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Geldmarkt: Jackson Hole und die Signale des US-Notenbankchefs Jerome Powell


31.08.20 10:45
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Mit großer Spannung haben die Finanzmärkte die Ergebnisse der virtuellen Konferenz der Präsidenten der wichtigsten Notenbanken der Welt in Jackson Hole am 27. August 2020 erwartet, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Im Mittelpunkt hätten die Ausführungen des US-Notenbankchefs Jerome Powell gestanden, der eine Änderung der gegenwärtigen US-Geldpolitik angekündigt habe. Dort, am Fuße der Rocky Mountains, seien damit die Tendenzen auf den weltweiten Finanzmärkten festgelegt worden.

Nach der globalen Finanzkrise im Jahr 2008 befinde sich die Weltwirtschaft erneut in einer Rezession; es sei die schwerste seit 1945. Im 2. Quartal 2020 hätten die führenden Volkswirtschaften zweistellige Prozentrückgänge des BIP gegenüber dem Vorjahresquartal hinnehmen müssen. Doch in Grunde dauere die Konjunkturflaute schon seit über zehn Jahren. Mit einer ultra-expansiven Geldpolitik hätten die Zentralbanken der Krise Herr zu werden versucht und dabei mittels ZIRP, NIRP und QE Geld in Billionen-Höhe in die Märkte gepumpt. Doch die BIP-Zuwachsraten würden bescheiden bleiben, ein großer Teil des Geldes sei in die Vermögenspreise geflossen. Diese "Asset Inflation" sei aber genauso nachteilig wie die Konsumentenpreis-Inflation. Die Geldströme seien damit der wichtigste Treibriemen für die Finanzmärkte geworden.

Zu den wichtigsten Aufgaben der Geldpolitik zähle die Sicherung der Finanzstabilität; hierfür sei eine Zielgröße für die Inflationsrate definiert worden. In der Regel liege dieses Ziel bei 2%, für die EZB bei knapp 2%. In den USA zähle ausdrücklich auch die Förderung der Beschäftigung zu den Aufgaben der Geldpolitik. Damit die Zentralbanken ihre Aufgaben neutral, ohne an Regierungsanweisungen gebunden zu sein, ausführen könnten, gelte die Unabhängigkeit von der Regierung, die aber in der letzten Zeit stillschweigend außer Kraft gesetzt worden sei. Als "Inflation" werde in der Regel der Anstieg der Konsumentenpreise gegenüber dem Vorjahr verstanden; in den USA sehe die FED hierhin den Anstieg der Preise der persönlichen Konsumausgaben (personal consumption expenditures price index; Juli 1,0%).

Nun habe FED-Präsident Jerome Powell in Jackson Hole eine Änderung des Inflationszieles angekündigt. Neben einer Verlängerung der gegenwärtigen Geldpolitik werde ein Durchschnittsziel für die Teuerungsrate von 2,5% angestrebt ("Average Inflation Targeting"). Dort sollte sie längere Zeit verharren, bis die Konjunkturentwicklung sich deutlich vom derzeitigen Zustand löse.

Bei 2,5% sei die Inflationsrate den größten Teil des letzten Jahrzehntes nicht mehr gewesen. Um einen Durchschnitt von 2,5% zu erreichen, könnte sie daher durchaus eine Zeit lang auf 2% bis 4% steigen, bis die FED eingreife. Damit richte sich der Fokus der FED jetzt auf den Arbeitsmarkt. Und "längere Zeit" könnte vielleicht sogar fünf Jahre umfassen. Für die Finanzmärkte bedeute dies eine Fortsetzung und sogar Verstärkung der Tendenzen der letzten Zeit, noch mehr Geld suche nach einer Anlage. Die Liquidität werde in der Hauptsache durch QE kreiert. Die Notenbanken würden dazu im Markt befindliche Anleihen erwerben.

Um neue Turbulenzen an den Devisenmärkten zu vermeiden, würden die anderen Notenbanken bemüht sein, die amerikanische Geldschwemme mitzumachen. Der US-Dollar sei sowieso schon schwach gegenüber dem Index der wichtigsten Handelswährungen. Noch größere Verschiebungen könnten den Handelskrieg zwischen den wichtigsten Exportländern nur noch verschärfen, was niemandem diene.

Inwieweit die bereits ultra-expansive Geldpolitik zu mehr BIP-Wachstum beitrage, bleibe umstritten. Der Grad der Lockerung sei vermutlich bereits kontraproduktiv. Für Sparer und Anleger werde es immer schwieriger, Anlagemöglichkeiten zu finden, die wenigstens eine langsam zunehmende Inflationsrate kompensieren könnten. Die Geldmärkte würden hierfür ausfallen, da sie nur noch Nullzinsen oder sogar negative Zinsen bieten würden. Allerdings biete eine gewisse Liquiditätsquote Flexibilität für unvorhergesehene Ereignisse.

An den Devisenmärkten gebe es keine einzige Währung mit stabilen volkswirtschaftlichen Daten. Beim US-Dollar werde sogar seine Funktion als Leitwährung infrage gestellt. Die Rentenmärkte würden auch nicht mehr zu den attraktiven Anlageformen zählen, der größte Teil sogar langlaufender Obligationen habe eine negative Rendite, das Rückzahlungsrisiko sei deutlich gestiegen. Die Aktienmärkte hätten von der expansiven Geldpolitik profitiert. Die Indices würden aber schon auf oder nahe auf Allzeithoch notieren und die KGVs könnten nicht mehr als niedrig eingeschätzt werden. Die Preise auf den Edelmetallmärkten seien zwar ebenfalls schon hoch. Der Bullenmarkt sei hier aber weiter intakt. Sie würden von dem Mangel an Anlagealternativen und dem anhaltend hohen Interesse privater und institutioneller Anleger profitieren. (Ausgabe vom 30.08.2020) (31.08.2020/alc/a/a)