Geldpolitik: Inflationsziele verteidigen


07.06.16 11:07
Bank J. Safra Sarasin AG

Basel (www.anleihencheck.de) - Geldpolitik ist so gut wie nie neutral, so Karsten Junius, Chefökonom bei der Bank J. Safra Sarasin AG.

Sie begünstige mal Sparer, mal Kreditnehmer. Sie beeinflusse den Wechselkurs und wirke daher unterschiedlich auf Exporteure als auf Importeure. Zeitweise bremse sie Wachstum und Inflation und zeitweise stimuliere sie die Kreditvergabe und den Arbeitsmarkt. Notenbanken seien daher Kritik gewöhnt, da sie es nie allen recht machen könnten. Derzeit werde häufig kritisiert, dass wichtige Zentralbanken im gegenwärtigen Niedriginflationsumfeld weiterhin ihre Inflationsziele verfolgen würden. Neu daran sei, dass diese Kritik vermehrt von Ökonomen komme. Richtiger sei sie deswegen nicht.

Politiker würden häufig eine expansivere Geldpolitik verlangen, die ihnen vor allem in Wahljahren das Leben leichter machen würde. Damit dies nicht zu unerwünschten Inflationsprozessen führe, seien die meisten Notenbanken von den Regierungen und vor allem der Finanzpolitik unabhängig. Ökonomen würden meist diese Unabhängigkeit mit dem Verweis darauf verteidigen, dass eine zu expansive Geldpolitik kurzfristig zwar das Wachstum stimuliere, mittelfristig aber lediglich zu höheren Inflationsraten führe. Insofern sei es bemerkenswert, dass von ökonomischer Seite vermehrt in Frage gestellt werde, dass die EZB die Inflationsraten wieder auf ein Niveau von 2% bringen sollte.

Merkwürdigerweise werde zwar nicht angezweifelt, dass Inflation ein monetäres Phänomen sei, aber die jetzige Situation sei dennoch anders. Als Gegenargumente der vermeintlich zu expansiven Geldpolitik würden dann die Gefahr von Vermögenspreisblasen, geringeren Sparerträgen und selbst die Möglichkeit späterer Hochinflationsphasen genannt. Konsistent sei die Kritik häufig nicht.

Seien Kapitalbesitzer tatsächlich Leidtragende der Niedrigzinsphase, wenn diese doch zu galoppierenden Preisen ihrer Vermögen führen solle? Und wenn die Niedrigzinsen so unerwünscht seien, warum sollten sie durch eine Absenkung der Inflationsziele noch zementiert werden? Wenn die von der EZB angeblich übermäßig zur Verfügung gestellte Liquidität die Gefahr von mittelfristig übermäßiger Inflation mit sich bringe, warum solle die Zentralbank dann nicht in der Lage sein, ihre aktuelle Inflationsnorm zu erreichen und stattdessen Deflationsgefahren in Kauf nehmen? Sei Inflation überhaupt noch ein monetäres Phänomen?

Richtig sei, dass es nach Bilanzrezessionen schwierig sei, die Konjunktur wieder zu beleben und die Inflation auf das gewünschte Niveau zu bringen. Vor allem hoch verschuldete Haushalte, Unternehmen und Staaten könnten dazu wenig zusätzliche Nachfrage beitragen. Damit sich dies aber ändere, dürften Inflationsziele nicht abgesenkt werden. Niedrige Inflationsziele würden strukturelle Anpassungen beispielsweise bei der Wettbewerbsfähigkeit einzelner Branchen und Länder verlangsamen. Die gegenwärtige Situation in der Eurozone sei dafür das beste Beispiel.

Verringerte Inflationsziele würden auch die reale Schuldenlast nur noch erhöhen. Schuldner genau wie Sparer müssten sich auf ein gewisses Inflationsniveau verlassen können. Welches kurzfristige Zinsniveau damit kompatibel sei, lasse sich dabei nie genau vorhersagen. Es sei in jedem Konjunkturzyklus anders. Zentralbanken hätten daher nicht die Aufgabe, ein bestimmtes Zinsniveau anzusteuern oder Zinsen mechanistisch anzupassen. Stattdessen sollten sie in Phasen, in denen die Inflation unterhalb ihres Ziels sei, die Wirtschaft mit zusätzlichen Zinssenkungen stimulieren, sodass Unternehmen und Haushalte einen Anreiz hätten, mehr zu investieren und zu konsumieren. Bei einer sehr niedrigen Kapitalrentabilität könne das offensichtlich auch länger zu negativen Zinsen führen. Wenn diese wiederum politisch unerwünscht seien, dann sollte sich die Diskussion eher darum drehen, welche anderen wirtschaftspolitischen Maßnahmen die Inflationsraten wieder erhöht hätten. Eines sei klar - eine Mietpreisbremse gehöre nicht dazu, höhere Löhne dagegen schon eher. (Ausgabe vom 06.06.2016) (07.06.2016/alc/a/a)