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Indiens Reformen nehmen Fahrt auf


16.08.17 10:15
Franklin Templeton

Frankfurt (www.anleihencheck.de) - Indien hat unter Premierminister Narendra Modi eine umfassende Reformbewegung angestoßen, die die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich gezogen hat. Michael Hasenstab, CIO von Templeton Global Macro, hat Indien kürzlich besucht und nimmt hier einige der Reformen, die er als globaler Anleihenmanager besonders interessant findet, genauer unter die Lupe.

Seiner Einschätzung nach steuere Indien auf eine glänzende Zukunft zu, und der Wachstumspfad des Landes dürfte - trotz einiger kurzfristiger Anpassungen - stark bleiben.

Anfang dieses Sommers sei der Experte nach Indien gereist - es sei eine gute Zeit für einen Besuch gewesen. Das Land habe in den jüngsten Jahren unter der Führung von Premierminister Narendra Modi, der seit Mai 2014 im Amt sei, ambitionierte Reformen in Angriff genommen. Die indische Wirtschaft scheine sich unter Modi belebt zu haben: Das jährliche Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP), das vor seinem Amtsantritt 2013 noch bei 5,5% gelegen habe, sei auf 7,5% im Jahr 2015 und 8,0% im Jahr 2016 angestiegen. Mit dieser Wachstumsrate liege das Land unter den größten Volkswirtschaften der Welt an der Spitze, und es habe in den jüngsten Quartalen mehrere Wellen ausländischen Kapitals verzeichnet.

Derzeit befinde man sich jedoch an einem kritischen Punkt für die Amtszeit Modis. Das Wachstum habe sich 2017 leicht abgeschwächt (auf ein geschätztes jährliches Wachstum von 7,1%), da einige der Reformmaßnahmen kurzfristige Belastungen verursacht hätten. Dies scheine einige Marktteilnehmer zu beunruhigen, die kurzfristigen negativen Auswirkungen auf das Wachstum seien häufig jedoch notwendige Konsequenzen aus der Umsetzung der richtigen langfristigen Lösungen.

Der Schlüssel für die Zukunft der indischen Wirtschaft werde aller Wahrscheinlichkeit nach nicht davon abhängen, wie sich das Wachstum in den nächsten paar Quartalen gestalte, sondern vielmehr davon, ob Modi auch weiterhin die Art dauerhafter transformativer Reformen durchsetzen könne, die Indien benötige, und ob hierdurch das wirtschaftliche Potenzial des Landes deutlich erhöht werden könne. Nach Einschätzung des Experten sei dies durchaus möglich.

So seien bereits (im Mai 2016) Konkursgesetze erlassen worden, die darauf abzielen würden, eine Durchsetzung von Verträgen zu unterstützen und letztlich eine verstärkte Darlehenstätigkeit zu fördern, indem sie das Vertrauen in das Finanzsystem stärken würden. Zudem seien massive Anpassungen an der Abgabenordnung durchgeführt worden, im Zuge derer (im Juli 2017) eine Steuer auf Waren und Dienstleistungen eingeführt worden sei, die dazu beitrage, die Komplexität und Ineffizienz des inländischen Tarifsystems zu vermindern.

Die Regierung habe zudem (im November 2016) einen gewagten Plan umgesetzt, bei dem 86% des umlaufenden Bargeldes entwertet worden sei, um so finanzielle Mittel aus der Schattenwirtschaft herauszulösen und in die reguläre Wirtschaft einzubinden. Dies seien beispiellose und wichtige strukturelle Reformen für Indien - Modis Regierung sei es gelungen, Fortschritte in Politikfeldern zu erzielen, in denen es unter den vorherigen Regierungen seit Jahrzehnten keinerlei Bewegung gegeben habe.

Aus makroökonomischer Sicht habe Modi zudem für dringend benötigte Stabilität gesorgt. Die Reserve Bank of India (RBI) habe eine aus seiner Sicht verantwortungsvolle Geldpolitik beibehalten und Maßnahmen zur Inflationsbekämpfung eingesetzt, um Phasen erhöhter Inflation, die die Wirtschaft destabilisieren könnten, ein Ende zu setzen. So sei die Inflation in Indien auf jährlicher Basis von über 10% im Jahr 2013 auf unter 2% im Jahr 2017 gesunken. Auf der fiskalpolitischen Seite habe die Regierung nach Ansicht des Experten ebenfalls ihren Beitrag geleistet, indem sie einen verantwortungsvollen Haushalt gewahrt habe. Auch die Leistungsbilanz habe sich gegenüber den 2013 verzeichneten hohen Defiziten deutlich verbessert.

Alles in allem zeichne sich hiermit für Indien ein relativ solides makroökonomisches Bild ab. Was für die langfristige Gesundheit gut sei, könne kurzfristig jedoch bisweilen wie bittere Medizin erscheinen. Um ihre Glaubwürdigkeit zu sichern, könne eine Zentralbank gezwungen sein, höhere Zinsen zu wahren, während eine Regierung gegebenenfalls ihre Ausgaben kürzen müsse, um Haushaltsdisziplin zu beweisen. Derartige Maßnahmen könnten das kurzfristige Wachstum beschränken, die längerfristige Robustheit der Wirtschaft jedoch stärken.

Im kommenden Jahr oder auch ein wenig darüber hinaus könnte sich die Wirtschaftstätigkeit in Indien abschwächen. Nach Einschätzung des Experten sei es für Anleger jedoch wichtig, zu erkennen, dass dies eine Dämpfung des Wachstums der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft der Welt wäre, und nicht etwa eine Kontraktion oder Entgleisung. Indien entwickle gerade eine neue Vision seiner wirtschaftlichen Zukunft, und diese kurzfristigen Anpassungen könnten in den kommenden Jahrzehnten immenses wirtschaftliches Potenzial freisetzen.

Alles in allem bleibe der positive Ausblick des Experten für Indien trotz der kurzfristigen Herausforderungen unverändert. Es gebe eine Reihe zusätzlicher Maßnahmen, die die Regierung in den kommenden Jahren ergreifen könne, um die Leistungsfähigkeit der Wirtschaft in den bevorstehenden Jahrzehnten zu beeinflussen. Maßnahmen für den Umgang mit der Anhäufung notleidender Kredite im Bankensektor und zur Verbesserung des allgemeinen Vertrauens in das Finanzsystem würden wichtig sein. Zudem seien an den Grundstücks- und Arbeitsmärkten, im Versorgungssektor und in der Transportinfrastruktur Ineffizienzen zu beobachten, die durch umfassende Reformen vermindert werden könnten.

Dennoch befinde sich Indien aus Sicht des Experten als globaler Anleihenmanager mit einer fiskalpolitisch konservativen Regierung, einer sich abkühlenden aber weitgehend widerstandsfähigen Wirtschaft und einer Zentralbank, die die Inflation in den Griff bekämen und angemessene Zinsen gewahrt habe, in einer attraktiven Phase. Dies seien für Anleihen gute Bedingungen, und die Experten würden an den indischen Märkten für auf Lokalwährung lautende Titel weiterhin attraktive Bewertungen beobachten. Alles in allem würden sie die Reformanstrengungen Modis optimistisch einschätzen und nach wie vor ein zunehmendes wirtschaftliches Potenzial für das Land sehen. (Ausgabe vom 07.08.2017) (16.08.2017/alc/a/a)