ihrer NIRP-Geldpolitik. Barrieren im Handel mit China und den USA, ungewisse Auswirkungen des Brexit, die gestiegenen Energiekosten usw. würden die exportorientierten Volkswirtschaften der Eurozone belasten. Für das Europaparlament stünden Wahlen mit völlig ungewissem Ausgang bevor. Eine ganze Reihe von Ländern der Südperipherie der Eurozone mit äußerst angespannten Staatshaushalten würden Zinserhöhungen kaum verkraften. EZB-Präsident Mario Draghi erscheine vor diesem Hintergrund eine Fortsetzung der ultra-expansiven Geldpolitik angemessen.

Folgerung: die Finanzmärkte würden sich sorglos gegenüber den langfristig negativen Auswirkungen der ultra-expansiven Geldpolitik zeigen und weiter darauf setzen als Allheilmittel gegen die Konjunkturflaute. Die heraufziehende Stabilitätskrise werde verdrängt. (02.05.2019/alc/a/a)