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Geldpolitik: Welches könnte theoretisch das letzte Element der Lockerungspolitik sein?


31.03.16 11:17
fairesearch

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Die geldpolitischen Lockerungen seit 2008 haben bereits einen sehr langen Weg hinter sich, so Dr. Eberhardt Unger von "fairesearch".

Die EZB habe ihre Leitzinsen in dieser Zeit von 4,25% auf 0,0% gesenkt. Inzwischen habe sich die Bezeichnung "ultra-expansive Geldpolitik" verbreitet. Doch sei bei 0% wirklich Schluss? Auf der Pressekonferenz in Frankfurt am Main habe Mario Draghi auf die Frage, ob -0,4% Strafzinsen für Bankeinlagen das Ende seien, abgewunken, da das alles zu spekulativ sei. Doch bei der dänischen Nationalbank seien diese Strafzinsen schon bei -0,65%.

EZB-Chefvolkswirt Peter Praet habe in einem Interview ausdrücklich auf die Ausführungen in den Einleitenden Bemerkungen verwiesen, dass die EZB-Leitzinsen auf dem derzeitigen oder einem tieferen Niveau über einen längeren Zeitraum verharren würden. Die Leitzinsen hätten noch nicht ihre Talsohle erreicht, so Praet. Wenn es zu einem erneuten negativen Schock kommen würde, käme eine erneute Zinssenkung in Frage. Praet habe sich überzeugt gezeigt, dass die neuen Langfrist-tender der EZB die Kreditvergabe in der Eurozone beschleunigen könnten. Bei europäischen Banken werde darauf verwiesen, dass der unsichere Konjunkturausblick die Investitionsbereitschaft der Unternehmen bremse und damit auch die Notwendigkeit zur Aufnahme von Fremdkapital. Peter Praet habe zudem der weit verbreiteten Einschätzung widersprochen, dass die EZB ihre Pfeile verschossen hätte. Die EZB hätte noch jede Menge Möglichkeiten, die Geldpolitik noch expansiver auszugestalten. Es sei immer die Frage, welche Maßnahme angemessen sei.

Also weitere Trippelschritte, quälend langsam immer tiefer? Gebe es keine Lösung wie beim Gordischen Knoten, ein letzter Schritt? Diese Frage würden gegenwärtig Finanzanalysten in der Eurozone diskutieren. Und da tauche ein Vorschlag auf, der in Anbetracht des bisherigen Expansionsweges gar nicht so abwegig erscheine: OMF Overt Monetary Financing. Dabei gehe es um eine Politik offener monetärer Finanzierung von Staatsschulden durch die Notenbank. Im Kampf gegen deflationäre Kräfte könnte als letztes Element der Geldpolitik eine großvolumige Übernahme und Finanzierung von Staatsschulden durchgeführt werden.

Die OMF-Idee gehe auf Lord Adair Turner zurück, früher der Vorsitzende der britischen Finanzmarktaufsicht FSA. Er sei der Ansicht, so eine extreme Maßnahme sei gerechtfertigt, wenn man sich im Kampf gegen die Kernschmelze des Finanzsystems befinde. Speziell die BoJ habe sich dieser Politik schon sehr angenähert, aber auch die EZB sei jetzt auf bestem Wege dazu. Es fehle nur noch die politische Absicherung. In der Praxis gehe das so vor sich:

Aufstellung des Haushaltsplanes, Feststellung des Finanzierungsbedarfs, Meldung des Defizits an die EZB, Begebung von Staatsanleihen, vollständige Übernahme (QE) durch die EZB. Die erforderlichen Mittel stünden der jeweiligen Regierung unmittelbar zur Verfügung. Alle Vorwürfe und gegenseitige Beschuldigungen wegen eines zu hohen Finanzierungsbedarfs würden entfallen. Keinerlei Reibungsverluste oder langwierige Verhandlungen. Der technische Apparat hierzu sei bei der EZB bereits vorhanden. Das klinge alles zu glatt und einfach, um nicht auch Gehör zu finden. Das höre sich an wie eine intelligente Erweiterung des QE-Programmes.

Wenige würden sich erinnern, was in der Geschichte nach dem Übergang zu einer
vollständigen monetären Staatsfinanzierung geschehen sei. Ab 1. April kaufe die EZB für ihr QE-Programm monatlich EUR 80 Mrd. Anleihen, in 12 Monaten demnach EUR 960 Mrd. Gemäß der Winterprognose 2016 der EU-Kommission habe sich das nominale BIP der Eurozone 2014 auf EUR 10.108 Mrd. belaufen, die Bruttoverschuldung betrug 94,5%. Das Budgetdefizit 2015 bis 2017 solle sich auf 2,2%, 1,9% und 1,6% des BIP ermäßigen. Infolgedessen solle die Verschuldungsquote 2015 bis 2017 auf 93,5%, 92,7% und 91,3% sinken. Das Risiko dieser Einschätzung liege aktuell darin, dass sowohl BIP-Wachstumsrate und Deflator niedriger, das Budgetdefizit aber höher ausfalle. Dann käme die Gesamtverschuldung tatsächlich der 100%-Marke näher.

Bei einem Budgetdefizit der Staaten der Eurozone von EUR 170 bis 180 Mrd. in 2016 und EUR 200 Mrd. in 2017 werde das QE-Programm der EZB das gesamte Defizit binnen zweieinhalb Monaten finanzieren. Die Quote von 100% Finanzierung der Neuverschuldung wäre dann erreicht. Die Zentralbank finanziere das neue Staatsdefizit.

Folgerung: Die weiteren Schritte der Geldpolitik gelte es jetzt, genau zu beobachten. Sollte sich der Eindruck ergeben, dass die Zentralbanken die Kontrolle verloren hätten, könnte der Vertrauensverlust in das Allheilmittel Geldpolitik heftige Verwerfungen an den Märkten auslösen. (31.03.2016/alc/a/a)